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Türkei-Unruhen

Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende

08.06.2013 | 15:19 Uhr
In den Augen vieler Türken widerspricht der autoritäre Regierungsstil von Regierungschef Tayyip Erdogan nicht den Idealen des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk.Foto: rtr

Istanbul/Düsseldorf.  Ungeachtet der Appelle des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan haben Tausende Regierungsgegner am Samstag ihre Proteste fortgesetzt. Im Istanbuler Arbeiterviertel Gazi setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. Auf dem Taksim-Platz verbrachten Regierungsgegner eine weitere Nacht in Zelten

In der türkischen Metropole Istanbul haben am Samstag tausende Menschen ein Wochenende des Protests gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eingeläutet. Seit dem frühen Morgen kamen zahlreiche Menschen mit Lebensmitteln und Decken zum Taksim-Platz, dem Zentrum der Proteste, wo sich seit Tagen eine Zeltstadt immer weiter vergrößert. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bezeichnete die Lage als "Bewährungsprobe" für die Regierung in Ankara.

Die Demonstranten trotzten der Aufforderung Erdogans vom Freitag, die Proteste sofort zu beenden. "Noch vor einer Woche hätte ich mir nicht vorstellen können, in Istanbul draußen auf der Straße zu schlafen", sagte die 22-jährige Aleyna. "Jetzt weiß ich nicht, wie ich jemals wieder zurückgehen soll".

Der 22-jährige Emre Altinok sagte, Proteste oder Unruhen gefielen ihm im Grunde nicht. "Aber ich möchte hier sein, um eine Botschaft zu vermitteln." Er bezweifle zwar, dass der Protest Erdogan zum Rücktritt bringe. Doch der Regierungschef wisse jetzt, "dass er nicht alles sagen oder machen kann, was er will".

Westerwelle: Türkische Regierung muss Bürgerrechte achten

Auch in der Hauptstadt Ankara waren erneut Kundgebungen geplant. In der Nacht zum Samstag war es in der Türkei weitgehend ruhig geblieben. Tausende demonstrierten friedlich auf dem Taksim-Platz und in mehreren Städten. Lediglich in einem Vorort von Istanbul setzte die Polizei Tränengas und Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. Diese sollen Feuerwerkskörper und Sprengsätze auf die Sicherheitskräfte geworfen haben.

Außenminister Westerwelle mahnte die türkische Regierung in der "Welt am Sonntag", die Bürgerrechte zu achten. "Das ist eine Bewährungsprobe für die türkische Regierung, Europa und der Welt zu zeigen, dass die Herrschaft des Rechts und die Freiheitsrechte ihr etwas gelten", sagte er mit Blick auf das teils harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten. Erdogan müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein, "die Lage zu beruhigen".

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier forderte Reformen in der Türkei. Das politische System und das Vorgehen der Sicherheitsbehörden müssten so verändert werden, "dass beide zueinander passen", sagte er laut einer Vorabmeldung dem Nachrichtenmagazin "Focus".

Proteste in der Türkei

Solidaritäts-Demonstrationen in NRW

In mehreren Städten Nordrhein-Westfalens haben am Samstag türkische Vereine und Gruppen ihre Solidarität mit den Demonstranten in der Türkei bekundet. Die Demonstrationen und Kundgebungen mit insgesamt mehr als 2000 Teilnehmern verliefen laut Polizei friedlich. Die Organisatoren hatten mehrere tausend Teilnehmer angekündigt. In Düsseldorf zogen zwei Vereine mit insgesamt rund 1200 Teilnehmern durch die Innenstadt. In Oberhausen kamen nach Polizeiangaben etwa 800 Menschen in der Innenstadt zusammen. Auch in Bonn richteten sich die Proteste von mehreren hundert Menschen gegen das gewaltsame Vorgehen der türkischen Polizei gegen Demonstranten. Es waren aber auch Aufrufe zum Stopp der Gewalt in Syrien und zur humanitären Hilfe dabei.

Die Protestwelle in der Türkei hatte am Freitag vergangener Woche nach einer gewaltsamen Polizeiaktion gegen Demonstranten begonnen, die ein Bauprojekt im Gezi-Park am Taksim-Platz verhindern wollten. Seitdem weiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus und wandten sich zunehmend gegen Erdogan, dem die Demonstranten einen autoritären Regierungsstil vorwerfen. Der türkischen Ärztevereinigung zufolge wurden bei den Protesten drei Menschen getötet und fast 4800 weitere verletzt.

Erdogan zeigte sich am Freitag einerseits offen für "demokratische Forderungen" der Demonstranten. Andererseits sagte er, die Proteste "grenzen an Vandalismus". Kritik europäischer Politiker wies Erdogan zurück. In jedem anderen europäischen Land würden ähnliche Proteste "eine härtere Antwort" nach sich ziehen, sagte er. (afp/dpa/rtr)



Kommentare
09.06.2013
08:27
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von taosnm | #7

Die türkischen Demonstranten haben meinen grossen Respekt. Quer durch viele Gruppen der Gesellschaft demonstrieren sie friedlich gegen eine Regierung, die Staat und Religion nicht mehr trennen will. Religiöse und nichtreligiöse Menschen sind sich da einig und sind nicht mehr bereit, den wirtschaftlichen Erfolg der Regierung Erdogan über alles zu stellen. Der Grössenwahnsinn des Regierungschefs erhält Dämpfer und kann möglicherweise sogar gestoppt werden. Wenn Demokratie von oben zwar propagiert, aber nicht realisiert wird, kann sie nur von unten durchgesetzt werden. Hier können wir von der Türkei lernen.

08.06.2013
20:40
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von teke | #6

Ich weiss gar nicht, was die Demonstranten (eine sehr kleine aber agressive Minderheit) überhaupt wollen. Die westl. Medien sollten mal deren Forderungen auflisten.
Meines Erachtens sind das Verfechter des vorgestrigen. Die wollen einen Zustand wieder haben, als Kurden noch als Bergtürken bezeichnet wurden. Minderheiten galten als nichtexistent. Der Erdogan und die Partei AKP haben einen Prozess des Miteinader in der Türkei angestoßen. Und dieser Prozess läuft. Es ist nicht immer harmonisch aber es wird immer besser. Diese sogenannten Verfechter der Demokratie streben einen Zustand an, welcher absolut nicht demokratisch ist. Dieser beruft sich auf die Kemalistische Ideologie. Das Militär als stärkste Organisation in einem Land. Ist das demokratisch?
Wie kann es sein, daß Polizisten mit Steinen beworfen werden? Das ist nur einen Nebenvermerk in den westlichen Medien wert. In FFM haben bloccupy Demonstranten die Polizisten mit Farbballons beworfen und wurden genauso heftig angegangen.

1 Antwort
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von Mauerblume | #6-1

Träumen sie weiter und lassen sie die Verbreitung von Erdogans Droktrien, denn diese verstoßen gegen die Menschenrechte. Oder warum nimmt man Tränengas gegen zuerst friedlich demonstrierende Menschen. Erdogan will einen islamorientierten Staat.
wo gibt so etwas, dass er per Gesetz Kaiserschnitte verbieten lassen will! Das ist eine Angelgenheit zwischen der Frau, Mann und den Ärzten ...und nicht erst Erdogan fragen.!!
Die Menschen die heute auf die Straße gehen sind Menschen quer durch alle Altersgruppen. Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben und keine Diktatur!!

08.06.2013
18:51
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von Engelstrompete52 | #5

Es ist nicht nachvollziehbar, warum der Michel diese Demonstrationen in Deutschland erlaubt. Demonstriert wo auch immer , am besten in Euren Heimatländern .

08.06.2013
17:59
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von fogfog | #4

die Türkei ist ein demokratisches Vorbild und könnte sofort der EU beitreten. Erdohahn
wird dann sofort Kommissionspräsident und wird den laden schon schmeissen.

1 Antwort
@fogfog
von Ismet | #4-1

Auch wenn Ihre Aussage wohl ""Ironisch" sein sollte, hat es doch was wahres an sich.
Der Erdogan würde der Eu mehr als gut tun. Jedoch, will das in der EU keiner. Denn dann würden die Reichen hinter den banken nicht die Milliarden zugeschustert bekommen den Sie im Moment dem EU Volk aus den Rippen schneiden...
Auch wenn Sie es nicht glauben werden. Ich als Türke möchte auch nicht das die Türkei der EU beitritt. Denn das hat das türkische Volk bei weitem nicht Verdient.

08.06.2013
16:57
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von babilon | #3

Erdogan will im Park unbedingt ein Einkaufcenter bauen,so ist die Obrichkeit,in Deutschland wird es genauso gehandhabt,am Eilerberg zum Beispiel,da wird Gift gekippt
und keinen intressiert die Bevölkerung,da werden Wälder ungenehmigt gerodet.
Als das auffiehl wurde es von der eigensinnigen Bezirksregierung im nachhinein genehmigt. Scheinbar hat sich die Bezierksregierung verselbstständigt,so das die Politiker und die Minisaterpräsidentin keinen Einfluß mehr haben.

1 Antwort
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von Ismet | #3-1

Warum sind hier keine Menschen auf den Straßen?
Der Michel ist nun mal über Jahrhunderte hinweg dazu domestiziert worden, dazu noch das Desinteresse an allem was ihn nicht direkt tangiert...
Die Türkei hat seit Jahrzehnten damit zu kämpfen, das einige Gruppierungen das Land Spalten wollen.
Die Regierung kennt solche Vorgänge, daher wird sie dem auch kaum nachgeben.
Ob das gut ist oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen.

08.06.2013
16:26
Eine Zerreissprobe der Türkei bahnt sich an ....
von Tanoebel | #2

...da neben dem seit Jahrzehnten dauernden Bürgerkrieg in der Osttürkei und mit Invasionen im Nordirak ausgeweiteten Krieg gegen die Kurden nun mit Syrien ein weiterer strategischer Konfliktherd neben dem Iran entstanden ist, auf den es erkennbar Israel und die USA abgesehen haben. Dazu nun die inneren Konflikte zwischen einer mehr "westlich" orientierten jungen Generation in den Grosstädten - siehe die Frauen ohne Kopftuch - und der islamisch konservativen AKP des Ministerpräsidenten Erdogan und der zunehmend islamisch konservativen Landbevölkerung und den türkischen Auslandsgemeinde - siehe die Verhältnisse und Aussagen von Exiltürken in der BRD. Geostrategisch gesehen ist die Türkei derzeit alles andere als "stabil"!

08.06.2013
15:37
Tausende Demonstranten in Istanbul starten Protestwochenende
von donelvis | #1

Sollten die Demonstranten es schaffen und Erdogan zum Rücktritt zwingen, muss es Neuwahlen geben. Und diese wird, nach aktuellen Umfragen in der Türkei, Erdogan mit absoluter Mehrheit gewinnen. Selbst wenn er nicht zur Wahl antreten würde, seine Partei würde dennoch gewinnen und alles wäre beim Alten z.B. die Regierungsmitglieder. Deshalb frage ich mich, warum die Proteste weitergehen. Ich denke, dass die Botschaft angekommen ist. Weiterhin frage ich mich, mit wem Erdogan bzw. die demokratisch gewählte Regierung verhandeln könnte und auch worüber. Es sind so viele oppositionelle Gruppen an den Protesten beteiligt, von links nach rechts. Die sind sich ja nur in einem Punkt einig: dass Erdogan zurücktreten soll. Diese Gruppen sind nicht in der Lage, einen gemeinsamen Ansprechpartner für Verhandlungen zu stellen. Schätze ich die Situation vielleicht nur falsch ein?

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