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Einsamkeit

"Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten" - wie Walter Baltes aus der Einsamkeit fand

23.12.2013 | 18:44 Uhr
"Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten" - wie Walter Baltes aus der Einsamkeit fand
Willkommener Gast an so mancher Sonntagstafel: Walter Baltes. Der 95-jährige Wittener lebt gern im Seniorenheim der Boecker-Stiftung; zwischendurch genießt er es aber, mal ganz neue Leute kennenzulernen.Foto: Walter Fischer/ WAZ-Fotopool

Witten.   "Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten." Mit diesem Aufruf in der WAZ fand Walter Baltes einen Ausweg aus seiner Einsamkeit. Seit August stapeln sich die Einladungen wildfremder Menschen, die den pfiffigen 95-Jährigen sonntagsmittags daheim bewirten. Seinen Beitrag zum Braten mochte bisher niemand annehmen.

Darf ich vorstellen: Walter Baltes. Gelernter Bühnenbildner, überlebte den Krieg als Fallschirmjäger. Erfand Förderbandrollen für den Bergbau, schrieb Bücher, ­führte eine Wochenzeitung und eine Galerie, lebte stets „von einer Idee zur nächsten“. Sein jüngster Einfall gab dem zuletzt einsamen, oft langweiligen Leben des 95-Jährigen noch einmal unverhofften Schwung – das war die Sache mit dem Sonntagsbraten.

Da sitzt er in seinem moos­grünen Sessel, in dem er den größten Teil des Tages verbringt. Seine Bewegungen sind müde, aber seine Augen blitzen pfiffig. „Sogar ein amerikanisches Frauenmagazin interessiert sich jetzt für mich“, gibt er ein wenig an.

„Ach“, sage ich erstaunt, und Baltes entgegnet: „Das ist schön. Aber habe ich eigentlich gelüftet?“ Die Fußpflegerin habe ihn kürzlich ermahnt. Also lüften wir das winzige Zimmer mit der Schlafecke hinter einem Vorhang, der kleinen Küche und den Zeichnungen an den Wänden. Und Walter Baltes erzählt, wie alles begann.

Nach dem Tod seiner Frau Lorle wollte er nicht weg

Im Sommer, er saß wohl wieder im Sessel, dachte er nach. Was wünschte er sich? Eingeladen zu werden. Sich an einen gedeckten Tisch zu setzen, gute Gespräche zu führen. Vor fünf Jahren hat Baltes seine liebe Frau Lorle verloren, „seitdem lebe ich in einem tiefen Loch“. Seine Tochter wohnt in ­Österreich, sein Sohn in Cux­haven.

Er aber wollte in Witten bleiben, wo ihn jeder kennt. Zuletzt tingelte er als Zeitzeuge durch Schulen und erzählte von seiner Zeit als Hitlerjunge. In all den Jahren lauschten 5000 junge Wittener ergriffen seinen Erinnerungen.

Mit Lorles Tod hatte das ein ­Ende. Sie starb an Krebs, in seinen Armen. Nach ihrem Tod zog er ins Seniorenzentrum, das erschien ihm praktisch: Mit dem Rollator kann er im Supermarkt gegenüber einkaufen, einige Meter die Straße hoch gibt es das Altenheim-Bistro.

Allein zu kochen sei zwar kein Problem. Nur allein zu essen, Tag für Tag, das mache ihn mürbe. „Ich hab’ doch eine gute Rente“, sagte sich Baltes, er könnte einen Sonntagsbraten verschenken. Die Idee: Andere laden ihn ein, er zahlt im Gegenzug das Mittagessen.

„Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten“, unter dieser Überschrift erschien sein Aufruf in der WAZ Ende August. Am nächsten Tag holte Walter Baltes das Telefon an seinen Sessel und wartete. 40 Leute riefen an. Baltes erstellte eine Liste. 40 Mittagessen auf einmal verplant! Dann klingelte es an der Tür: Ein Leser, der persönlich kam und ihn prompt für den ersten Sonntag, halb eins, buchte.

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Kommentare
26.12.2013
00:22
"Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten" - wie Walter Baltes aus der Einsamkeit fand
von kadiya26 | #4

Ich liebe solche Geschichten!

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"Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten" - wie Walter Baltes aus der Einsamkeit fand
"Suche Gesellschaft, biete Sonntagsbraten" - wie Walter Baltes aus der Einsamkeit fand
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2013-12-23 18:44
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