Shell darf vor Alaska nach Öl bohren: Umweltschützer in Rage

Große Teile der weltweiten Ölvorkommen liegen vor den Küsten der Kontinente, an manchen Stellen in Wassertiefen von über 2000 Meter.
Große Teile der weltweiten Ölvorkommen liegen vor den Küsten der Kontinente, an manchen Stellen in Wassertiefen von über 2000 Meter.
Foto: dpa/Archiv
Die US-Regierung hat Shell trotz einer Pannenserie erste Bohrungen vor Alaska erlaubt. Umweltschützer halten die Gefahren für unkalkulierbar.

Washington.. Am Samstag bekommt die „Polar Pioneer“ in Seattle ebenso unerbetenen wie medienwirksamen Besuch. Dutzende Umweltschützer in Kajak-Booten wollen mit Unterstützung von Bürgermeister Ed Murray verhindern, dass die 90 Meter über dem Meeresspiegel auf gelben Pfeilern ruhende Öl-Plattform des Energie-Riesen Shell im Hafen der amerikanischen Westküsten-Stadt Zwischenstation macht auf ihrem Weg nach Norden.

In der Tschuktschensee in Alaska, weit weg von jeder Zivilisation, will der britisch-niederländische Konzern in wenigen Wochen die bislang letzte für internationale Rohstoffmultis geltende Grenze schleifen: die Förderung von Öl und Gas in der Arktis.

Keine Rettungstechnik vor Ort

Dass ausgerechnet der dem Klimaschutz in vielen Reden besonders verpflichtete Präsident Obama dem Projekt, wenn auch unter Auflagen, gegen alle Einsprüche grünes Licht erteilt hat, bringt Umweltschützer in Rage. „Wir können Shell nicht trauen“, sagt Cindy Shogan, Direktorin der Alaska Wilderness League. „Würde sich ,Deepwater Horizon‘ dort wiederholen, wäre der Schaden unermesslich.“

Gemeint ist mit „Deepwater Horizon“ die Katastrophe im Golf von Mexiko. 2010 ging die gleichnamige BP-Bohrplattform in Flammen auf. Fast 90 Tage lang strömte ein Gemisch aus Öl, Erdgas und Giftschlamm vom Macondo-Ölfeld ins Meer. Obwohl umgehend Spezialschiffe und Unterwasserroboter bereitstanden und fast 50 000 Menschen bei der Beseitigung des angeschwemmten Öls halfen, konnte das Desaster nur mit Mühe unter Kontrolle gebracht werden. Noch heute sind an der Golfküste nicht alle Schäden behoben.

Öl könnte monatelang das Meer verseuchen

Wie, fragt Michael Le Vine von der Umwelt-Organisation „Oceana“, soll der Ernstfall in der Arktis mit ihren tiefen Temperaturen, den gewaltigen Stürmen und dem unberechenbaren Eis bewältigt werden? „In der Arktis leben kaum Mikroben, die Öl auffressen“, berichten Forscher der Universität UC Berkeley bei San Francisco, „biologische Prozesse verlaufen dort im Zeitlupentempo.“

Passierte ein Unglück kurz bevor das Meer im Spätsommer zufriert, könnte das Leck bis zur nächsten Schmelze unerreichbar bleiben. Öl könnte monatelang ungehindert das Meer verseuchen. Und das in einer Gegend, durch die die Haupt-Wanderrouten von Walen und anderen Meerestieren führen. Küstenwachen, Tiefseehäfen und spezielle Technik, die man für Rettungsarbeiten benötigte, wären mehr als 1600 Kilometer entfernt.

13 Prozent der weltweiten Ölvorräte wohl in der Arktis

Cindy Shogan fordert darum den Verzicht auf Bohrungen jenseits des Polarkreises. Ihr Standard-Argument lautet: „Zu aufwendig, zu riskant, zu kostspielig.“ Die Industrie in den Anrainerstaaten der Arktis – Russland, Amerika, Kanada, Grönland/Dänemark und Norwegen – sieht das anders. Getrieben von langsam versiegenden und einfacher zugänglichen Quellen sowie wachsender Nachfrage laufen fast überall Bestrebungen, sich die eisige Schatzkammer zu erschließen. Grund: Weil im Zuge des Klimawandels das Eis schmilzt, sind dort Öl-, Gas- und Mineralienvorräte theoretisch leicht auszubeuten.

Forscher der wissenschaftlichen US-Behörde „United States Geological Survey“ gehen davon aus, dass 13 Prozent der weltweit unerschlossenen Vorräte an Öl und 30 Prozent an Gas im hohen Norden lagern. Umgerechnet etwa 400 Milliarden Barrel, also 159-Liter-Fässer – genug für die Deckung des Weltverbrauchs für zwölf Jahre.

Shell schrammte schon knapp an Katastrophe vorbei

Dass sich gerade Shell das Geschäft im Eis nicht nehmen lassen will, finden Umweltverbände zynisch. Vor drei Jahren schrammte der Konzern in der Tschuktschensee haarscharf an einer Katastrophe vorbei.

Die Bohrinsel Kulluk sollte ausgerechnet zur Zeit der Winterstürme nach Seattle verlegt werden, lief in tosender See auf Grund und strandete Tage später in der Nähe der Kodiak-Inseln. Untersuchungsberichte der US-Regierung stellten später fest: Dass 500 000 Liter Diesel an Bord nicht ausliefen, war reines Glück.

Greenpeace fordert Rückzug

Auch das Bohrschiff „Noble Discover“ riss sich damals in einem Sturm los, an Bord brach Feuer aus, auch hier: Pures Glück. „Zwei Stürme, zwei Beinahe-Katastrophen“, fordert Larissa Beumer den Ölkonzern auf, die Finger vom schwarzen Gold unter dem Nordmeer zu lassen.

Die Arktis-Expertin von Greenpeace zitiert aus einer Studie des US-Innenministeriums, die die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls im Förderbetrieb bei 75 Prozent einstuft. Angesichts der Milliarden, die Shell bereits investiert hat, sieht sich der Konzern wohl zum Erfolg verdammt.

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