Terrormiliz steht vor Palmyra

Palmyra..  Bei schweren Gefechten nahe der antiken syrischen Oasenstadt Palmyra sind nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gestern Dutzende Kämpfer getötet worden. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) war zuvor weiter auf das Zentrum von Palmyra vorgerückt, das von Truppen des Machthabers Baschar al-Assad gehalten wird. Sie gelangte damit in die unmittelbare Nähe des berühmten Weltkulturerbes. Syrische Regierungstruppen schlugen die Miliz gestern nach eigenen Angaben zurück, nachdem der IS zuvor im benachbarten Irak die Provinzhauptstadt Ramadi überrannt hatte. Gebannt ist die Gefahr keineswegs: Die Terrormiliz steht weiter am Stadtrand und in den Hügeln von Palmyra.

„Die Stadt ist ein Wunder“, schrieb bereits im 13. Jahrhundert fasziniert der syrische Geograf Yakut, als er nach fünf Tagesreisen erstmals aus Aleppo in Palmyra eintraf. „Manche behaupten gar, sie sei von den Dämonen des Salomo errichtet worden.“ Bis heute ist der einstige Glanz der Oasensiedlung und der sagenhafte Reichtum seiner antiken Bewohner spürbar geblieben.

Besiedelt wurde der faszinierende Ort, den orientalische Dichter als „Perle der Wüste“ priesen, seit der Bronzezeit. Der große Aufschwung begann mit dem Ende des Seleukidenreiches in Mesopotamien 130 v. Chr., als sich die Parther ins Zweistromland ausdehnten und die Römer Syrien besetzten. Plötzlich fand sich Palmyra zwischen den beiden neuen antiken Weltmächten wieder – und entwickelte sich zu einer blühenden Handelsmetropole. Seine goldene Epoche begann in den letzten Jahrzehnten vor Christi Geburt unter Kaiser Augustus und endete abrupt 273 n. Chr., als ein römisches Heer die Stadt plünderte. 300 Jahre dauerte die historische Glückssträhne Palmyras. In der letzten Schlacht gelang es der letzten Königin Zenobia, zunächst, durch die feindlichen Linien zu fliehen. Später wurde sie am Euphrat festgenommen und im Triumphzug durch Rom geführt.

Als erster Europäer entdeckte 1691 der Engländer William Halifax das versunkene Juwel, in dessen Kultur griechische, römische und persische Einflüsse miteinander verschmolzen sind. 1980 wurde Palmyra Unesco-Weltkulturerbe. Mit seinen Tempeln und Festtoren, seinem 1952 freigelegten römischen Theater und seinen Kolonnaden-Straßen sowie reich verzierten unterirdischen Grabanlagen gehört es zu den imposantesten antiken Zeugnissen des Nahen Ostens.

In der modernen Stadt Tadmur, die nördlich des Ruinenareals liegt, lebten vor Beginn des Bürgerkriegs rund 70 000 Menschen, die meisten von Tourismus und Dattelanbau. Bereits in den Jahren 2012 und 2013 wurden nach Angaben der syrischen Antikenverwaltung aus den Gräbern mindestens 25 antike Büsten Verstorbener gestohlen, die auf dem internationalen Schwarzmarkt sehr gefragt sind.

Mehrere Königsstädte zerstört

Sollte der Islamische Staat bis auf das Gelände mit seinen über 1000 Säulen vordringen können, droht Palmyra das gleiche Schicksal wie den assyrischen Königsstädten Nimrud, Hatra und Niniveh in der Umgebung von Mosul, die die Dschihadisten mit Bulldozern, Sprengstoff und Presslufthämmern dem Erdboden gleichmachten. „Sollte der IS Palmyra erobern, wird er alles zerstören“, erklärte Maamoun Abdulkarim, Chef der syrischen Antikenverwaltung. Er warnte: „Wenn die antike Stadt in ihre Hände fällt, wäre das eine Katastrophe von internationalem Ausmaß.“