Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Interview

Stiehlt Deutschland den Krisenstaaten die Zukunft?

Arbeitsagentur-Vorstand Becker: "Deutschland wird den Bedarf an Fachkräften nicht stillen können"
Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit.Foto: Jakob Studnar

Mit welchem Ziel? Sollen die Jugendlichen auch nach der Ausbildung in Deutschland bleiben? Stiehlt man Spanien und Portugal damit nicht die Hoffnung der Zukunft?

Becker: Am Schluss wird der Jugendliche allein entscheiden, was er will. Er wird dann bleiben, wenn er das Gefühl hat, dass er hier freundlich willkommen geheißen wird, dass er sich in die Umgebung einfügen und Freunde gewinnen konnte. Wenn das nicht gelingt, geht er zurück. Dennoch ist das Programm eine gute Investition in ein zusammenwachsendes Europa und in einen internationalen europäischen Arbeitsmarkt.Egal wie er sich entscheidet, es bringt Vorteile: Wenn er zum Schlosser ausgebildet wird, wird er hier einen guten Job machen. Wenn er gut ausgebildet ist und zurück nach Spanien geht, wird er dort auch von deutschen Unternehmen wie Mercedes oder Siemens mit Kusshand genommen. Wir haben mit dem Ministerium ein Programm über 40 Millionen Euro entwickelt, mit dem wir in Sprachkurse in z.B. Portugal, Spanien und Polen investieren können, um Jugendliche für Deutschland fit zu machen. Zusätzlich werden wir im Januar eine Jugendkonferenz in Berlin mit zehn europäischen Staaten machen, die die größten Probleme mit Jugendarbeitslosigkeit haben.

Das alles ist ein riesiger Aufwand. Haben Sie die finanziellen Mittel?

Becker: Bisher tragen wir die Kosten aus unseren Haushaltsmitteln. Wenn wir aber mehr Menschen aus Drittstaaten akquirieren sollen, dann stellen sich viele Fragen, z.B. nach Kooperationspartnern, aber auch nach der Finanzierung. Es ist auch eine politische Entscheidung, ob eine solche Dimension der Zuwanderung grundsätzlich gewollt ist.

Und? Will man sie?

Becker: Es gibt ja schon erste Signale. Zum Beispiel mit der Bluecard, aber die ist nur an Akademiker adressiert. Für die Facharbeiter aber gibt es bisher keine Änderung. Ein kleiner Teil ist für Pflegekräfte in der Beschäftigungsverordnung geregelt.

Was muss sich ändern?

Becker: Im Moment gibt es einen Mangel an Ingenieuren im Maschinenbau und im Elektrowesen sowie bei den Ärzten. In ein paar Jahren werden aber auch Schlosser oder Elektriker fehlen. In dem Bereich gibt es heute noch keine Regelungen. Das Fernziel müsste sein, vielleicht eine Art Punktesystem zu etablieren, über das diejenigen angesprochen werden, die in Deutschland fehlen. Das kann man entwickeln über eine Positivliste, wie wir es mit Ingenieuren gemacht haben. Auf diese Liste müssten dann Mangelberufe aufgenommen werden. Zusätzlich stellt sich die Frage: Aus welchen Ländern sollen die Zuwanderer kommen? Welche Interessen aus arbeitsmarktpolitischer, wirtschaftspolitischer, außenpolitischer oder geostrategischer Sicht müssen wir dabei berücksichtigen? Und: Investieren wir in Bildungseinrichtungen in diesen Ländern? Ungeklärt ist auch, wer das koordinieren soll. Ebenso muss in diesem Zusammenhang über die Rolle von Botschaften, Konsulate, Außenhandelskammern, GIZ, Goethe-Institute nachgedacht werden.

Facebook
Kommentare
21.10.2012
18:20
Hier: "Wir haben mit dem Ministerium ein Programm über 40 Millionen Euro entwickelt, mit dem wir in Sprachkurse in z.B. Portugal, Spanien und Polen investieren können, um Jugendliche für Deutschland fit zu machen."
von nachdenken | #25

Wer ist denn hier "wir"?
40 Millionen?
Aus Beitragsbeträgen?
Also bezahlen die Arbeitslosen jetzt die eigene Konkurrenz?
Und kriegen dann Kürzungen des Arbeitslosengeldes wegen Meldeversäumnissen wie Schwerverbrecher?

1 Antwort
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #25-1

So ist deutsche verlogene Politik. Eigene Chancen werden vernichtet. Warum?: Es geht um Lohndumping, um nichts anderes.

21.10.2012
18:16
Apropos, meine Verwandtschaft hat noch einen Artikel aus den 90er Jahren,
von nachdenken | #24

worin steht, dass seit etwa 5 Jahren (2007-2010) Fachkräftemangel herrscht.
Das war so schlimm, dass halb Deutschland ausgewandert ist nach Norwegen, Schweden, Schweiz, Kanada....alle im besten Alter, alle in Deutschland gut ausgebildet.

Früher hat man gesagt, dass er billiger ist, seine Kundschaft zu halten, als neue durch Werbung zu erreichen. Faktor so etwa 1:10 betriebswirtschaftlich gesehen.
Vielleicht hilft es ja, unsere Steuergelder als Werbung in Griechenland etc. zu verbraten, aber besser sollte in Kanada geworben werden.
Vielleicht kommen unsere schon fertig ausgebildeten, deutsch sprechenden Fachleute wieder nach hause....
Und wir haben ja Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa, also werden die Griechen und alle anderen schon wissen, dass sie auch in Deutschland arbeiten können, wenn sie wollen.
Wenn Unternehmen die Leute haben wollen, dann sollen _sie_ auch die Kosten für die Deutschkurse und Weiterbildung übernehmen - nicht die Beitrags- und Steuerzahler der Agentur.

21.10.2012
17:21
So lange Ingenieure über Leiharbeitsfirmen beschäftigt werden, so lange ist von Fachkräftemangel keine Spur zu sehen...
von nachdenken | #23

Erst wenn die letzte "Ingenieurs-Dienstleistungsfirma" Insolvenz angemeldet hat, erst dann könnte man von ausgeglichenem Arbeitsmarkt bei Fachkräften reden. Geschweige denn von einem "Mangel"...
So lange es z.B. Ingenieure gibt, die seit 20 Jahren bei Uhde in Dortmund über einen Dienstleister bei rund einem Drittel weniger Gehalt arbeiten, so lange sind die Mangelerscheinungen Märchen....
Das Drittel des Verdienstes geht an die Leiharbeitsfirma...
Dumm ist einfach auch, dass diese Zwischenhändler keinen anständigen Beruf gelernt haben und außer Menschen versklaven nichts können. Dumm auch, dass Firman, die gut aufgestellt sind ihre hochqualifizierten (und auch weniger hoch qualifizierte) Mitarbeiter in keinster Weise wertschätzen, wenn sie dies über Jahre in einem unsicheren Arbeitsverhältnis belassen.
Da hilft nur eine gewisse Gegenwehr: Sabotage an Stellen, bei denen man nicht auffällt, dass man sie ausführt. Gutgläubigkeit und Loyalität zahlt sich halt nicht aus.

21.10.2012
11:25
dummes Gerede - es gibt keinen Fachkräftemangel
von Berufshartzer | #22

Lehrlinge aus dem Ausland sind halt billiger. Die werben nämlich keine aus England oder der Schweiz an, sondern gezielt aus Osteropa. Groschen gefallen?

20.10.2012
21:25
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Dieselpumpe | #21

Die Beckerschen Textpassagen strotzen ja nur so von Logik und Pragmatismus!
………..Was die Gesamtheit der Arbeitskräfte betrifft, werden wir im Jahr 2025 etwa 6,5 Millionen Arbeitskräfte weniger haben…..
Verrechnet man den regelmäßig in den Medien bekannt gemachten Stellenabbau und die statistischen“ Arbeitslosenzahlen, sollte sich der deutsche Arbeitsmarkt wohl bis 2025 selbst „bereinigen“ können.

Die politischen Gremien wären gut beraten, wenn sie sich mal Gedanken darüber mach wie das Heer der versklavten und ausgebeuteten „Minijobber“ in vernünftige Arbeitsverhältnisse kommen könnte.

Der einstigste „Bedarf“ der in Deutschland nicht gestillt wird, ist die Gier von Becker & Co. nach immer mehr Geld fürs eigene Portemonnaie.
Das Ärgste an der Sache ist noch, dass solche Dumm-Schwätzer aus Steuergeldern finanziert werden.

20.10.2012
18:25
Das (K)Indische Halstuch
von wohlzufrieden | #20

Wir werden neuer indischer Bundesstaat. Dort gibt es genug Menschen, die für eine Scheibe Brot den ganzen Tag hart arbeiten, und damit den Traum der Frau von der Leyen samt Arbeitgeber in Erfüllung gehen lassen.

20.10.2012
14:57
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Juelicher | #19

Viele andere Kommentatoren haben bereits klar darauf hingewiesen, dass es den behaupteten Fachkräftemangel - außer in kleinen Teilbereichen oder Regionen - nur als Fata Morgana gibt. Vor kurzem zeigte ein politsches TV-Magazin, wie die Wirtschaftsverbände zu ihren Zahlen kommen. Man nimmt die Zahl der bekannten freien Stellen der Ingenieure (dabei auch immer wieder Schein-Angebote, um den Markt zu testen) und multipliziert diese um den Faktor sieben!!! So kommt man dann locker auf 120.000 oder mehr fehlende Ingenieure! In der Realität ist die Zahl der Arbeitssuchenden Ings kaum niedriger als die der offenen Stellen.
Das Anwerben der ersten ausländischen Arbeitskräfte in den 50ern u. 60ern wurde schon trotz einer damals noch relativ hohen Erwerblosenzahl betrieben, nur um die Löhne im Zaum zu halten. Heute erzählen die Freunde der Migration dem Bürger gerne das Märchen vom Deutschen, der sich damals angeblich zu fein gewesen sei, weiterhin die Drecksarbeit zu leisten.

2 Antworten
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #19-1

Mehr Einwanderung erhöht das niedrigere Lohndiktat. Ich denke schon, dass die Bürger das heute wissen und dem Irrglauben keinen Glauben schenken.

Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von tierfreund61 | #19-2

Ja ich glaube auch das die Bürger das wissen. Aber was soll der arbeitslose Facharbeiter machen wenn er trotz Bemühungen keine Chance auf vernünftig bezahlte Arbeit bekommt?

20.10.2012
14:36
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von morgenroete | #18

Herr Becker, in etwas mehr als 5 Monaten ist der erste April!!

20.10.2012
12:31
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von birne111 | #17

Alle rein holen .Wir erhoeen Harz 4 auf 1000 euro und wir deutsche bleiben mit unserem Hintern zuhause , und gehen arbeiten.

20.10.2012
11:22
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von Papageiengeplapper | #16

Welch ein Unsinn. Bis dahin sind längst alle Industriearbeitsplätze in Billigstlohnländer verlagert und wir brauchen keine Fachkräfte mehr. Diese auf kurzfristigen finanziellen Erfolg und langfristig auf ein Megadisaster ausgerichtete Politik wird sich bitter rächen.

1 Antwort
Arbeitsagentur-Vorstand Becker:
von meinemeinungdazu | #16-1

Sie könnten Recht behalten.

Umfrage
Weil sie laut sind und Feinstaub aufwirbeln hat die Stadt Graz vor kurzem Laubbläser verboten. Würden Sie sich ein solches Verbot auch im Revier wünschen?

Weil sie laut sind und Feinstaub aufwirbeln hat die Stadt Graz vor kurzem Laubbläser verboten. Würden Sie sich ein solches Verbot auch im Revier wünschen?

 
Fotos und Videos
Aus dem Ressort
Jüngere Arbeitnehmer fordern so viele Urlaubstage wie Ältere
Urlaub
Sollen ältere Arbeitnehmer mehr Urlaubstage bekommen als jüngere? Sieben Mitarbeiter eines Schuhherstellers aus Rheinland-Pfalz finden: Nein. Sie fordern 36 statt 34 Urlaubstage. Damit hätten sie genauso viele wie ihre über 58-jährigen Kollegen. Jetzt muss das Bundesarbeitsgericht entscheiden.
Ukraine soll in Donezk Streubomben eingesetzt haben
Kämpfe
Das ukrainische Militär soll bei den Kämpfen um Donezk Streubomben eingesetzt haben. In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" heißt es, im Kampf gegen prorussische Separatisten seien rund ein Dutzend der international geächteten Bomben gefallen.
Hacker stehlen Kundendaten aus Online-Goldshop der AfD
Cyberkriminalität
Zwei Millionen Euro will die AfD mit dem Verkauf von Goldbarren und Münzen im Internet verdienen — aber der "Goldshop" wurde gehackt. Unbekannte lasen Mails mit und zapften Kundendaten ab. Die rechtskonservative Partei vermutet einen politischen Hintergrund.
Experte warnt Revier-Städte vor unbeherrschbaren Schulden
Schulden
Die hohe Schuldenlast und günstige Zinsen verleiten die Revier-Städte dazu, Kassenkredite aufzunehmen. Finanzwissenschaftler Martin Junkernheinrich spricht von einer tickenden Zeitbombe. Sollten die Zinsen nur um zwei Prozent steigen, dann könnte die Verschuldung der Kommunen unbeherrschbar werden.
USA und Türkei unterstützen Kurden in Kobane
Konflikte
Die Kurden im nordsyrischen Kobane erhalten Unterstützung von den USA und der Türkei. US-Transportflugzeuge warfen erstmals Waffen für die Verteidiger der Stadt ab. Und die Türkei gestattet, dass Peschmerga-Soldaten aus dem Nordirak den Kurden im belagerten Kobane zu Hilfe eilen.