„Stark werden wie der König des Dschungels“

Washington..  Man weiß nicht, ob Barack Obama und Mohammed Farah in diesem Gewusel, das bei Delegationen aus fast 70 Ländern zur Wochenmitte im Washingtoner Außenministerium herrschte, Zeit für ein persönliches Gespräch hatten. Falls ja, dann ist davon auszugehen, dass schnell Einvernehmen darüber geherrscht haben dürfte, dass Farahs Weg, junge Muslime vom Abdriften in den kriegerischen Dschihad abzuhalten, exakt das ist, was der US-Präsident während des Anti-Terror-Gipfels mehrfach für unverzichtbar erklärte: die aktive, konstruktive Einmischung islamisch geprägter Communities – bevor sich Einwandererkinder die Parolen der Bauernfänger des „Islamischen Staates“ zu eigen machen, in den Krieg ziehen. Und im Überlebensfall als Terroristen zurückkehren.

In seiner Ein-Mann-Organisation „Ka Joog“, was auf Somalisch etwa so viel bedeutet wie „Bleib weg“ oder „Hände weg“, macht der 30-jährige Farah genau das. Mit ein bisschen Geld vom Bundesstaat Minnesota und Spenden von Firmen und Stiftungen organisiert er in Minneapolis für Teenager und Kinder aus dem Ghetto „Little Somalia“ gemeinsam mit Freunden Treffpunkte, um Hausaufgaben und Nachhilfe zu erledigen, Theater zu spielen, Sommercamps zu planen oder einfach nur zu reden. Das Logo von „Ka Joog“ ist der Löwe. „Wir wollen, dass die jungen Leute stark werden wie der König des Dschungels“, erklärte Farah vor einigen Monaten deutschen Journalisten. Sein Projekt hat – gemeinsam mit Beispielen aus Boston und Los Angeles – Modellcharakter. Polizei und Justiz in der Kältekammer des Nordens schätzen den Wert der Prävention. Auch darum war Farah in dieser Woche nach Washington eingeladen.

40 000 Somalier in Minneapolis

„Löwen“ hat Minneapolis bitter nötig. Die Gefahr, hier Beute zu werden, ist gerade hier besonders groß. Fast 40 000 Somalier, die nach Beginn des Bürgerkriegs in ihrer Heimat Mitte der 90er Jahre in den USA Zuflucht gefunden haben, leben hier. Auf den Straßen einiger Stadtviertel, die in Deutschland als soziale Brennpunkte höchsten Grades durchgingen, wird nur Somalisch gesprochen. Die Restaurants bieten gebratenes Ziegenfleisch mit Spaghetti an. Erinnerungen an die italienische Kolonialherrschaft in Somalia.

Die alte Heimat ist dieser Parallelgesellschaft ein Hotspot des islamistischen Terrorismus, den Washington nicht selten mit Drohnen bekämpfen lässt.

Die Zeiten, dass junge Männer zwischen 2006 und 2008 im Dutzend von Minneapolis aus ans Horn von Afrika gezogen sind, um für (oder gegen) die Terror-Organisation Al-Shabab zu kämpfen, sind nach allem, was man von Offiziellen hört, vorbei. Ein Netzwerk aus weithin respektierten Somalis, Polizei, Sozialarbeitern und Justiz hat sich etabliert. So wird versucht, Heranwachsende nicht zu überwachen; „aber auf dem Radar zu behalten, bevor sie über die Internet-Rekrutierer des Islamischen Staates in Versuchung geraten und sich radikalisieren“, sagte Andrew Luger, Bezirks-Staatsanwalt aus Minnesota.

Was es bedeutet, wenn es schiefgeht, hat Abdirizak Bihi am eigenen Leib erfahren. Sein Neffe wurde beim Kampf in Somalia getötet. Seither hat Bihi seinen Übersetzer-Job an den Nagel gehängt und ist Vollzeit-Aktivist geworden. „Nichteinsteiger-Programm“ nennt er seine autodikatisch angeeignete Sozialarbeit, die da einsetzt, wo für Kinder und Jugendliche aus der somalischen Gemeinde in Minneapolis die tägliche Leere beginnt, wenn die Schule aus ist und die Eltern noch auf der Arbeit sind.

Bihi glaubt durch viele Gespräche erkannt zu haben, was die Hauptursache ist, wenn junge Männer der Anziehungskraft der Kalifatsverkünder des „IS“ erliegen: „Die Islamisten übernehmen die Rolle des Vaters, den sie nie hatten.“ Um Religion gehe es da gar nicht, schon gar nicht um die extreme Kopf-ab-Hand-ab-Auslegung des Koran. „Es geht in Wahrheit nur darum, sich zugehörig zu fühlen.“ Bihi und Farah setzen alles daran, der somalischen Jugend in Minneapolis klar zu machen, dass hier in Amerika ihre Chancen liegen, „auch wenn es nicht leicht ist“. Aber immer noch besser als ein „sinnloser Tod in Syrien und Somalia“.