Streit um Straßennamen - Darf ein Platz "Hindenburg" heißen?

In Münster ist am Sonntag ein Bürgerbegehren um die Umbennennung des Hindenburgplatzes.  Eine Bürgerinitiative will den Namen nicht von Schildern und Stadtplan gelöscht sehen.
In Münster ist am Sonntag ein Bürgerbegehren um die Umbennennung des Hindenburgplatzes. Eine Bürgerinitiative will den Namen nicht von Schildern und Stadtplan gelöscht sehen.
Foto: WR
Was wir bereits wissen
Der Bürgerentscheid an diesem Wochenende über die Rückbenennung des Hindenburgplatzes in Schlossplatz in Münster schlägt Wellen über die Stadt hinaus. Historiker warnen, auch in anderen NRW-Städten Menschen, die zur Stützung des NS-Regimes beitrugen, auf Straßenschildern zu nennen oder Plätze nach ihnen zu benennen.

Münster/Essen.. Kaum zu glauben: Halbe Ewigkeiten nach ihrem Tod bewegen Reichspräsident Paul von Hindenburg (in Münster und Wesel), die Generäle Hans von Seeckt und Karl von Einem (in Essen) sowie die Schriftstellerin und Hitler-Verehrerin Agnes Miegel (in Velbert und in Ratingen) die Menschen. Dort und in anderen Städten in NRW toben Diskussionen, ob Persönlichkeiten, für die Demokratie nicht erstrebenswert war, auf Straßenschildern auftauchen dürfen.

Paul von Hindenburg darf das, findet die Bürgerinitiative (BI) „Pro Hindenburgplatz“ in Münster. Gerade erst hatte der Stadtrat entschieden, den nach dem Generalfeldmarschall benannten Platz in „Schlossplatz“ umzutaufen, da formierte sich Widerstand. Die Bürgerinitiative sammelte 17.000 Unterschriften.

Historiker kritisiert "Geschichtsrevisionismus" in Münster

An diesem Wochenende steht ein Bürgerentscheid an, und es zeichnet sich eine sensationelle Wahlbeteiligung ab: Am Freitag hatten bereits 40.000 Münsteraner ihre Briefwahl-Unterlagen zurückgeschickt. Die Gründer der BI, unter ihnen konservative Christdemokraten, wollen mit der Rückkehr zu Hindenburg „Erinnerungskultur bewahren“. Der Platz habe diesen Namen 85 Jahre lang getragen, ohne dass es der Stadt geschadet habe. Immerhin, argumentieren die „Hindenburg-Fans“, sei der alte Soldatenführer bei seiner Reichspräsidenten-Kandidatur 1932 gegen Hitler auch von der SPD unterstützt worden.

So manchen Historiker grausen diese Debatten. „Bei Hindenburg und den Generälen von Seeckt und von Einem gibt es Gemeinsamkeiten: Sie standen prinzipiell dem Krieg positiv gegenüber. Sie sind Vertreter der preußischen Offizierskaste. Von Einem war außerdem extrem Homosexuellen-feindlich. Das sind Standpunkte, die nicht in die heutige Zeit passen. In eine Zeit, die Toleranz gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden pflegt“, sagt Frank Becker, Geschichts-Professor an der Uni Duisburg-Essen.

Straßennamen liefern Stoff für lange Diskussionen

Für seinen Kollegen André Krischer von der Uni Münster handelt es sich in Münster „um Geschichtsrevisionismus auf einem Straßenschild“. Der Professor warnt vor einer Einordnung Hindenburgs als historisch wenig belastete Persönlichkeit: „Wir, die Historiker der Uni Münster, sprechen uns nicht deswegen gegen Hindenburg aus, weil er ein Nationalkonservativer war, sondern weil man ihn mittlerweile eindeutig als Steigbügelhalter Hitlers betrachten kann! Wenn man jetzt also einen Platz wieder nach Hindenburg benennt, dann ehrt man damit einen Mann, der entscheidend dazu beigetragen hat, das Hitlerregime möglich zu machen.“

Die Frage, wie Straßen oder Plätze heißen sollen, ist, so Frank Becker, „immer eine Einzelfall-Entscheidung“. Immerhin könne man jemandem so ein Denkmal setzen. Straßennamen seien ja eigentlich immer positiv besetzt. Streiten lässt es sich prächtig über solche Straßennamen. An „Bismarck“ und seinen Straßen, Plätzen und Türmen scheiden sich die Geister. Die „Rudi-Dutschke-Straße“ in Berlin nervte und nervt die dort beheimatete Axel Springer AG. „Es gibt auch Straßen, die auf Menschen hinweisen, die Täter und Opfer zugleich waren“, gibt Frank Becker zu bedenken. Zum Beispiel die Canarisstraße in Dortmund-Aplerbeck. Der Admiral Wilhelm Canaris spionierte für Hitler und starb im KZ. Genug Stoff für lange Diskussionen.

Unterdessen freut sich die Initiative „Mehr Demokratie“ in NRW über das große Bürger-Interesse am Thema und über die Wahl-Möglichkeit. „Münster hat bereits eine gewisse Tradition der direkten Demokratie entwickelt“, so „Mehr Demokratie“- Chef Alexander Trennheuser. „Hindenburg“ bewegt offenbar die Menschen in Münster. Es zeichnet sich eine sensationelle Wahlbeteiligung ab.