Tannbach zeigt den Aufbruch unter Schmerzen

Essen..  Tannbach, das fiktive Dorf im aktuellen ZDF-Dreiteiler, ist wie ein Spiegel des deutschen Nachkriegsdramas. Wir sehen: die Ängste der Überlebenden, menschliche Abgründe und Intrigen, das Ringen zwischen alten Nazis, neuen Demokraten und zornigen Kommunisten, einen Aufbruch unter Schmerzen.

6,35 Millionen Zuschauer ließen sich zum Auftakt auf diese Zeitreise ein und brachten „Tannbach“ damit fast auf Augenhöhe mit dem „Tatort“ im Ersten. Ähnlich viele sahen im November „Das Zeugenhaus“, in dem es um die Nürnberger Prozesse ging.

Der ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler erreichte 2007 gar elf Millionen Zuschauer. Geschichte – vor allem die rund um das Schicksalsjahr 1945 – bringt den Sendern Quote. Sogar Jüngere schalten ein. Warum nur sind 70 Jahre alte Erinnerungen in den Augen des TV-Publikums keine ollen Kamellen?

Ein Grund dürfte die Top-Besetzung für diese Formate sein: Lauterbach, Furtwängler, Berben & Co. Aber das erklärt den Erfolg solcher Programme nur zum Teil. Viel entscheidender ist offenbar, das die Zuschauer in diesen Filmfiguren den eigenen Vater, die Großmutter, den verschollenen Bruder oder sogar sich selbst erkennen. „Die Nachkriegszeit spielt im Familiengedächtnis eine besondere Rolle“, sagt der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach. „In diesen Jahren erfolgten familiengeschichtliche Weichenstellungen“.

Heißt: Die Brüche rund um 1945 sind im größten Maßstab (historisch und politisch) genauso bedeutsam wie im kleinsten (privat und persönlich). „Es ist eine besondere Zeit, weil sie so elementar war, so existenziell“, sagt Faulenbach, Professor für Zeitgeschichte.

Viel prägender noch als zum Beispiel die 1950er-Jahre, aus denen vor allem die WM ‘54 und die Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen in der Erinnerung bleiben. In jeder Familie verändert sich nach 1945 etwas. Manchmal zum Schlechten, oft zum Guten. Es ist ein echter Neuanfang, eine „Stunde 0“.

Noch etwas erkennt Historiker Faulenbach: Deutschland ist offener geworden für historische Themen. Früher – in den 50ern und 60ern – sei Geschichte eher verdrängt worden, heute rücke sie ins Zentrum: „Aus der Geschichts-Vergessenheit wurde eine Geschichts-Besessenheit“.

Das könnte nach Einschätzung des Historikers Horst Pöttker (Uni Hamburg, TU Dortmund) auch daran liegen, dass die Deutschen in den jüngsten Geschichts-Mehrteilern „nicht mehr nur als Täter, sondern auch als Opfer“ beschrieben werden. „Man muss sich als Zuschauer nicht mehr so schuldig fühlen.“

Kontrast zwischen Elend und Wohlstand

Aus der Perspektive des Zuschauers scheint zudem der Kontrast zwischen dem unendlichen Elend damals und dem fast unermesslichen Wohlstand heute reizvoll.

„Wenn wir als Wissenschaftler Menschen an Rhein und Ruhr nach ihren Erinnerungen aus dieser Zeit fragten, dann hörten wir Geschichten von Menschen, die nichts besaßen, die sich irgendwie durchschlagen mussten.“ Auch Jüngere lernen mithilfe solcher Filme, dass unser Wohlstand eine Vorgeschichte aus purer Not hat.

Heute ist die unmittelbare Nachkriegszeit für ein Massenpublikum interessant, davor waren es die Gräuel der NS-Zeit (man denke an den US-Mehrteiler „Holocaust“, der Ende der 70er-Jahre auch hierzulande eine breite Diskussion über die Judenverfolgung auslöste), bald könnten die Mehrteiler langhaarige Revolutionäre zeigen.

Professor Faulenbach: „Irgendwann werden es die APO-Opas sein, die thematisiert werden.“ Und Quote bringen.