Stauffenbergs Tat spaltet die Deutschen bis heute

Rastenburg.. Der Ort sieht so aus, als hätten Riesen Steinwerfen geübt. Unter den Buchen der masurischen Wälder türmt sich quer und schräg und hoch meterdicker Stahlbeton. Die 200 000 Touristen, die hier jedes Jahr Zeitgeschichte schnuppern, dürfen die Bunker unter den Brocken nicht betreten. Lebensgefahr. Die Wehrmacht hat im Herbst 1944 versucht, ganze Arbeit zu leisten, als sie die „Wolfsschanze“ vor der anrückenden Panzerspitze der Roten Armee in die Luft jagte.

Führerhauptquartier, drei Monate vor der Sprengung: Am 20. Juli 1944 – es ist 12.42 Uhr – gibt es eine Explosion in der Besprechungsbaracke, wo sich Adolf Hitler und seine hohen Offiziere über die Generalstabskarten beugen. Der Bau stürzt zum Teil ein.

Der Wehrmachts-Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg nimmt die Detonation des einen Kilo Sprengstoffs, das er unter dem Konferenztisch platziert hatte, eben noch wahr. Längst flieht er im offenen Auto zur nahen Startpiste, um nach Rangsdorf bei Berlin zu fliegen.

Stauffenberg ist überzeugt: Hitler ist tot. Die Wahrheit: Hitler hat den Anschlag leicht verletzt überlebt. Er

wird gleich im Rundfunk von der „Vorsehung“ faseln, die ihn rettete. Der Versuch, den Diktator zu beseitigen: gescheitert.

Stauffenberg und seine Mitverschwörer der „Operation Walküre“ bezahlen mit dem Leben. Der Oberst wird noch in der Nacht im Hof des Berliner Bendlerblocks erschossen. Mehrere Hundert seiner „Komplicen“, so nennt sie der NS-Staat, werden von der Gestapo gefoltert, sie enden am Strang oder vor Erschießungskommandos, nachdem der Volksgerichtshof unter Roland Freisler Todesurteile stapelweise gegengezeichnet hat.

Dass der Plan misslang, Hitler zu töten und nach elf Jahren Nazi-Herrschaft die Macht in Deutschland zu übernehmen, ist einer Reihe von Zufällen geschuldet: der Verwendung von zu wenig Sprengstoff; der im letzten Moment verlegten Sitzung in eine Baracke, deren Bauform die Explosionswirkung nach außen leitete; dem schweren Holztisch, der Hitler vor der Detonation schützte; schließlich fehlte der Mut der eingeweihten Wehrmachtsoffiziere, trotz der Meldung, Hitler lebe, den geplanten Putsch durchzuziehen. So konnte erst der Sieg der alliierten Armeen gut ein Jahr später den NS-Terror in Europa beenden.

Die Wertung des 20. Juli hat über Jahrzehnte die Debatte der Nachkriegszeit bestimmt. Was vor genau 70 Jahren im heutigen Ostpolen passierte, haben die einen mit Hinweis auf die Anti-Hitler-Kräfte als Blankoscheck für eine verminderte deutsche Schuld („Es gab ja Widerstand“) gewertet. Andere, etwa Unbelehrbare in der neu gegründeten Bundeswehr nach 1955, hielten Stauffenbergs Anschlag für „Verrat“ am „Eid auf den Führer“.

Viele Gründe für das Scheitern

Beide Vorstellungen sind absurd. Der Wille zum Widerstand war in der Wehrmacht nur schwach verbreitet. Unter den Männern hinter Stauffenberg standen vereinzelt sogar Kriegsverbrecher wie Arthur Nebe, zuvor Chef einer der berüchtigten SS-Einsatzgruppen. Und es bedurfte erst des Kanzlerwortes von Konrad Adenauer, der 1954 nach langem Zögern erklärte: „Wer aus Liebe zum deutschen Volk es unternahm, die Tyrannei zu brechen, wie das die Opfer des 20. Juli getan haben, der ist der Hochschätzung und Verehrung aller würdig.“

Die Erinnerung verblasst

Tatsächlich war das Meinungsbild der jungen Bundesrepublik Anfang der 50er-Jahre geteilt: Je ein Drittel der Befragten konnte mit „Walküre“ nichts anfangen, lobte Stauffenbergs Aktion oder lehnte sie strikt ab. Erst später ist das Bekenntnis zum Attentat ein Stück Staatsräson geworden. Heute sind Kasernen, Schulen, Straßen nach dem Obersten mit der Augenklappe benannt.

Dennoch verblasst die Erinnerung, wenn eine Allensbach-Umfrage stimmt: 71 Prozent glauben, dass das Stauffenberg-Attentat nur noch ein geschichtliches Ereignis ohne besondere Bedeutung für die Gegenwart ist. Gerade noch 43 Prozent wissen genauer, was sich am 20. Juli 1944 ereignet hat. 1985 waren es noch 61 Prozent der Befragten. Junge Leute bis 29 Jahre sind meist ahnungslos.