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So funktioniert die neue Pflege in Deutschland

12.10.2014 | 19:03 Uhr
So funktioniert die neue Pflege in Deutschland
Hilfe brauchen viele alte Menschen, vor allem wenn sie unter Demenz leiden.Foto: dpa

Bochum/Berlin.   Wie viel Pflege braucht ein Demenzkranker? Wie messen die Kassen künftig den individuellen Bedarf? Ab 2017 sollen die drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt und Demenzkranke stärker berücksichtigt werden. Funktioniert das? Julia Emmrich sprach mit dem Pflegewissenschaftler Karl Reif.

Der Pflegewissenschaftler Karl Reif von der Hochschule für Gesundheit in Bochum, der im Auftrag der Bundesregierung den Pflege-Praxistest auswertet, zieht im Gespräch mit dieser Redaktion eine durchaus positive Zwischenbilanz.

Im Test werden 2000 Pflegefälle parallel nach dem alten und dem neuen System begutachtet. Was ist der wichtigste Unterschied?

Karl Reif: Heute wird geschaut, wie groß der Zeitbedarf der Pflege beim Waschen, Ankleiden oder Essen ist. Der Pflegebedarf wird nach Minuten berechnet. Künftig fragen wir, wie selbstständig jemand ist. Ein Beispiel: Ein Demenzpatient ist körperlich in der Lage, sich einen Waschlappen zu nehmen und sich zu waschen. Er weiß aber vielleicht nicht mehr, was ein Waschlappen ist und was man damit macht. Bei der Demenz ist es eben so, dass jemand daneben stehen muss. Und zwar jeden Tag.

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Wie läuft die Einstufung ab?

Reif: Wir fragen mit Hilfe von acht Modulen verschiedene Lebensbereiche ab. Zum Beispiel: Wie gut kann sich der Antragsteller noch selbstständig bewegen? Bemerkt er, ob er Hunger hat oder zur Toilette muss - und kann er das ausdrücken? Versteht er, was er im Alltag tun muss? Verhält er sich auffällig? Bislang spielt es bei der Bewertung eine untergeordnete Rolle, ob jemand etwa beim Essen abwehrend reagiert oder sich komplett verweigert. Künftig gibt es auch dafür Bewertungspunkte bei der Einstufung.

Die Gutachter bewerten nach einem Punktesystem von eins bis 100. Wie viele Punkte sind nötig, um den ersten Pflegegrad zu erreichen?

Reif: Einen Punkt gibt es zum Beispiel, wenn jemand sein Essen nicht vollkommen selbständig, sondern nur noch überwiegend selbstständig einnehmen kann. Im Praxistest gehen wir davon aus, dass bei 15 Punkten Pflegegrad 1 erreicht ist.

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Wie weit sind Sie mit den Tests?

Reif: Die Begutachtungen sind fast abgeschlossen. Und wir sehen: Es funktioniert. Die Gutachter sind froh über das neue Bewertungssystem. Sie können jetzt viele Probleme, die sie in den Wohnungen oder im Alltag der Familien sehen und die sie früher nicht berücksichtigen konnten, in die Bewertung aufnehmen. Auch bei den Versicherten stößt das auf Zustimmung. Die Versicherten und ihre Angehörigen merken, dass auf einmal Dinge gefragt werden, die früher nicht gefragt wurden. Die fünf neuen Pflegegrade werden auf große Akzeptanz stoßen.

Wo muss nachgebessert werden?

Reif: Die Gutachter haben noch Schwierigkeiten bei der Bewertung einzelner Fähigkeiten: Sie müssen unterscheiden zwischen „selbstständig“, „überwiegend selbstständig“, „überwiegend unselbstständig“ und „unselbstständig“. Da müssen sie noch besser angeleitet werden.

Lässt sich Demenz überhaupt mit einem Punktesystem erfassen?

Reif: Jedes Instrument hat seine Grenzen. Auch dieses. Es ist nicht perfekt. Nicht alles passt ins Schema. Wir werden die Pflegegrade über die Zeit weiterentwickeln müssen. Das ist auch bei den drei Pflegestufen so gewesen. Aber was wir jetzt schon sehen: Menschen mit Demenz werden höher eingestuft als bislang. Besonders gut sichtbar ist das bei den Frühformen der Demenz, dort, wo es vor allem um Beaufsichtigung geht. Im Moment werden diese Antragsteller nicht so gut erfasst. Das wird sich ändern.

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Reif: … das andere ist die Finanzierung. Am Ende hängt sehr viel davon ab, welche Leistungen hinter diesen Pflegegraden stehen – wie viel Geld und welche Sachleistungen.

Ist die Reform der Pflegestufen mit einer Erhöhung der Beiträge um 0,2 Prozentpunkte zu bezahlen, wie die Regierung plant?

Reif: Ich bin skeptisch. Die Versorgung im Demenzbereich ist noch stark verbesserungsbedürftig. Wir müssen vor allem die pflegenden Angehörigen finanziell besser ausstatten und stärker unterstützen.

Julia Emmrich

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2014-10-12 19:03
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