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Das Drama von Duisburg

Schuldzuweisungen

27.07.2010 | 18:29 Uhr
Schuldzuweisungen
Ein Schild mit der Aufschrift "Sauerland trete zurueck! Du hast als Mensch versagt".

Duisburg/Düsseldorf. Drei Tage nach der Katastrophe von Duisburg werden die gegenseitigen Schuldvorwürfe härter. Gleichzeitig verstärkt sich durch zugespitzte Aussagen von Beteiligten und Opfern des Loveparade-Desasters der Eindruck einer dilettantischen, zumindest fahrlässigen Planung und Durchführung des Mega-Ereignisses.

Die Debatte spitzt sich auch auf die Frage der Zahl und der Qualität der Ordner zu. In Kreisen der Landesregierung heißt es, nahe der Unglücksstelle mit 20 Toten seien sehr viel weniger Ordner des Veranstalters im Einsatz gewesen als vereinbart. Auch an der Ausbildung der Ordner gibt es Kritik. Teilweise seien „Rentner mit Gehfehlern“ eingesetzt gewesen, so „Bild“.

Kritik aus Köln

Alarmierende Töne kommen aus der Kölner Polizeispitze. Sie führt die Untersuchungen des Unglücks und arbeitet den ermittelnden Staatsanwälten zu. Kölner Hundertschaften hatten auch an dem Einsatz am Samstag teilgenommen. Ihr Leitender Polizeidirektor Dieter Klinger räumte jetzt ein, dass selbst „einige Polizisten um ihr Leben fürchten und Angst haben mussten, dass sie in der Masse untergingen“.

Seine Spitzenbeamten äußerten sich in den Tageszeitungen „Express“ und „Stadtanzeiger“. Sie bestätigten einen Bericht unserer Zeitung von Montag. Die Einsatzplanung sei von Amateuren gemacht worden, und es sei „unfassbar, dass man nicht auf unsere Vorschläge reagiert hat“. Ein leitender Polizist: „Es gab 12 bis 13 Ortstermine in Duisburg. Einsatzleiter aus Wuppertal und Aachen waren dabei. Jedes Mal waren wir einig, dass das geplante Konzept im Chaos enden wird, dass es Verletzte und Tote geben wird“.

Bedenken seien ignoriert worden, heißt es in der Kölner Polizei weiter: „Uns wurde immer wieder mitgeteilt, es werde nicht diskutiert. Im Rathaus stehe man auf dem Standpunkt: Die Love Parade muss funktionieren“.

Die Beteiligten vor Ort – Stadt, Polizei und Veranstalter – weisen sich gegenseitig Schuld zu. Unterm Strich scheint völlig unklar, wer in den entscheidenden Stunden für welche Abschnitte verantwortlich war.

Duisburgs Planungsdezernent Jürgen Dressler behauptet, er habe zwar „die Genehmigung für die Massenveranstaltung erteilt“ – dies aber nur für den engeren Bereich der Güterbahnhofsfläche. „Der Bereich des Tunnels und der Treppe gehörten nicht dazu“. Dies sei Sache von Polizei, Feuerwehr und Lovapent gewesen.

Dem widersprach nach einer Kabinettssitzung in Düsseldorf NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Weder der Tunnel noch das Veranstaltungsgelände hätten zum Zuständigkeitsbereich der Polizei gehört. Für beides sei der Veranstalter zuständig gewesen. Der Bereich der Polizei habe an den „Vereinzelungssperren“ geendet.

Noch härter wird die Auseinandersetzung um das Verhalten der Polizei zum Zeitpunkt der Katastrophe geführt. Dressler spricht von einer „Kommunikationspanne zwischen Polizei und Veranstalter“. Als zu viele Menschen auf das Gelände geströmt seien, sei der Tunnel einseitig gesperrt worden, „aber man hat wohl vergessen, die andere Seite auch zu sperren, so dass immer mehr Menschen hineingedrängt sind“. Veranstalter Rainer Schaller von Lovapent schloss sich in der Financial Times den Vorwürfen an die Adresse der Polizei an – wegen der Anweisung, die Schleusen vor dem Tunnelzugang auf dem Gelände zu öffnen. Die Polizeigewerkschaft reagierte: „Eine Frechheit. Er meldet 500 000 Teilnehmer an, erhielt eine Genehmigung für 250 000 Teilnehmer und feierte bereits Mittags über eine Million“.

Kraft für Konsequenzen

In Berlin wird sich der Innenausschuss des Bundestages mit der Katastrophe befassen. Innenpolitische Experten von CDU und Sozialdemokraten schlagen vor, die Organisation von Massenveranstaltungen anders zu regeln.

„Die bitteren Erfahrungen“ von Duisburg müssten zu einer Überprüfung der Sicherheitskonzepte führen, sagte Wolfgang Bosbach, Chef des Innenausschusses. Man habe gute Erfahrung gemacht mit „großen, freien Flächen für Massenveranstaltungen“.

Ähnlich äußerte sich die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin. Das Land will Städte, die kaum Erfahrung mit Großveranstaltungen haben, künftig unterstützen. Details sollen in der Innenministerkonferenz bundeseinheitlich abgestimmt werden.

Dietmar Seher

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