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Schiiten im Visier der Extremisten

18.02.2013 | 00:18 Uhr

Quetta. Mindestens 84 Tote und rund 200 Verletzte forderte am Sonntag ein Bombenanschlag auf einen Gemüsemarkt in Hazara Town, einem von Schiiten bewohnten Teil von Quetta, der Hauptstadt der pakistanischen Provinz Baluchistan. Mindestens 20 Verletzte wurden in so schlechtem Zustand in Krankenhäuser eingeliefert, dass nicht mit ihrem Überleben gerechnet wird.

Ein Vertreter der anti-schiitischen Extremistengruppe Lashkar-e-Janghvi, die mit den radikalislamischen Talibanmilizen und El Kaida verbandelt ist, übernahm die Verantwortung für den Anschlag, bei dem laut Polizei 800 bis 1000 Kilo Sprengstoff in einem Wassertank explodierten. Große Teile des Marktgebäudes stürzten unter der Wucht des Attentats ein und begruben zahlreichen Passanten unter sich.

Perfide Strategie

Nach der massiven Explosion ließen sich Rettungskräfte viel Zeit, bis sie am Ort des Blutvergießens auftauchten. Der Grund: Bereits am 10. Januar dieses Jahres waren bei einem anderen gegen Schiiten gerichteten Attentat in Quetta über 100 Menschen ums Leben gekommen. Damals war der Blutzoll so hoch, weil die Attentäter Minuten nach der ersten Bombe einen weiteren Sprengsatz gezündet hatten und damit zahlreiche Helfer töteten.

Damals setzte Staatspräsident Asif Ali Zardari nach massiven Protesten der Schiiten die Provinzregierung von Baluchistan ab und führte eine „Gouverneursherrschaft“ ein. Aber auch Gouverneur Nawab Zulfikar Magsi konnte am Sonntag nur hilflos schimpfen: „Agenten der Sicherheitskräfte sind entweder zu eingeschüchtert oder zu ahnungslos, um etwas gegen diesen Terror zu unternehmen.“ Ein pakistanischer General dagegen, der unter dem früheren Diktator General Pervez Musharraf als einer der mächtigen Korps-Kommandeure der Armee diente, wirft den Sicherheitskräften Desinteresse vor: „Es ist ein Frage des politischen Willens, solchen extremistischen Terror einzudämmen. Zu meiner Zeit als Korps-Kommandeur sind wir in meiner Region deutlich aufgetreten und gegen Extremisten vorgegangen und hatten deshalb keinerlei Terrorprobleme in meiner Region.“

Als Folge des Terrors von Lashkar-e-Janghvi veränderte die Stadt Quetta längst ihr Gesicht. Die Schiiten, die früher über die ganze Stadt verteilt lebten, haben sich inzwischen in den Stadtteil Hazara Town zurückgezogen. „Es ist wie in einem Ghetto“, sagt der 27-jährige Sajjad Hussein, der angesichts der Gewaltwelle bereits vor vier Jahren von Quetta nach Islamabad flüchtete. „Pakistan ist eigentlich sehr tolerant gegenüber Schiiten“, sagt der Mitarbeiter eines Online-Dienstes für Sportberichterstattung in der pakistanischen Hauptstadt, „aber die sunnitischen Extremisten betrachten uns ebenso als „Kafir“, als Ungläubige wie Christen oder Hindus.“

Flucht nach Karachi

Viele Schiiten sind während der vergangenen Jahre aus Quetta, wo einmal rund eine halbe Million von ihnen lebte, in die Wirtschaftsmetropole Karachi oder nach Islamabad geflohen. Inzwischen starteten die Extremisten von Lashkar-e-Janghvi auch eine Terrorkampagne gegen Schiiten in der Grenzstadt Peshawar.

„Dort geht es gegenwärtig so zu, wie es vor einigen Jahren in Quetta angefangen hat“, sagt Sajjad Hussein, „als erstes werden Professoren, Ärzte und andere Teile der schiitischen Intelligenz ermordet, anschließend folgen dann Attentate wie gegenwärtig in Quetta.“

Willy Germund



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