Staatsmann und Ikone - Vor 50 Jahren starb Winston Churchill

Winston Churchill gilt als bedeutendster britischen Politiker des 20. Jahrhunderts. 1953 bekam er den Literaturnobelpreis.
Winston Churchill gilt als bedeutendster britischen Politiker des 20. Jahrhunderts. 1953 bekam er den Literaturnobelpreis.
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Was wir bereits wissen
Winston Churchill wird in Großbritannien als Ikone verehrt und weltweit als weitsichtiger Staatsmann geschätzt. Seine Unbeugsamkeit hat Großbritannien vor Nazi-Deutschland gerettet. Doch Churchill war vor allem in jüngeren Jahren auch für sein Draufgängertum bekannt.

London.. Als sein Leichnam auf einem Boot die Themse hinauf gefahren wird, verneigen sich die Lastenkräne der Londoner Docklands in Demut. Die Szene aus dem Januar 1965 steht symbolisch für die Wertschätzung, die Winston Churchill in seiner britischen Heimat erfährt.

Der große Staatsmann mit der Zigarre ist auf der Insel auch 50 Jahre nach seinem Tod das Maß der Dinge für politisches Handeln. Churchill hat das Land - in den Augen einiger Historiker sogar die Welt - vor dem Nationalsozialismus bewahrt. 2002 wählten seine Landsleute Winston Churchill zum bedeutendsten Briten der Geschichte - vor Persönlichkeiten wie William Shakespeare und Charles Dickens.

Der 50. Todestag am 24. Januar wird in Großbritannien groß gefeiert. Das BBC-Fernsehen zeigt stundenlange Dokumentationen, das Churchill-Centre hält Feierstunden ab. Neuere Churchill-Biografien, etwa von Londons Bürgermeister Boris Johnson oder vom deutschen Großbritannien-Kenner Thomas Kielinger verfasst, müssen wegen großer Nachfrage nachgedruckt werden.

Churchill galt lange als politischer Abenteurer

Historisch ist die politische Leistung des häufig auch als abgehoben beschriebenen Sprosses der britischen Oberschicht längst nicht so unumstritten, wie der in Teilen leicht verklärte Rückblick seiner Landsleute es nahelegt.

Literatur Churchill galt lange als politischer Abenteurer, ein überzeugter Militarist, wenig reflektiert in seiner Strategie und geradezu rücksichtslos in seinen Mitteln. "Brillant, aber unsolide", lautete das Urteil des politischen Establishments in Westminster über den jungen Churchill.

Als Flottenadmiral verheizte er 1915 in einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs Zehntausende Soldaten aus Großbritannien und den Kolonien in einem später als sinnlos bewerteten Feldzug gegen das Osmanische Reich.

Vier Jahre später, inzwischen Kriegsminister, machte er sich für den Einsatz von Chemiewaffen im Irak stark und schickte Schlägertrupps gegen die irischen Separatisten.

Mit dem Alter wurde er zum Staatsmann und Universalgenie

Die Draufgänger-Mentalität legte Churchill, den sein Nachfolger Harold MacMillan einmal wegen seiner Redekunst und seines Gespürs für den wirksamen Auftritt als "Super-Showman" bezeichnete, nie ganz ab.

Je älter er wurde, desto mehr überwog aber die Weitsicht bei dem international anerkannten Staatsmann und Universalgenie. 1953 würdigte das Nobelpreiskomitee die literarische Leistung des Engländers mit dem Literaturnobelpreis. Churchill tat sich auch als Baumeister und Maler hervor.

Doch es war seine harte Haltung, seine "Blut-Schweiß-und-Tränen-Politik" gegen Nazi-Deutschland, was ihn zum Volkstribunen auf der Insel und international zu einem der prägenden Staatsmänner des 20. Jahrhunderts werden ließ.

Als der bereits 65 Jahre alte Churchill 1940 als Nachfolger des zurückgetretenen Appeasement-Politikers Neville Chamberlain zum Premierminister ernannt wurde, stand eine Frage über allen in den Konferenzräumen in Westminster: Friedensverhandlungen mit Nazi-Deutschland oder Krieg?

Gespür für das Volk machten ihn zum Ausnahmepolitiker

Churchill überredete sein zunächst zögerndes Kabinett und entschied sich für die harte Haltung. Am 18. Juni 1940 verknüpfte er in einer seiner berühmtesten Reden das Durchhalten der Briten mit dem Bestand der christlichen Zivilisation.

Die Menschen folgten dem Redekünstler. 1945 schließlich ließ Churchill Hitlers Reich kurz vor Ende des Krieges mit einem Bombenteppich belegen - Zehntausende Zivilisten und auch Tausende junger Soldaten der Bomber-Besatzungen starben.

Seit den 1970er Jahren sind immer mehr auch kritische Betrachtungen zu Churchill erschienen, vorgelegt etwa von dem britischen Historiker John Charmley oder vom US-Linksintellektuellen Noam Chomsky.

Einig sind sich Kritiker und Bewunderer in einem: Der Erfolg Churchills fußte weniger auf einer nachhaltigen politischen Strategie. Vielmehr waren es Churchills bis zur Arroganz reichendes Selbstbewusstsein, aber auch das Gespür für das Volk, sein Redetalent und sein Scharfsinn, die ihn zum Ausnahmepolitiker machten.

Privat galt er als loyal

Nach dem Sieg gegen die Barbarei der Nazis feierte er im Mai mit den Bürgern gemeinsam. "Es ist Euer Sieg", rief er den Menschen von einem Balkon des Gesundheitsministeriums aus zu. "Es ist Ihrer", antwortete die Menge in einer Art kollektiven Umarmung des Staatenlenkers.

Mandela Noch heute kann man in den "Churchill War Rooms" nahe der Downing Street in London nachvollziehen, wie das politische Schwergewicht im Krieg agierte. Privat galt er als loyal. Seinen Sekretär Jock Colville ehrte er auf besondere Art: Churchill verfügte, dass auf seinem Landsitz Chartwell stets ein Kater namens Jock leben muss - seit März 2014 tut Jock VI. Dienst.

Abseits der Anekdoten ist es jedoch dieser Durchhaltewillen, dieses Wiederaufstehen nach Niederlagen, diese Entweder-oder-Mentalität, die Churchill punktgenau die Seele der Briten treffen ließ und ihn zur bis heute unerreichten Ikone machte.

Der besonnene, langfristig denkende Staatsmann wurde der Zigarren- und Whiskey-Liebhaber, der 64 Jahre im britischen Parlament saß, zweimal Premierminister war und fast jeden klassischen Ministerposten innehatte, erst spät.

Wäre Churchill heute noch wählbar? "Ich fürchte nein", sagt der prominente britische Polit-Journalist Jeremy Paxman. Churchills Urenkel Randolph kontert: "Er würde Hackfleisch aus Paxman machen." (dpa)