Spekulationen um Co-Piloten stigmatisieren psychisch Kranke

Experten warnen: Die Spekulationen um den Copiloten der Germanwings-Maschine dürfen nicht zur Stigmatisierung psychisch Kranker führen.
Experten warnen: Die Spekulationen um den Copiloten der Germanwings-Maschine dürfen nicht zur Stigmatisierung psychisch Kranker führen.
Foto: Felix Kästle
Was wir bereits wissen
Ließ der Co-Pilot die Maschine wegen einer psychischen Erkrankung abstürzen? Fachleute betonen: Psychisch Kranke sind nicht gefährlicher als Gesunde.

Berlin.. Was treibt einen Menschen dazu, ein Flugzeug abstürzen zu lassen und 149 Menschen mit in den Tod zu reißen? Auch wenn über die Motive von Andreas Lubitz nichts bekannt ist, wird seit vergangener Woche über eine mögliche psychische Erkrankung des Co-Piloten von Flug 4U9525 spekuliert.

Germanwings-Absturz Eine solche Tat übersteigt das Vorstellungsvermögen vieler Menschen. "Dann glauben wir, das kann nur ein psychisch Kranker gewesen sein", erklärt Asmus Finzen, Psychiater und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie. Doch sind psychisch Kranke automatisch gefährlicher als Gesunde? "Nein", sagt Finzen.

Unglück wird Stigmatisierung psychisch Kranker wohl verstärken

Er geht davon aus, dass das Unglück die Stigmatisierung psychisch Kranker verstärken wird. Auch Ulrich Krüger, Geschäftsführer der Aktion Psychisch Kranke (APK) in Bonn, betrachtet die öffentliche Diskussion der vergangenen Tage mit großer Sorge. "Hier wird suggeriert, dass Menschen mit einem psychischen Leiden automatisch mit einer Gefährdung verbunden sind." Das könnte dazu führen, dass Betroffene sich nicht mehr trauen über ihre Erkrankung zu sprechen, sie sogar verheimlichen.

Flugzeug-Katastrophe Krüger spricht von einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung: Aus lauter Angst vor Ablehnung oder Vorurteilen suchen Betroffene keine Hilfe. "Dann besteht die Gefahr, dass sie die Krankheit verschleppen", warnt Krüger. Und das mache es nur schlimmer. Deshalb dürften psychisch Kranke von der Gesellschaft nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden. "Dass ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung eine Gefahr für andere ist, ist ein völliger Fehlschluss."

Im Job kann psychisches Leiden Konsequenzen haben

Auch im Berufsleben kann ein psychisches Leiden Konsequenzen haben. "Wer seinen Job verliert, weil er sich behandeln lässt, überlegt zweimal, ob er wirklich zum Arzt geht." Deshalb seien die Arbeitgeber gefordert, Perspektiven und Alternativen aufzuzeigen. Denn es gibt Berufe, die ein psychisch Kranker nicht ausüben kann, wie Psychiater Finzen erläutert. Das liegt allerdings nicht automatisch daran, dass jemand eine Gefahr für sich oder andere darstellt. Wahrnehmungsstörungen oder Konzentrationsschwäche können mit einer Erkrankung einhergehen. "Wenn ich mich nicht konzentrieren kann, dann kann ich keinen Bus fahren."

Finzen erklärt, dass die Vorurteile gegenüber Betroffenen uralte Ängste sind. "Wenn Menschen anders sind, gehen wir davon aus, dass sie unberechenbar sind." Und das löse Unruhe aus, die Folge ist eine Diskriminierung von Erkrankten. Dabei kann ein psychisches Leiden jeden treffen. "Die Wahrscheinlichkeit im Leben psychisch zu erkranken, ist gar nicht so gering", sagt Michael Krämer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP). Er bezeichnet das als "übliches Lebensrisiko" vor dem man sich nicht schützen könne. Die Zahlen bestätigen das: Laut Robert Koch-Institut erleidet jeder dritte Erwachsene im Verlauf eines Jahres eine seelische Störung. Dazu zählen zum Beispiel Ängste, Depressionen und Alkoholmissbrauch.

Gerade bei einem hoch emotionalen Thema wie dem Flugzeugunglück kochen die Gefühle hoch. "Wir sind ungeduldig, wir wollen eine Erklärung", sagt Krämer. Doch wenn jemand eine solche Tat begeht, gibt es ein riesengroßes Motivspektrum. Eine generelle Verurteilung von psychisch Kranken sei wenig hilfreich. (dpa)