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Schul-Direktorin soll Schüler jahrelang gequält haben

16.12.2011 | 19:21 Uhr
Schul-Direktorin soll Schüler jahrelang gequält haben
Ulrike G. hat die Geschwister-Scholl-Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung in Wenden-Schönau seit Jahren geleitet. Zurzeit ist sie vom Dienst suspendiert. Foto: Irmine Skelnik

Wenden.   Anschreien, Strafe stehen im Regen, Zwangsbeschallung mit WDR4-Schlagermusik und mehr: Was Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule in Wenden über die Erziehungsmaßnahmen ihrer Schulleiterin berichteten, hat zur Suspendierung gereicht – nach Jahren der Quälerei.

An einer Förderschule in Wenden (Kreis Olpe) wurden Schüler jahrelang mit harten Straf- und Ausgrenzungs-Aktionen gequält. Die Bezirksregierung Arnsberg wusste von den Vorwürfen, reagierte aber lange nur zögerlich. Erst jetzt wurde die Schulleiterin suspendiert.

Eltern hatten sich beklagt, dass ihre Kinder in der Schule wie Schwerverbrecher im Gefängnis behandelt werden. Mobbing und Verstöße gegen Schulgesetze sollen an der Tagesordnung gewesen sein. Die Strafen waren drastisch: So musste ein Kind allein nach Hause laufen, obwohl die Entfernung zehn Kilometer betrug. In einem anderen Fall musste ein Kind bei Regenwetter nur mit T-Shirt bekleidet auf dem Schulhof stehen.

Schwierige Kinder „aussortiert“

Unterrichtet werden an der Förderschule Kinder mit Verhaltensproblemen, manche stammen aus sozial schwachen Familien oder aus Kinderheimen. Statt zu fördern, seien schwierige Kinder „aussortiert“ worden, werfen Kritiker der Schulleitung vor.

Regierungspräsident Gerd Bollermann zeigte sich betroffen von den Vorwürfen. Eine Sprecherin des NRW-Schulministeriums sagte, man werde einen Bericht in Arnsberg anfordern. Udo Beckmann, Chef des Verbands Bildung und Erziehung, kommentierte: Wenn die Berichte über die Zustände an der Schule zuträfen, „dann übersteigt das grundsätzlich meine Vorstellungskraft als Pädagoge“.

Vorbildliche Ausstattung der Schule

Die Geschwister-Scholl-Schule in Wenden hat einen schönen Namen. Und auch das Schulgebäude ist top – das jedenfalls bescheinigt eine amtliche Qualitätsana­lyse der Schule: „Der Kreis ­Olpe als Schulträger sorgt in vorbildlicher Weise für Ausstattung und Gestaltung des Schulgebäudes“, lobt der ­Bericht, der ansonsten jedoch reichlich Sprengstoff bein­haltet. Denn hinter der Fas­sade sah es alles andere als vorbildlich aus.

Schüler berichten den Qualitätsprüfern von Drangsalierungen: „Lehrer und Schul­leiterin können mit uns doch machen, was sie wollen!“ Die Schulleiterin sei „nur zum ­Anschreien da. Sie ist die, die am lautesten schreit.“

Eltern haben den Eindruck, ihre Kinder würden in der Einrichtung wie „Schwerverbrecher“ behandelt: „Ich gebe mein Kind in ein Gefängnis und nicht in eine Schule“, beklagen Er­ziehungsberechtigte einhellig. Aus Angst vor Repressalien habe man lange nichts gesagt.

Strammstehen auf dem Löschblatt

An der Wendener Geschwister-Scholl-Schule werden rund 80 Kinder und Jugendliche aus dem Kreis Olpe und dem Kreis Siegen-Wittgenstein betreut. Mädchen und Jungen mit besonderem Förderbedarf im Bereich des Verhaltens. Früher nannte man solche Kinder „schwer erziehbar“, aber dieser Stempel wird ihren Problemen nicht gerecht. Viele dieser Kinder sind durch gesundheitliche, familiäre oder soziale Probleme überfordert; sie brauchen eine besondere, individuelle Betreuung.

Personen, die der Schule ­nahestehen, berichten unserer Zeitung von fragwürdigen Strafmaßnahmen, die nach deren Wissen von der Schulleiterin angeordnet oder abgesegnet worden seien. So hätten sie gesehen, wie ein Kind zur ­Strafe über Stunden leicht bekleidet im Regen stehen musste. Wie sich ein anderes Kind, das Körpergeruch aufwies, über Tage hinweg in den Gängen im Keller aufhalten musste. Wie ein Kind stundenlang barfuß auf einem Löschblatt „strammstehen“ musste.

Und berichtet wird von einer Art Zwangs-Beschallung im Flur der Schulleitung: Dort hätten unruhige Kinder zur Strafe warten und Aufgaben erledigen müssen, während laut WDR4-Schlagermusik lief.

Schule als Familienbetrieb

Selbst im amtlichen Bericht der Qualitätsprüfer werden Strafmaßnahmen vermerkt: So habe ein Schüler als Strafe zehn Kilometer zu Fuß nach Hause gehen müssen, häufig werde die Polizei (zur Bestrafung der Kinder) gerufen.

Im Zentrum der Vorwürfe: Ulrike G., die Schulleiterin, die sich offenbar jenseits der Gesetze stehend fühlte – und das auch den Prüfern der Bezirksregierung sagte: Die Schule verstehe sich als kleines Familienunternehmen, das, „unabhängig von allen Regularien und Vorschriften arbeitet.“ Und: „Es gibt Entscheidungen, die ich alleine treffe, und es gibt Entscheidungen, die wir alle als Team treffen und sonst niemand. Dies ist hier so und das bleibt auch so. Ich diskutiere dies mit niemandem!“

Konrektor kalt gestellt

Einen gegen ihren Willen angestellten Konrektor stellt die Schulleiterin kalt. Den hoch qualifizierten Mann – er arbeitet heute als Professor an einer Hochschule – hält die Schul-Chefin laut Bericht der Qualitätsprüfer aus Leitungsaufgaben und pädagogischen Fragen heraus. Und gibt ihm einen Arbeitsplatz ohne Telefon- und Internetzugang. Als eine Vertreterin des Schulträgers das Arbeitszimmer des Konrektors sieht, sagt die: „Ich bin geschockt!“

Nur wenige wenden sich ­offen gegen die Zustände – wie beispielsweise der dama­lige Konrektor. Er zeigt die Vorgesetzte an. Auch ein Dienstaufsichtsverfahren wird geprüft – aber die Vorwürfe hätten damals für eine Versetzung nicht ausgereicht, sagt heute der zuständige Schulabteilungsleiter der ­Bezirksregierung Arnsberg, Christian Salomon. Stattdessen gibt es eine „engmaschige Begleitung“ der Schulleiterin.

„Gleiche Regeln für alle“

Mit fatalen Konsequenzen. Denn an der Situation ändert sich offenbar nur wenig, was vor allem schwierige Kinder zu spüren bekommen. Eine Mutter klagt, dass die oft durch Traumata und Lernprobleme gehandicapten Schüler nicht individuell gefördert werden. „Da hat mir die Leiterin gesagt: Hier gelten für alle die gleichen Regeln – Ausnahmen würden nicht gemacht!“ Dabei habe sie, die Mutter, doch gerade dies von einer Förderschule erwartet.

Die Zahl der zur Bestrafung von der Schule verwiesenen Kinder war an der Wendener Förderschule ungewöhnlich hoch, bestätigt die Bezirks­regierung. Mehrfach habe die Schulaufsicht die Schüler-Suspendierungen als ungerechtfertigt zurückgenommen, sagt Christian Salomon. Zeitweise wurde jedes fünfte Kind vorübergehend ausgesperrt.

Nur noch Schweigen

Ebenso sollen unverhältnismäßig oft Ärzte gerufen worden sein, um Kinder ruhig zu stellen – so sei zuletzt an zwei Tagen hintereinander der Notarzt gerufen worden sein, um einem Siebenjährigen Beruhigungsmittel zu geben.

„Davon haben wir keine Kenntnis“, sagte der Leiter der Schulaufsicht. Dies habe jedenfalls nicht zur Suspendierung der Schulleiterin geführt. Vielmehr sind es bürokratische Verfehlungen, die ihr zur Last gelegt werden.

Falsche Schülerzahlen

„Die dienstliche Kommunikation mit der Leiterin ist immer schlechter geworden“, ­berichtet Abteilungsleiter ­Salomon. Zuletzt habe sie sich gänzlich geweigert, mit der ­Bezirksregierung zu sprechen. Als die Behörde nicht einmal die Schülerzahlen genannt bekam, schritt die Schulaufsicht selbst zum Zählappell.

Dessen Ergebnis: Es waren mehr Schüler gemeldet, als es tatsächlich gab. Außerdem wurden nach Ansicht der Bezirksregierung auch falsche Unterrichtszeiten weitergegeben – beides mit der Konsequenz, dass an der Schule mehr Lehrer seien, als ihr zustehen.

Die suspendierte Schullei­terin und ihr Anwalt äußerten sich bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen.

Heinz Krischer

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2011-12-16 19:21
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