„Sie hinterlassen nur Schrott“

Maidan Shar..  Der alte Mann hockt auf einem Bänkchen vor der braunen Lehmwand seines Gehöfts und dreht das Gesicht der Wintersonne entgegen. Die Apfel- und Pfirsichbäume, die seinem Clan im Sommer etwas Einkommen bescheren, scheinen mit ihren kahlen Ästen ebenfalls jeden Hauch von Wärme aufsaugen zu wollen. Afghanistan wartet auf den ersten Schnee des Winters. Ein paar Hundert Meter entfernt dröhnen auf der Landstraße die Motoren der Lastwagen, die an einem der sechs Kontrollpunkte rund um die Stadt Maidan Shar angehalten werden. Der 65-jährige Mohammed Daood zieht seinen Enkel Shamsullah Rahim auf den Schoß. Die rechte Wange des elfjährigen Jungen verunstaltet eine große Narbe. Sie stammt von einer Minenexplosion.

„In meinem Leben gibt es nur ein kleines bisschen Sonnenschein“, sagt der alte Mann und deutet auf seinen Enkel. „Der Kleine geht zur Schule. Mir war das nie vergönnt“. Man muss den alten Daood ganz schön drängen, bis ihm etwas Erfreuliches zur Bilanz der ausländischen Unterstützung einfällt, die schon weit über ein Jahrzehnt andauert. Das Jammern fällt ihm leichter. „Für mich hat sich nichts geändert“, sagt er.

Die 1980er-Jahre verbrachte er als Kämpfer in den Reihen des Kriegsfürsten Abdul Rasul Sayyaf. Heute muss Daood sehen, wie er mit seinen Obstbäumen über die Runden kommt. Der Greis zieht das rechte Hosenbein hoch und zeigt sein verkrüppeltes Knie. „Als die da oben gekämpft haben, hat mich eine Kugel getroffen“, sagt Daood und zeigt mit dem knöchrigen Zeigefinger Richtung Straße, „seitdem habe ich von allen die Nase voll, von den Taliban und den Mujaheddin oder wie sie heißen.“

Im Jahr 1996 saß an dem Kontrollpunkt eine Vorhut der radikalislamischen Talibanmilizen. „Hier kommen jetzt im Winter täglich 5000 bis 6000 Autos durch“, sagt dort am letzten Vorposten von Kabuls Regierung eine paar Kilometer weiter westlich Polizeikommandeur Mohammed Zarif. Er beobachtet von einem Hügel, wie seine Männer sich vorsichtig den Autos nähern, die aus dem Süden ins 45 Kilometer entfernte Kabul wollen. „Hinter dem Hügel ist Schluss für uns“, sagt er, „Zivilisten können durch. Ein paar Hundert Meter weiter prüfen Kämpfer der Talibanmilizen, ob in den Fahrzeugen Spione, Polizisten oder Ausländer sitzen.“ Wer verdächtig erscheint, wird ermordet. Wer nach Geld aussieht, wird entführt.

Am 31. Dezember haben die letzten westlichen Kampftruppen Afghanistan verlassen und rund 12 000 Soldaten einer „Ausbildungsmission“ samt Schutz zurückgelassen. Die meisten kommen aus den USA, die Bundeswehr stellt rund 850 Mann. Während es in Kabul während der vergangenen Wochen so viele Anschläge gab, dass US-Offiziere vorzugsweise mit Hubschraubern unterwegs sind, haben sich die Afghanen mit der neuen Wirklichkeit arrangiert.

Oft die Falschen erwischt

„Mein Umsatz ist um ein Drittel geschrumpft“, erzählt Taheer, der 40-jährige Besitzer des Naseeb Restaurants im Stadtkern von Maidan Shar. Er belieferte früher den US-Stützpunkt mit Reis und anderen Nahrungsmitteln. Die Frontstadt wird größere Schwierigkeiten überwinden müssen. Kilometerlange, mit Stacheldraht bewehrte Mauern ziehen sich um gigantische Stützpunkte, auf denen kaum Menschen zu sehen sind. Afghanistans Sicherheitskräfte haben Mühe, den Betrieb in den Stützpunkten aufrecht zu erhalten, die mit den Milliarden aus Washington aufgebaut wurden.

Ob Maidan Shar bei einem Angriff ohne US-Truppen leichte Beute ist, wird sich zeigen. Sollten die Talibanmilizen jemals wieder einen Marsch auf die Hauptstadt Kabul wagen, wird das beschauliche Städtchen zu einem der ersten Schlachtfelder. Restaurantbesitzer Taheer ist trotzdem froh, dass die ausländischen Truppen abziehen. „In den ersten Jahren waren wir froh über die Anwesenheit der US-Soldaten“, beschreibt er den afghanischen Sinneswandel, „aber dann haben sie angefangen, Leute zu töten und häufig die Falschen erwischt.“

85 000 Zivilisten wurden laut Zahlen der US-Hilfsorganisation USAID zwischen 2008 und 2013 verletzt oder getötet. Im vergangenen Jahr waren es nach Angaben der UN allein 10 000. Laut Kabuls amtierendem Drogenbekämpfungsminister Haroon Rashid Sherzad besitzt die Regierung in Kabul landesweit keine Kontrolle über 41 Distrikte. Dort wird 92 Prozent des Opium produziert, das auf der neuen Rekordfläche von 224 000 Hektar angebaut wird.

Drei bis vier Milliarden US-Dollar soll das Rauschgiftgeschäft jährlich einbringen. Zum Vergleich: Afghanistan braucht in diesem Jahr Finanzspritzen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar zum Unterhalt der 350 000 Mann starken Sicherheitskräfte und zwei bis drei Milliarden für den restlichen Haushalt aus dem Ausland. „Der Opiumanbau ist gegenwärtig Afghanistans einziger Wirtschaftszweig, der Hoffnung macht“, sagt in Kabul der Politikwissenschaftler Haroun Mir. „Ohne Drogengeld würde die Bauindustrie, der einzige gegenwärtig funktionierende Wirtschaftszweig, keine Arbeitsplätze mehr bereitstellen.“

Der „Cold Turkey“, das Entzugssyndrom der Auslandshilfe, geht nicht nur in Kabul um. „Bei uns ist es noch schlimmer als in Kabul, weil es bei uns nur Landwirtschaft gibt“, sagt der 38-jährige Ghulam Bahudin Jailani. Dutzende von Besucher umringen den Vorsitzenden des Provinzrats von Parwan im Empfangssaal des nagelneuen Gebäudes in der Stadt Charikar. Die Leute sind ungeduldig. Monate sind seit der Amtseinführung von Präsident Ashraf Ghani vergangen. Aber der Nachfolger von Hamid Karzai hat immer noch kein funktionierendes Kabinett. Wie eine Gebetsmühle gibt Jailani den Dorfvertretern, die ihm seit Wochen die Tore einrennen, immer die gleiche Antwort. „Die Ministerien in Kabul sagen, sie könnten nichts entscheiden, weil kein Minister da ist.“

Politiker feilschen um Posten

Während Kabuls Politiker weiter zaudern und um Posten feilschen, ist der Abzug ausländischer Truppen abgeschlossen. „Sie hinterlassen nur Schrott“, sagt Atmar, der nur einen Namen nennen will. Der 35-jährige Mann gehört zu den Abwrackern, die rund um den US-Stützpunkt Bagram noch ein letztes Geschäft aus den Milliarden machen wollen, die Washington seit 2001 in Afghanistan ausgegeben hat. Er verkauft die Reste, die von den Truppen am Hindukusch zurückgelassen werden.

Auf seiner Abwrackhalde sind die stummen Zeugen einer Politik versammelt, die vielen Afghanen bis zuletzt unergründlich blieb. Gerade hat Atmar den zweiten Laster mit einer Ladung voll Metall verabschiedet. Das Ziel des Transports: Pakistan. Dort wird der Schrott eingeschmolzen und anschließend nach China verkauft. „Es ist fast so wie damals nach dem Abzug der Russen“, sagt Atmar.