Senioren werden gerne über den Tisch gezogen

Senioren sind zum Freiwild geworden, nicht nur für Trickbetrüger. Die heute 70- bis 90-Jährigen wissen, was harte Arbeit und Sparsamkeit bedeuten. Also ist bei ihnen etwas zu holen. Das wird gerne ausgenutzt: von Kriminellen, aber auch von Banken, Telefonanbietern und Versicherungen. Denn die Großeltern-Generation tut sich vielfach schwer damit, die Geschäftspraktiken des Internetzeitalters zu verstehen. Das fängt beim Fahrkartenkauf an - Automaten an Bahnhöfen stellen für viele ältere Menschen ein unüberwindbares Hindernis dar - und hört noch lange nicht bei der Erkenntnis auf, dass es Bankangestellte gibt, die Greisen Geldanlagen mit 20-jähriger Laufzeit verkaufen. Also werden die Alten nach Herzenslust über den Tisch gezogen und ausgenutzt, sofern sie keine Kinder haben, die gegebenenfalls einmal Klartext reden können.


Fair ist das nicht. Immerhin hat diese Generation den Wohlstand erwirtschaftet, dessen sich das Land erfreut. Umgekehrt sind die heutigen Senioren in ihrer Kindheit noch zum Respekt gegenüber Amtspersonen erzogen worden, wozu das Fräulein von der Vermittlung ebenso gehörte wie der Mann hinter dem Bankschalter. Dieses Verhalten ist schwer abzulegen, und das macht es so leicht, sie zu übervorteilen.


Auf der anderen Seite gibt es keinerlei gesellschaftlichen Konsens, Rücksicht zu nehmen. Senioren, die zum Opfer von Finanz- oder Vertragsfallen werden, schiebt man die Schuld selber zu. Hier gibt es zudem eine große Dunkelziffer, denn viele Alte merken sehr wohl, dass man mit ihnen Schlitten fährt, aber sie schämen sich zu sehr, um darüber zu sprechen. Das macht wütend. Und traurig. Gut nur, dass auch die Abzocker von heute irgendwann selbst Senioren sein werden.