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Soziales

Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut

12.06.2009 | 22:59 Uhr
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut

Essen. Der Bundesverband Deutscher Tafeln rechnet mit einer wachsenden Zahl von Bedürftigen. Schon jetzt liegt die Zahl der der Tafel-Kunden über einer Million. Im Interview erklärt Soziologe Stefan Selke, warum er die Tafeln als Gefahr sieht.

Die Zahl der Tafel-Kunden sei nach Schätzungen bereits in den vergangenen zwölf Monaten um 100.000 auf mehr als eine Million gestiegen, sagt Gerd Häuser, Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafeln. Etwa 40.000 Ehrenamtliche kümmern sich um die Bedürftigen. Aber bei den Tafeln geht es nicht nur um Lebensmittel. Oft ist es auch ein Ort der Kontakte und des Austauschs. Im Interview erklärt Stefan Selke, Soziologe und Professor an der "Furtwangen University", warum die Tafelbewegung seiner Meinung nach trotz ihres Engagements auch eine Gefahr darstellt.

Etwas Sozialeres als die Einrichtung der Tafeln gibt es doch eigentlich nicht. Was ist Ihrer Meinung nach schlecht an den Tafeln?

Neben den Tafeln gibt es auch Armenküchen für Bedürftige. Foto: Steffi Loos/ddp

Stefan Selke: Die Tafeln sind per se nichts Schlechtes, das behaupte ich auch an keiner Stelle. Ich sage auch nicht, dass eine einzelne Tafel ihre Arbeit nicht gut macht. Was ich kritisiere ist das System der Tafeln. Mit der Tafelbewegung hat sich ein Markt mit zwei Ebenen entwickelt. Es gibt einen Markt von Dienstleitungen, die auf die Bedürftigkeit zugeschnitten sind. Zum anderen hat sich ein Markt der Hilfsbereitschaft entwickelt. Auch hier gilt die Logik von Angebot und Nachfrage. Die Gefahr besteht darin, durch die stetige Einlösung von Erwartungen der Abholer durch die Tafeln die Armut zu verstetigen. Die Gefahr besteht darin, dass dadurch eine Verstetigung von Armut, Erwartungen und Tafeln erzielt wird. Das ist mein Hauptkritikpunkt.

Kein Zusammenhang von Armut und Tafeln

Können Sie ein Beispiel für eine Verstetigung nennen?

Selke: Eine Tafel, die ich vor kurzem besucht habe, hatte bei ihrer Eröffnung einen kleinen Lagerraum. Mittlerweile ist die Fläche auf 2500 Quadratmeter angewachsen, die Mietkosten haben sich verfünffacht. Dahinter steckt die unausgesprochene Logik: ‚Wir brauchen eigentlich mehr Kunden, damit wir unsere Miete bezahlen können.’ Eigentlich sollte es aber doch das Ziel sein, dass es immer weniger Menschen werden, die die Tafeln in Anspruch nehmen. Das ist paradox.

Wird es also immer mehr Tafeln und immer mehr Bedürftige geben?

Selke: Es gibt überhaupt erst einmal keinen Zusammenhang zwischen der Existenz von Tafeln und Armut:. Armut existiert völlig unabhängig von den Tafeln als gesellschaftliches Problem! Es ändert sich aber die Idee, die hinter der Tafelbewegung steckt. Die Grundidee war, das Überflüssige zu verteilen. Mittlerweile ist die unausgesprochene Leitidee ‚Wir ersetzen das Fehlende’. Wenn man einmal so denkt, dann gibt es kein Halten mehr, dann fehlt prinzipiell alles.

Was hat sich bei den Angeboten der Tafeln verändert?

Selke: Mittlerweile werden auch Schulranzen gekauft, Weihnachtsbraten werden hinzu gekauft, es gibt Beratungskurse und Wellness-Reisen Angebote – eben alles, was fehlt. Diese Veränderung bewirkt eine Erwartungshaltung, die sich verstetigt. Ich weiß nicht, ob sich die Akteure bei den Tafeln und in der Politik darüber im Klaren sind.

Hintergrund
Entwicklung der Tafeln
  • Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin eröffnet.
  • Die Grundidee war, überschüssige Lebensmittel einzusammeln und sie kostenlos an Bedürftige zu verteilen.
  • Laut Tafelangaben habe sich die Zielgruppe gewandelt. Obdachlose stellten den geringsten Anteil an Kunden. Jetzt werden vor allem Alleinerziehende, Geringverdiener, Arbeitslose und Rentner versorgt.
  • Nicht jeder kann sich bei den Tafeln mit Lebensmitteln eindecken. Die Kunden müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen.
  • Einen Einblick in den Tafelalltag gibt Stefan Selkes Buch "Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird.", Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2008,231 Seiten, 19,90 Euro.
  • Austausch im Netz unter www.tafelforum.de

Was würde passieren, wenn es ab jetzt keine Tafeln mehr geben würde?

Selke: Von den rund neun Millionen Menschen, die als arm bezeichnet werden, geht nur eine Million zu den Tafeln, acht Millionen schaffen es alleine – oder gehen aus Scham nicht zu einer Tafel. Es würde also gar nicht viel passieren. Vielleicht würde aber auf politischer Ebene mehr Handlungsdruck entstehen. Denn durch die erfolgreiche Arbeit der Tafeln ist der Druck, nach Alternativen zu suchen, gering.

Schirmherrschaften senden falsches Signal

Sie kritisieren also das unpolitische Auftreten der Tafeln?

Selke: Im Sinne einer Gegenöffentlichkeit sind die Tafeln wirklich unpolitisch. Es ist eher ein Anschleichen an die Politik. Eine Art Symbiose, die da versucht wird. Gerade die vielen Schirmherrschaften senden ein falsches Signal. So erscheinen die Tafeln oft als quasi-staatliche Einrichtung. Schlimmer noch: Sie werden von der Öffentlichkeit als Selbstverständlichkeit wahrgenommen.

Würden Sie zu den Tafeln gehen?

Selke: Nein. Ich war zwar schon einmal arbeitslos und alles war recht knapp. Aber ich würde mich begrenzen und nach Alternativen suchen. Das absolut wichtigste Ziel ist es in einer solchen Situation, die Selbstbefähigung des Menschen zu erhalten. Almosen sind hiervon das genaue Gegenteil.

(mit ap)

Sabrina Radeck

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Kommentare
14.05.2010
15:21
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von jessiesrevenge | #68

der einizge Feind des Volkes ist die Kapitaldiktatur und nicht die Hilsmaßnahmen die für das Volk sind....wir würden doch keine Tafeln brauchen, wenn die Betriebe ihren Angestellten auch den richtigen Lohn zahlen würden! Aber so lange die Mentalität dahingeht das man doch froh sein muss zu arbeiten für ein Hungerlohn wird sich daran nie was ändern. Ich hörte von meinen Opa das damals er seine Arbeit angeboten hat...und nun muss man betteln um 80 % seiner Lebenszeit in einen Betrieb verknechtet zu werden und muss sich dann noch darrüber freuen...ist es nicht so das die Firmen was von uns wollen? Nämlich unser Wirtschaftsfaktor Arbeit??? Warum ist das heutzutage so das Firmen so tun als wenn sie das nicht mehr brauchen und das Volk doch gerne arbeiten möchte?? Als glaubender Mensch ist das ohnehin ein Unding 80 % seines Lebens an andere Menschen zu verkaufen, schließlich lebe ich auch nur einmal auf diesem Planeten (wobei man schon fast sagen kann; zum Glück hat das mal ein Ende)

Wie wärs mal wenn alleine die Firmen die Tafel tragen und organisieren, so können sie wenigstens das zurückgeben was sie uns an Lebensqualtiät klauen und das Angebot sollte für jeden hier in Deutschland gelten...denn auch die Arbeitende Bevölkerung verdient zunehmend weniger und kann sich gewisse Sachen auch nicht mehr leisten! Achja und mit Firmen sollen das tragen, damit meine ich nicht das sie ihre abgelaufenen Lebensmittel dort entsorgen können (kostet nämlich sonst Geld!!) sondern sollen was ordentliches verzehrfähiges anbieten!

14.05.2010
13:47
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Wilfried Stascheit | #67

Selke ist ein Prof einer Provinzuni, der seit einigen Jahren durch Deutschland tingelt und mit Provokationen sein Geld verdient (u.a. zwei Bücher) Er hat nur dieses Thema und für ihn sind die Tafeln sehr lukrativ. Diese Verelendungsthese (je schlechter es den Leuten geht, desto eher wird sich etwas ändern) ist in meinen Augen verbrecherisch (warum Spenden an Tsunamiopfer, warum Haiti, warum Afrika?).
Es gibt immer Einzelfälle, Schmarotzer, die man ins Feld führen kann, nach meiner Erfahrung aber is tz.B. ein Großteil der Tafelkunden Rentner (auch Schmarotzer?). Sehr übel auch die Behauptung mit den Wellnessreisen, das erweckt wirklich den Eindruck, dass die Tafeln so etwas wie die Hängematte in Hawai sind. Es geht auch nicht nur um Essen, es geht darum, viele Leute nicht in der Einsamkeit (Tafeln sind auch Treffpunkte) und dem Gefühl der Nutzlosigkeit versacken zu lassen, sondern aktiv in unserer Gesellschaft zu behalten, sie auch am kulturellen Leben weiter teilhaben zu lassen. Zum Beispiel durch Kultur für alle, wo gespendete Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen abgegeben werden. Oder auch durch Spenden von Kinderbüchern aus Verlagen, die sonst weggeworfen würden. Wir halten das nicht für Vollversorgung sondern für das wenigste, was wir verdammt aus Anstand zu tun haben.
Wilfried Stascheit Selbst.Los!- Stiftung

14.05.2010
13:42
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Holz-Auge | #66

Hallo Frau Werth,
Sie habe Recht, und dem ist nichts hinzu zu fügen.
Leider haben die Leute mit dem geringsten Wissen meistens auch die größte Klappe.

Glück auf aus dem Kohlenpott nach Berlin.

16.07.2009
12:37
Blockierter Kommentar.
von spacedrummer | #65

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

16.07.2009
01:34
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Rike57 | #64

So, zu den Tafeln möchte ich noch sagen, wenn es sie nicht gäbe, wären wir einem Bürgeraufstand näher als uns lieb ist!

Sind es doch die Tafeln, die das Minus der Politiker abfedern.

Denn so lange ein Bedürftiger noch einen Ausweg aus dem Hunger sieht, um so weniger wird er sich gegen die schlechte Politik wären!

Nur der Hunger macht rebellisch und missmutig!

Glück auf!!!

16.07.2009
01:27
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Rike57 | #63

Was glaubt so mancher hier eigendlich aus welcher Schicht der Gesellschaft die Ehrenamtler kommen???

Die meißten Ehrenamtler sind selber HartzIV Empfänger!!!

Sie sind es einfach leid durch ihre Städte zu ziehen und um Jobs zu betteln!!!

Also, gehen sie zur Ehrenamtsagentur und lassen sich dort beraten!!!

So viel dazu, HartzIV Empfänger sind nur Schmarotzer und saufen, rauchen und glotzen den lieben langen Tag nur auf ihre Flachbildschirme(die sie gar nicht besitzen) und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein !!!!

Manche HartzIV Empfänger arbeiten Ehrenamtlich härter und länger am Tag, als so mancher hochnäsige, immer Krankenschein nehmende Arbeitnehmer!!!

So, jetzt gehts mir schon bedeutend besser!!! :))

Glück auf!!!

15.07.2009
21:06
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von greateasy | #62

..schon traurig,dass unser Land solche Einrichtubgen braucht...aber so ist es nun mal,ein Teil der Gesellschaft muss seine Gewinne maximieren und der andere Teil die Drecksarbeit machen.Und wenn die AG sich nur noch mit Entlassungen die Profite sichern kann,dann wirds halt gemacht.Was aus den Leuten dann wird,scheint den Regierenden egal zu sein...bis es in diesem Staat so richtig knallt.

19.06.2009
17:41
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von ewaldo 3 | #61

Bravo Bob, Du hast den richtigen Ton gefunden.
Statt dumm zu schwätzen sollten die Besserwisser sich einmal selbst ein Bild machen und sich in die Reihen der Hilfesuchenden einreihen um einmal die Not dieser Menschen kennen zu lernen. Noch besser wäre tatkräftige Hilfe. Es ist zwar immer eine tolle Sache sich im Kreise derbesseren Gesllschaft zu wähnen und auf hilfsbereite Menschen hinunterzusehen als selbst die Initiative zu ergreifen.
Ohne diese Tafeln würde der Radikalismus noch mehr um sich greifen.
Meine Hochachtung gilt den Menschen, die sich nicht scheuen, diesen Ärmsten der armem zu helfenm!

19.06.2009
12:18
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Bob | #60

#4 von Beobachter
Meist sind die ehrenamtlichen Helfer dieser Tafeln Personen mit eigenen Persönlichkeitsdefiziten, die es ach so toll finden Armen zu helfen und letztlich doch nur ihr eigenes Gewissen zu beruhigen versuchen.

Selten in einem Satz soviel gesitigen Dünnschiss am Stück gelesen wie in Ihrem ! Meine Mutter ist selbst eine dieser Ehrenamtlichen und ich kann ihr durchaus attestieren, das sie kein Persönlichkeitsdefizit hat und auch kein Gewissen beruhigen will ( hat sie nicht nötig ), sondern im Gegensatz zu Typen wie Ihnen ( und vielen anderen ) nicht nur quatschen will, sondern bereit ist selbst mit anzupacken und etwas zu tun. Gäbe es in vielen Bereichen unserer Gesellschaft nicht die Ehrenamtlichen sähe es an so mancher Ecke zappenduster aus. Selbst wenn Ihre these zutreffen würde, dann wären mir eine handvoll Leute mit Persönlichkeitsdefiziten die mit anpacken und etwas bewirken immer noch lieber als hunderte Schwätzer, die nicht außem Quark kommen und nix bewirken aus ihren Müll in Foren abzusondern....

18.06.2009
20:56
Soziologe: Tafeln behindern Kampf gegen Armut
von Bernd Hofmann | #59

Hallo Frau Werth!

5 Sterne für diesen Beitrag!

Dem bleibt nichts hinzuzufügen!

Herzliche Grüße nach Berlin!


B. Hofmann - Gelnhäuser Tafel

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