Spekulationen über mögliche Ursache für die Katastrophe

Essen.. Technischer Fehler? Menschliches Versagen? Vielleicht ein Anschlag? Es wird dauern, bis die Ursache der Airbus-Katastrophe geklärt ist. In den französischen Seealpen sind inzwischen deutsche Experten eingetroffen.

Sie untersuchen die über zwei Quadratkilometer verstreuten Trümmer und machen sich aus verschiedenen Quellen ein Bild vom Unfallhergang.

Wie verlief der Morgen?

Um 6.48 Uhr verlässt der Airbus der Lufthansa-Tochter Germanwings seinen Heimatflughafen Düsseldorf. Das Ziel ist Barcelona, wo er pünktlich um 8.27 Uhr westeuropäischer Zeit landet. Um 10.01 startet Flug 4U 9525 zum Rückflug mit 144 Passagieren, darunter drei Babys, und mit sechs Besatzungsmitgliedern.

Flugkatastrophe Nach der Passage des Mittelmeers erreicht der Airbus bei La Ciotat zwischen Toulon und Marseille das südfranzösische Festland und wenig später den Bereich der Seealpen. Das Wetter ist gut.

Was geschah dann?

Nach den ersten Informationen geht die Maschine etwa 40 Minuten nach dem Start kurz nach Erreichen seiner Reiseflughöhe in einen steilen Sinkflug – von 38.000 auf 6800 Fuß. Sie verliert innerhalb von acht Minuten 9,5 Kilometer an Höhe. Nach französischen Berichten geben die Piloten einen Notruf („Emergency“) ab, was Germanwings-Manager Thomas Winkelmann aber dementiert. Die Verbindung reißt ab.

Was kann passiert sein?

Derzeit bestimmt eine begründbare Spekulation die Debatte der Experten, wie mehrere Piloten dieser Zeitung bestätigten. Danach haben die Bord-Computer falsch reagiert und den Jet in den Sinkflug gezwungen, weil die Geschwindigkeits-Sensoren an der Außenhaut vereist waren.

Das ist bei Airbus in letzter Zeit häufiger vorgekommen. Erst am 5. November ist es bei einem Lufthansa-Airbus auf dem Weg von Bilbao nach Deutschland zu einem ähnlichen Szenario gekommen. Die Besatzung hat damals einen Absturz knapp verhindert. Die europäische Aufsichtsbehörde Easa und Airbus haben die Airlines gewarnt. Bei einem Teilbereich der Flotten wurde die Software geändert.

Können die Piloten denn einen Computer-Fehler nicht korrigieren?

Airbus und Boeing verfolgen bei ihren Maschinen der A320-Familie und der Boeing 737 unterschiedliche Philosophien. Boeing setzt strikt auf die Entscheidungsgewalt der Piloten. Airbus glaubt dagegen, dass die Fehlerquote des Menschen höher ist als die der Technik.

Bevor ein Steuerbefehl des Piloten umgesetzt wird, überprüfen beim europäischen Produkt mehrere Computer unabhängig voneinander die Order. Sie wird nicht ausgeführt, wenn die Computer dies für unlogisch erachten. Piloten können aber selbst dann, wenn sie eine Computer-Fehlfunktion erkennen, nicht ohne weiteres auf „Handbetrieb“ übergehen.

Ist das nicht ein eingebauter System-Fehler?

Stefan Kenan-Scheib von Germanwings versichert generell, dass in den Jet „neueste Computertechnologie“ eingebaut war. Insgesamt spricht sogar einiges für die Airbus-Philosophie. Zwei Drittel der Abstürze bei Flugzeugen sind auf Fehler der Piloten zurückzuführen. Und auch die Statistik gab Airbus bis vor kurzem recht: Auf eine Million Flüge sind beim Airbus A320 bisher 0,08 Todesfälle gekommen. Bei der Boeing 737 lag die Rate bei 0,28 Todesfällen.

Und auch Boeing setzt zunehmend auf Computer, so dass die Raten inzwischen gleich niedrig liegen. Andererseits: Die Flugunfalluntersuchungsstelle des Bundes will in Kürze zu den meist bei Airbus auftretenden Problemen an der „Schnittstelle Mensch/Technik“ einen Bericht veröffentlichen.

Gibt es andere mögliche Unfallursachen?

Dazu gehören ein plötzlicher Druckabfall, auf den die Piloten mit einem abrupten Sinkflug reagieren müssen. Denkbar, aber unwahrscheinlich wäre, dass sie dabei die Kontrolle über den Jet verloren haben. Theoretisch könnte es eine Explosion an Bord gegeben haben. Aber auf einen Terrorakt hat bis Dienstag Abend nichts hingedeutet. Wartungsmängel scheinen ausgeschlossen. Der letzte Check der Unglücksmaschine war Montag.

Wer untersucht den Absturz der Germanwings-Maschine?

Neben der Staatsanwaltschaft sind Experten der Flugunfalluntersuchungsstelle des Bundes eingesetzt. Die unabhängigen Fachleute sind immer dann gefordert, wenn ein deutsches Flugzeug im In- oder Ausland verunglückt. „Ich denke, es dauert einen Monat, bis wir Genaueres wissen“, sagt der Luftfahrtexperte Thomas Saqer.