Schweden steckt Jugendliche in Isolationshaft

Stockholm..  In der Zelle der Polizeiwache ist es kalt. Der Junge sitzt nur mit seiner Unterwäsche bekleidet auf einer Matratze. Eine Decke hat er nicht. Das Fenster ist vergittert, obwohl sowieso kein Lichtstrahl hereindringt, der ihm verraten könnte, ob es Tag oder Nacht ist. Aus den anderen Zellen hört er Schreie und Rufe. Er muss zur Toilette und drückt auf die Klingel. Es dauert fast zwei Stunden, bis die Wache endlich kommt.

Diese Schilderung eines Jugendlichen in Untersuchungshaft ist nur ein Comic im Bericht des schwedischer Kinder-Ombudsmannes, doch von der Realität ist er nicht weit entfernt. 2011 wurden 3052 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Schweden in Isolationshaft genommen. Das heißt: 22 von 24 Stunden ohne Kontakt zu anderen Menschen. Sie dürfen ihre Eltern nicht sehen und auch die Wache beschränkt den Kontakt aufs Nötigste.

In einem Fall sei ein Jugendlicher sogar ein Jahr isoliert gewesen, bis sein Fall endlich vor Gericht entschieden wurde, erzählt Ombudsmann Fredrik Malmberg. Viele betroffene Jugendliche trügen große psychische Schäden davon, hätten Angstzustände, Depressionen, Schlafprobleme und Selbstmordgedanken. „Ich habe Kinder getroffen, die den Sinn für die Realität verloren haben“, sagt Malmberg.

Wie Erwachsene behandelt

Seit Jahren rügt der Ausschuss gegen Folter der Vereinten Nationen Schweden, weil es mit seiner Praxis der Isolierung jugendlicher Strafverdächtiger gegen die Menschenrechte verstoße. Zuletzt im Dezember 2014: „Das Komitee fordert die Regierung auf, die Isolationshaft bei Jugendlichen abzuschaffen und ein Jugendstrafsystem nach internationalem Standard zu etablieren.“ Doch geschehen ist kaum etwas.

Ein Grund ist, dass in Schweden Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren in der Untersuchungshaft wie Erwachsene behandelt werden. Es gibt nämlich kein gesondertes Gesetz für sie. Fredrik Malmberg hält das für einen großen Fehler. „Ich verstehe, dass es mitunter notwendig ist, ein Kind seiner Freiheit zu berauben“, sagt er. „Aber es ist etwas anders, es zu isolieren. Wenn man ein Kind einsperrt, darf man nicht vergessen, dass es ein Kind ist und kein Erwachsener. Man braucht ein anderes System für Kinder.“

13 Polizeiwachen und Untersuchungshaftanstalten hat Malmberg besucht und mit mehr als 30 jugendlichen Häftlingen gesprochen. Dabei hat er Schockierendes zu hören bekommen. „Ein Junge erzählte mir, er habe begonnen, vor dem Spiegel zu sich selbst zu sprechen. Ein anderer sagte, er sei voller Wut und Aggression. Er habe sehr, sehr böse Gedanken.“

„Hier haben wir versagt“

Der Ombudsmann hält es für inakzeptabel, Teenager in Isolationshaft zu stecken, obwohl man wisse, welche ernsten Folgen das für sie habe. Einige Jugendliche seien hinterher so zermürbt, dass sie bei der Verhandlung alles sagen würden, um aus der Zelle herauszukommen.

„Wir machen vieles richtig, wenn es um unserem Umgang mit Kinderrechten geht, aber hier haben wir versagt. Es ist wirklich beschämend“, sagt Fredrik Malmberg. Schweden sei das letzte nordische Land, das an dieser Praxis festhalte.

Im nordischen Rechtssystem zähle die Aussage vor Gericht mehr als die bei der Polizei nach der Festnahme. „Deshalb möchte man verhindern, dass ein Angeklagter vor seiner Verhandlung in Kontakt mit anderen gerät und seine Aussage ändert“, so Malmberg. In Norwegen und Dänemark habe man das Gesetz geändert und das Recht des Kindes vorangestellt. Schweden sei das letzte westeuropäische Land, das Kinder über längere Zeit isoliere.