Thorsten Schäfer-Gümbel auf Rettungsmission
08.01.2009 | 13:51 Uhr 2009-01-08T13:51:00+0100
Wiesbaden. Der Kandidat der Hessen-SPD ist im Wahlkampf bemüht, sich mit Ironie und Selbstkritik von Andrea Ypsilanti zu emanzipieren. Reichen wird das kaum. Der SPD droht vielmehr eine Niederlage historischen Ausmaßes.
Der vergangene Sonntag lief aus Sicht von Thorsten Schäfer-Gümbel nahezu optimal. Mit seiner Frau hatte der hessische SPD-Spitzenkandidat "bei einem guten Glas Rotwein wie immer den Tatort geguckt", berichtet er glucksend. Und schon kurz vor dem TV-Ereignis hatte die Bundes-SPD beschlossen, zur Finanzierung des Konjunkturpakets den Spitzensteuersatz um zwei Prozent erhöhen zu wollen. "Ein Erfolg für die hessische SPD", freut sich Schäfer-Gümbel. Für seinen Vorschlag einer "Zwangsanleihe für Reiche" hatte er auch innerparteilich Prügel bezogen, die weh taten. Nun aber sei das SPD-Präsidium über den Steuer-Umweg auf seine Linie eingeschwenkt - und zwar "in einer Schaltkonferenz unter meiner Beteiligung", wie er eine Spur zu demonstrativ betont.
Sein Leitthema heute heißt "Gute Arbeit"
Für den 40-Jährigen, der vor zwei Monaten allenfalls in seiner Heimatstadt Gießen bekannt war, muss es immer noch ziemlich aufregend sein, mit den Großen der Partei auf Augenhöhe zu kommunizieren. So gestärkt stürzt sich der Mann, der aus seinen Initialen den Kampfnamen "TSG" bildete, in einen langen Wahlkampftag, wo er diesen seinen Erfolg noch etliche Mal gehörig zur Sprache bringt.
Ansonsten heißt sein Leitthema heute "Gute Arbeit". Der rote Faden ist simpel: Gute Arbeit ist alles, was tariflich abgesichert von qualifizierten Festangestellten in Vollzeit ausgeübt wird und mit einem Lohn vergolten wird, von dem sich ohne staatliche Zuschüsse gut leben lässt. Für diese ideale Welt, verspricht Schäfer-Gümbel, steht die hessische SPD. Schlechte Arbeit, die es künftig gar nicht mehr geben soll, sind Minijobs, Leiharbeit, unqualifizierte Arbeit, die in Hessen geltende 42-Stundenwoche für Landesbedienstete und alles, was einer finanziellen Aufstockung bedarf. Es überrascht nicht, dass für derlei Grausamkeiten ausschließlich "der letzte Mohikaner des Marktradikalismus", nämlich Ministerpräsident Roland Koch verantwortlich ist.
Schon bei seiner ersten Station erfährt Schäfer-Gümbel, dass es so einfach nicht ist. Im Altenzentrum der Arbeiterwohlfahrt in Wiesbaden betont der örtliche Awo-Geschäftsführer, Ein-Euro-Jobs seien durchaus geeignet, langjährig arbeitsentwöhnten Menschen eine Chance auf Wiedereinstieg zu bieten. Das Hockenbleiben auf der heimischen Couch böte jedenfalls keine Alternative. Schäfer-Gümbel beeilt sich zu betonen, dass "der Kern des Problems nicht das Instrument selbst ist", wohl aber jene, die es "missbrauchen". Die SPD-nahe Awo ist da aber nicht gemeint.
TSG ist als Wahlkämpfer ein angenehmer Vertreter. Er formuliert in der Regel klare Sätze, wird selten polemisch, lässt allerdings manchmal den leicht verspielten Politologen anklingen, etwa als es um sein Lieblingsprojekt, eine Internationale Bauausstellung Rhein-Main geht. Dann prasseln geblähte Wendungen wie "Beziehungsgeflechte im Generationendialog" auf die Zuhörer nieder oder es gilt, Schäfer-Gümbels freudige Erwartung eines "Science-Centers der Weltkulturen" zu teilen, den er am Flughafen Frankfurt realisiert sehen möchte. Wahlkampf-Hits sind solche Termine wahrlich nicht.
Aber das sind Ausrutscher. Ob im Awo-Pflegeheim, im Jugendhilfezentrum, bei den Transnet-Betriebsräten in Frankfurt oder bei den Journalisten im Begleitbus: TSG hört gut zu, wirkt unarrogant, stellt ein paar wenige Fragen, die Interesse suggerieren und weicht umgekehrt selten einer Frage aus. Um im Land rasch bekannt zu werden, hat er sich größtmögliche Offenheit verordnet, die bis weit ins Private reicht. Bereitwillig erzählt er von seiner Herkunft aus einer kernigen sozialdemokratischen Familie, von der Aufstiegsorientierung des Vaters, den Krankheiten der verstorbenen Mutter oder den Berufen der Geschwister.
Nachdem seine Brille als unvorteilhaft entlarvt war, ließ er die Öffentlichkeit an der Suche nach einem neuen Modell teilhaben, nicht ohne kokett zu mahnen, danach müsse es aber bitte wieder um politische Inhalte gehen. Sein Hang zur Selbstironie hebt sich wohltuend von der humorfreien Verbissenheit ab, die Vorgängerin Andrea Ypsilanti auszeichnete. Anders als sie verspürt TSG nicht den Zwang, in wirklich jeder Minute seines Politikerdaseins die Welt, mindestens aber Hessen retten zu müssen.
Schäfer-Gümbel auch massiv im Internet unterwegs
Allerdings mangelt es der SPD bitter an jener Aufbruchstimmung des Wahlkampfs Anfang 2008, als sich Ypsilanti in den Umfragen immer näher an CDU-Amtsinhaber Koch heranschob. Was dann bekanntermaßen folgte, war der mehrfach gescheiterte Koalitions-Versuch mit Hilfe der Linkspartei, der alle Erfolge zerstörte, und schließlich die Neuwahl-Entscheidung. Zurzeit dümpelt die Hessen-SPD deshalb bei 24 Prozent Wählerzustimmung herum und auch die netten Blogs, Videos und Chats, mit denen Schäfer-Gümbel nach Art von Barack Obama die Internet-Community erfreut, vermochten daran nichts zu ändern.
Werbeprofis sagen, es sei unmöglich, binnen zweier Monate einen Unbekannten zu einem Kandidaten aufzubauen, dem die Wähler die Führung eines Bundeslandes zutrauen. Das scheint sich zu bestätigen. Da Schäfer-Gümbel persönlich aber nichts zu verlieren hat, kämpft er unbekümmert weiter. Wenn es richtig schief geht, ist sowieso Ypsilanti schuld. Bleibt die SPD bei 30% hängen, hätte TSG einen Achtungserfolg verbucht, der ihm dann wohl die Partei- und/oder die Fraktionsspitze sichern würde. Zurzeit hält hier noch Ypsilanti die Stellung, was der CDU die Chance gab, Schäfer-Gümbel als reine Marionette hinzustellen. Da der Neue aber inzwischen Ypsilantis "Solarpapst" Hermann Scheer aus der ersten Reihe entfernte und auch indirekt den SPD-Generalsekretär und Ypsi-Anhänger Norbert Schmitt zur Rückzugs-Ankündigung nötigte, wächst der Respekt. Schäfer-Gümbel vollzog einen gewissen Bruch, als er in einem Interview Ypsilantis "Wortbruch" genau so nannte und als "Fehler" kennzeichnete. Ein Fehler, den er freilich ohne Murren und erkennbare Skrupel bis zuletzt mittrug. "Ich habe die Wähler nicht bewusst belogen", sagt er dazu jetzt, doch in der Politik sei es nun einmal wie im wahren Leben: Schwarz-Weiß gebe es selten, dafür viel Buntes.
Ohne jede Differenzierung ist seine Haltung zu Ministerpräsident Roland Koch, den es aus vollem Herzen verachtet. "Eine große Koalition mit Koch an der Spitze kann es nicht geben", sagt TSG, und sein gutmütiges Gesicht wird dann auch mal markig. An dem dämonisierten CDU-Mann arbeitet sich die SPD regelrecht ab. "Wirklich wieder Koch?", heißt es auf Wahlplakaten.
In den üblichen Schützengräben
Es verwundert nicht, dass alle hessischen Parteien längst wieder in den üblichen Schützengräben sind. Wenn CDU und FDP keine Mehrheit bekommen und Koch nicht den Weg frei macht, könnte es somit doch wieder auf Rot-Grün-Rot hinauslaufen. Eine Zusammenarbeit mit den Linken schließt Schäfer-Gümpel jedenfalls ausdrücklich nicht aus, was angesichts des fertigen, von ihm mitgetragenen Koalitionsvertrages auch völlig unglaubwürdig wäre. Inhaltlich ist Schäfer-Gümbel ohnehin klar auf dem linken Flügel der Hessen-SPD verortet. Bei allem Bemühen um Emanzipation - es steckt schon viel Ypsilanti in ihm drin. (NRZ)

22:41
Thorsten Schäfer-Gümbel soll die Hessen-SPD retten -
Die Mühe kann er sich sparen, die PD (ja ohne S, dat gibt´s ja nicht mehr) ist gerade dabei sich ´ne Rakete zu bauen, um sich damit gänzlich zum Mond zu befördern - Siehe Artikel Die SPD will die nächste Stufe zünden...und tschüss, grüßt mir die Sonne....
16:37
#4
Das ist ein Wunschtraum, der jeglicher Realität entbehrt. Die wählenden Bürger sind schlau genug, endlich Klarheit zu schaffen. Und das ist mit Sicherheit die Koalition schwarz-gelb.
14:06
Weil einige Optimisten tippen will ich auch mittippen.
CDU 31,8 %
SPD 24,7 %
FDP 5,9 %
Grünen 10,2 %
Die Linke 26,4 %
Restliche Parteien 3 %
12:39
Egal wie die Wahl dieses Mal auch ausgehen mag: Wähler/Innen, und Parteien werden es hinnehmen (müssen) und sollten sich das Ergebnis nicht (jeder für sich) wieder schön rechnen.
08:57
Die SPD in Hessen ist dank Lügilanti und den anderen Hohlköpfen der SPD die diese unterstüzt haben zur Lachnummer der Nation geworden.
Die Quittung bekommt Sie im Januar bei den Wahlen.
Wie kann eine Partei die fast die Wählermehrheit hatte so bekloppt sein.????
05:20
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01:04
Der Gümbel sein Schäfer wird froh sein, wenn er mal knapp zweistellig verliert.
Als höchstens drittstärkste Fraktion.
O.k., o.k., in den Landtag wird die spd wohl noch kommen.
23:54
@von Kölner
Was hat denn die SPD für ein Wahlprogramm?
Lesen SIe einfach mal nach, ist in Zeiten des Internets ja kein Problem. Wahrscheinlich wird Ihnen das Programm nicht gefallen, aber das ist eine andere Sache. Die hessische SPD hat als ziemlich einziger Landesverband ein Programm, mit dem sich die SPD noch von der CDU unterscheidet.
Was die angeblich von Frau Ypsilanti gebrochenen Wahlversprechen angeht, nur zur Information: Frau Ypsilanti hat überhaupt nicht regiert. Insofern konnte sie auch, im Gegensatz zu Merkel und co gar keine Wahlversprechen brechen. Lediglich eine vor der Wahl gemachte Koalitionsaussage hat sie nach der Wahl über den Haufen geworfen, was sicher ein Fehler war. (aber auch nicht einzigartig in der Geschichte unseresLandes.)
@von Peter133
Bei Männern wird Machtbewusstsein bewundert, bei Frauen ist es Machtgeilheit. Jeder Politiker möchte an die Macht, das ist doch ganz natürlich. Dass es im 21. Jahrhundert immer noch so rückständige Männer gibt, die Angst vor ehrgeizigen Frauen haben, ist schon erstaunlich.
23:18
Jo, das macht der mit Links, der ist ne Rakete.
23:13
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