Spaziergang für den Frieden

Nikosia..  Es war eine Geste von großer Symbolkraft, ein Signal, das Hoffnung machen sollte: Gemeinsam überquerten die beiden zyprischen Volksgruppenführer am Samstag die Demarkationslinie und schlenderten durch die Altstadt der geteilten Inselhauptstadt Nikosia. Der griechisch-zyprische Präsident Nikos Anastasiades und der türkische Volksgruppenchef Mustafa Akinci trafen sich am Checkpoint auf der Ledras-Straße und verbrachten dann jeweils 45 Minuten gemeinsam im türkisch kontrollierten Norden und im griechischen Süden Nikosias. Noch nie seit der Teilung Zyperns vor fast 41 Jahren hatte es eine solche Begegnung gegeben. „Dies ist ein historischer Tag“, sagte Akinci. Anastasiades versprach: „Wir werden hart arbeiten, um so schnell wie möglich eine dauerhafte Friedenslösung zu finden.“

Das von ethnischen Griechen und Türken besiedelte Zypern ist geteilt, seit die Türkei im Sommer 1974 den Inselnorden militärisch besetzte, um eine Annexion der Insel durch Griechenland und die Vertreibung der türkischen Minderheit zu verhindern. Seither sind alle Anläufe zu einer Wiedervereinigung gescheitert. Die Wahl Akincis zum Präsidenten der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern im vergangenen Monat hat aber Bewegung in die festgefahrenen Friedensbemühungen gebracht.

Erste Begegnung Mitte Mai

Der linksliberale Akinci ist ein engagierter Befürworter einer Aussöhnung der beiden Volksgruppen. Auch der Inselgrieche Anastasiades will die Teilung überwinden. Die beiden Volksgruppenführer waren Mitte Mai zu einer ersten Begegnung zusammengekommen und wollen sich nun zweimal im Monat treffen. Das nächste Spitzentreffen ist für den kommenden Donnerstag geplant. Parallel dazu verhandeln Delegationen beider Seiten über Einzelheiten einer Lösung.

Der türkisch-zyprische Unterhändler Özdil Nami hält eine Wiedervereinigung „binnen weniger Monate“ für möglich. Die Gespräche gelten aber als schwierig. Es gibt Differenzen in Grundsatzfragen. Während die Zyperngriechen bisher auf einen Bundesstaat mit möglichst starker Zentralregierung hinarbeiten, plädiert die türkisch-zyprische Seite für einen eher lockeren Bund zweier weitgehend unabhängiger Teilstaaten. Offen ist auch, ob die Türkei mitspielt, die im Norden Zyperns mehr als 30 000 Soldaten stationiert hat und Zypern zu ihrer Einflusssphäre rechnet.

Viel Applaus auf dem Weg

Auf Anastasiades und Akinci ruhen große Hoffnungen. Das zeigte sich auch bei dem Spaziergang. Als sie die von Blauhelmen der Uno-Friedenstruppe überwachte Demarkationslinie auf der Ledras-Straße überquerten, zeigte Mehmet Harmanci, der Bürgermeister des türkischen Teils von Nikosia, Emotionen: „Können Sie sich vorstellen, dass diese Straße vor nicht allzu langer Zeit noch durch eine Mauer getrennt war?“

Die Politiker wurden in beiden Teilen Nikosias mit viel Applaus, ermunternden Rufen und Gaben überhäuft: Blumen, Gebäck, Getränke, Andenken. Als die beiden Volksgruppenführer schließlich nahe der Kirche Faneromeni im Südteil der Stadt gemeinsam einen Kaffee tranken, kommentierte ein alter Zypriote: „Gott stehe uns bei – wenn wir jetzt keine Lösung finden, dann wird es nie etwas.“