Steinige Kindheit
13.01.2010 | 14:41 Uhr 2010-01-13T14:41:00+0100
Neu-Delhi.Ein Stein, eine Rupie. Hundert Steine am Tag. Groß wie eine Männerfaust, aus einem Sandsteinblock geschlagen von Chetans dünnen Kinderärmchen. Primitives Werkzeug, kein Atem- und Ohrenschutz, die Luft voller Staub und sengender Hitze. Chetan ist erst zwölf, aber er hat schon Jahre der Knochenarbeit hinter sich. Er gehört zu den unzähligen Kindern, die rechtlos und schutzlos in den Steinbrüchen der indischen Provinz Rajasthan schuften, damit ihre Familien überleben können. Sie machen Steine, auch für den deutschen Markt.
Chetan redet. Andere Kinder, die hier illegal arbeiten müssen, lassen den Hammer fallen und ergreifen die Flucht, sobald sie die Fremden erblicken, die an diesem Morgen in Bodhpura auftauchen. Eine kleine Delegation um den nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat sich zur Volksgruppe der Bhel aufgemacht, zu den Ärmsten der Armen. Man will etwas tun gegen ausbeuterische Kinderarbeit, ein Zeichen setzen, doch es ist ein schwieriges Unterfangen. Ein Mann, der auf einem Zweirad ihre Autos verfolgt, zückt sein Handy, warnt „Photoman!“, als ein Fotograf aussteigt.
Ein rechtsfreier Raum
Die Bewohner von Bodhpura werden nicht alt. Viele haben kaum länger als 35 Jahre zu leben, wenn sie als Kinder anfangen, sieben Stunden täglich Sandsteinplatten zu behauen, die Traktoren von den Abraumhalden der großen Export-Steinbrüche herbeischaffen. Die Pflastersteine für Märkte und Straßen in fernen Ländern, über die sie nie etwas gehört haben, werden an Ort und Stelle in Kisten verpackt und verkauft. Der Preis ist Handelssache. Manchmal schleppen Eltern ihre Kleinkinder schon mit zur Arbeit. Dort spielen sie mit dem Hammer, wachsen damit auf. „Je größer sie werden, umso größer wird der Hammer“, sagt Benjamin Pütter, Kinderarbeit-Experte des katholischen Hilfswerks Misereor. Der Preis, den nicht wenige für ihren Hungerlohn und die Profitgier anderer zahlen, ist Silikose. Steinstaublunge, ein elender Tod.
Offiziell ist schwere Kinderarbeit für unter 14-Jährige auch in Indien untersagt, wenn sich die Regierung auch weigert, internationale Abkommen für ein verschärftes Verbot zu ratifizieren – Papier, das in den 5000 Steinbrüchen von Rajasthan ohnehin wenig zählt. Denn die rund 300 000 Menschen, die neben Sandstein hier Marmor und Granite gewinnen, zählen wie 400 Millionen weitere Inder zum unorganisierten Arbeitsmarkt, einem rechtsfreien Raum. „Sie sind ihren Arbeitgebern in der Regel wehrlos ausgeliefert und den Lebensrisiken Krankheit, Unfall, Tod und Alter schutzlos ausgesetzt“, vermerkt ein interner Bericht der Deutschen Botschaft in Neu-Delhi.
Die Steinmenschen von Bodhpura fügen sich in ihr Schicksal. „No work, no food“ – ohne Arbeit nichts zu essen, antwortet ein junger Mann. Mehr gibt es nicht zu sagen. Die Regierung versucht mit kleinen Programmen gegenzusteuern. Organisationen wie „Xertifix“ gehen neue Wege, setzen den Hebel bei Verbrauchern und deutschen Naturstein-Importeuren an. Sie dürfen mit einem Siegel werben, wenn ihre Produkte „sauber und fair“ sind, frei von Kinderarbeit. Außerdem müssen die Vertragspartner in den Steinbrüchen den staatlich garantierten Mindestlohn zahlen, Atemschutzmasken bereit-stellen und Gewerkschaften den Zutritt erlauben. Hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nicht. Denn wer soll die Steinbrüche lückenlos kontrollieren?
„Soziale Standards und Menschenrechte müssen eingehalten werden, das gilt überall“, fordert Laumann in Kota bei einem Treffen mit indischen Stein-Exporteuren. Das ist gut gemeint, und die Herren nicken andächtig. Die Minister und mitgereiste Kirchenvertreter sorgt vor allem, dass in NRW immer mehr Steine gekauft werden, von denen niemand weiß, ob das Material aus Kinderhand stammt. Laumann schätzt vorsichtig, dass jeder fünfte Grabstein aus Indien kommt. Die westdeutsche Handwerkskammer geht sogar von mindestens 50 Prozent aus. Aber selbst die beiden großen Kirchen, denen die weitaus meisten Friedhöfe in NRW gehören, tun sich im Kampf gegen Produkte aus Kinderarbeit schwer. Ohne Gesetzesinitiative des Landes sehen sie keine Chance, solche Steine zu untersagen, weil dies gegen Wettbewerbsrecht der EU verstoßen würden. Ein Verbot bleibt ihr frommer Wunsch.
Teufelskreis der Armut
In der Steinwüste von Bodhpura gibt es für den zwölfjährigen Chetan neuerdings Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Statt in den Steinbruch geht er jetzt zur Schule, lernt mit 270 anderen Kindern Lesen und Schreiben, Mathematik und Sozialkunde. Misereor finanziert das Projekt einer lokalen Initiative. „Es war nicht leicht für unser Team, die Familien zu überzeugen, dass Bildung wichtig ist“, berichtet Marika Ishwaran, die Leiterin. Denn sie haben nun weniger Geld für ihren Lebensunterhalt. Auch Chetans Eltern müssen ohne seine 100 Rupien (umgerechnet etwa 1,60 Euro) aus dem Steinbruch auskommen. Und doch könnte die Schule der einzige Weg sein, um dem Teufelskreis aus Armut, Abhängigkeit und Kinderarbeit zu entkommen.

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