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Standhaft in der Schusslinie

28.08.2008 | 22:06 Uhr

Düsseldorf. Die FDP spricht von "Notenkosmetik", Schulministerin Barbara Sommer (CDU) vom "Abitur light" - das Zentralabitur hat die Debatte über das Leistungsniveau an den NRW-Gesamtschulen neu entfacht. ...

... Voll in der Schusslinie der Opposition: die Schulministerin. In einer aktuellen Stunde des Landtags wies Sommer den Vorwurf der Opposition zurück, sie diffamiere die Gesamtschule. Es gehe um Tatsachen, nicht darum, "jemanden in die Ecke zu stellen", verteidigte die Ministerin ihre kritische Gesamtschul-Analyse.

Sommers Faktencheck: 2008 lag die Durchfaller-Quote an Gesamtschulen mit 6,7 Prozent viermal so hoch wie an Gymnasien. Die Durchschnittsnote fiel an Gymna-sien mit 2,59 eine Viertel Note besser aus. Pikant: Gesamtschüler liegen in der Vornote zum Abitur fast eine Note besser als Gymnasiasten. Weil die Vornote 80 Prozent der gesamten Abiturnote ausmacht, spricht FDP-Schulexperte Ralf Witzel vom "Noten-Lifting" an Gesamtschulen. "Die Gesamtschulen müssen raus aus dem politischen Streichelzoo und rein ins Fitnessstudio", forderte Wer. Die Grünen titulierten ihn dafür bissig als "Gesamtschul-Taliban".

Dass Sommer "das Fass Gesamtschule wieder aufmacht", treibt auch vielen in der CDU-Fraktion die Wut ins Gesicht. . Überall im Land entstehen auf Druck der Eltern Gesamtschulen. CDU-Politiker wollen deshalb nicht zurück in die Gräben. Dem CDU-Schulexperten Klaus Kaiser gelingt das Kunststück, das Wort "Gesamtschule" in seiner Rede nicht einmal in den Mund zu nehmen.

Die SPD-Schulexpertin Ute Schäfer sieht in Sommers nicht abgestimmtem Vorstoß gegen die Gesamtschule denn auch mehr ein Ablenkungsmanöver von den Pannen im Zentralabi. "9000 Gesamtschüler haben 2008 Abitur gemacht. Sie aber diffamieren mit ihrem ,Abitur light' 18 000 Lehrer und 220 000 Schüler", klagt Schäfer. Grünen-Fraktionschefin Sylvia Löhrmann vergießt dicke Krokodilstränen. Es sei verantwortungslos, dass Regierungschef Rüttgers seiner überforderten Ministerin das alles zumute. "Sommer tut mir leid", heuchelt die NRW-Grüne.

Mit viel Theatralik Vorn am Mikrofon bemüht sich Sommer derweil, ihre im teuren Coaching-Kurs erworbene neue Redetechnik einzusetzen. Mit viel Theatralik redet die Minister mit den Händen, wechselt zwischen laut und leise, greift an und gibt sich betont überlegen. Im Plenum allgemeine Verwunderung, Kopfschütteln. Manchmal ist weniger mehr.

Den Hinweis der Opposition, dass an Gesamtschulen deutlich mehr Schüler aus schwierigem sozialen Umfeld unterrichtet werden, lässt die Ministerin als Begründung für einen "Sozialabschlag" im Gesamtschulabitur nicht gelten. Gerade damit die soziale Herkunft nicht über den Bildungserfolg entscheide, müssten Gesamtschüler zusätzlich gefördert werden. Am Ende aber darf es aus Sicht Sommers kein "Abitur light" geben. Die Ministerin beklagt, dass das Gesamtschulabitur heute in der öffentlichen Wahrnehmung weniger wert ist. Das soll sich bald ändern.

Während Sommer und CDU-Fraktionschef Helmut Stahl an der gymnasialen Oberstufe nicht rütteln wollen, geht FDP-Experte Witzel einmal mehr auf Radikalkurs. Die FDP verlangt schlicht die Abschaffung der Gesamtschul-Oberstufe. Begründung: laut BIJU-Schulstudie liege das Niveau in Leistungskursen der Gesamtschule unter dem Niveau der Grundkurse an Gymnasien. "Die Unterschiede betragen zwei Noten", sagt Witzel. Außerdem scheitern 40 Prozent der Gesamtschüler in der Oberstufe.

Witzel, der die schärfste Attacke gegen die Gesamtschule reitet, hält deren Noten für geschönt. So gehen die Leistungen von Zentralprüfungen nur zu 20 Prozent in die Gesamtnote ein - 80 Prozent der späteren Note beruhen auf Vornoten, die von Gesamtschulen dezentral und ohne Leistungsvergleich vergeben werden. "In der Zentralprüfung selbst weichen Gymnasiasten um eine Note von Gesamtschülern ab", rechnet Witzel vor. SPD-Expertin Renate Hendricks hält die Vergleiche für unredlich: "Die Gesamtschule leistet gute integrative Arbeit."

Von Wilfried Goebels

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