Saudi-Arabiens Ansehen liegt in Scherben

Riad..  In vielen Teilen der Welt gingen gestern Menschen für ihn auf die Straße. Vor den saudischen Botschaften in Paris, London, Berlin, Den Haag, Washington und Tunis standen Mahnwachen, auch wenn die zweite öffentliche Auspeitschung von Raif Badawi vor der Al-Jafali Moschee in Jeddah in letzter Minute „aus medizinischen Gründen“ abgesagt und auf nächste Woche verschoben wurde. Die Vereinten Nationen appellierten diese Woche an den saudischen König Abdullah, die erniedrigende Bestrafung des Bloggers zu stoppen, dessen Fall sich zu einem Desaster für das internationale Ansehen des arabischen Königreiches entwickelt.

Denn der Misshandelte hat nichts anderes getan, als auf seinem Online-Forum zu Diskussionen über den Missbrauch von Religion durch hohe Regimekleriker sowie über das bizarre Agieren der islamischen Sittenpolizei in seiner Heimat aufzurufen. „Bloggen ist kein Verbrechen“, stand auf den Plakaten der Demonstranten und „Freiheit für Badawi“. Der neue UN-Menschenrechtskommissar Prinz Zeid Raad Zeid Al-Hussein, der aus der jordanischen Königsfamilie stammt, forderte Saudi-Arabiens Führung auf, „dringend diese Form von extrem harter Bestrafung zu überprüfen“. Eine Auspeitschung sei, um es milde zu formulieren, eine Form von grausamer und inhumaner Bestrafung – und nach internationalem Menschenrecht verboten.

Badawi wurde 2012 verhaftet und zu zehn Jahren Haft, 1000 Peitschenhieben sowie einer Geldstrafe von umgerechnet 200 000 Euro verurteilt. Seine Frau und drei Kinder haben inzwischen Asyl in Kanada erhalten. Auf dem kurzen Handyvideo eines Augenzeugen der ersten Auspeitschung vor einer Woche steht der 31-Jährige gefesselt, mit Hose und weißem Hemd bekleidet sowie unverhülltem Gesicht, inmitten einer großen Menge von Zuschauern, die die Hiebe auf Rücken und Beine mit „Allah ist groß“-Rufen quittierten.

Brutstätte für Terroristen

Badawi hatte 2008 das Online-Forum „Freie Saudische Liberale“ gegründet, mit dem er Debatten über religiöse und politische Themen in Saudi-Arabien anstoßen wollte. In einem Blog nahm er unter anderem die notorische Religionspolizei aufs Korn, weil sie jedes Jahr gegen den „Valentinstag“ als „Fest der Ungläubigen“ wütet, indem sie in Andenkengeschäften Blumen und Schokolade beschlagnahmt. „Glückwunsch, dass ihr uns Moral beibringt und dafür sorgt, dass alle Mitglieder der saudischen Gesellschaft ins Paradies kommen“, spottete Badawi. In einem anderen Eintrag bezeichnete er die Islamische Universität „Imam Muhammad ibn Saud“ in Riyadh als Brutstätte für Terroristen. Immer wieder plädierte er für eine Trennung von Staat und Religion. Staatlicher Säkularismus sei der wichtigste Schutz für die Bürger, schrieb er zur Begründung.

In den ersten Wochen des Arabischen Frühlings pries Badawi den Sturz von Hosni Mubarak und die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz als Modell für die gesamte arabische Welt. Im Mai 2012, kurz vor seiner Verhaftung, postete er einen letzten, sehr persönlichen Eintrag über das Wesen der Freiheit, in welchem er den französischen Existenzialisten Albert Camus zitierte: „Die einzige Möglichkeit, mit einer unfreien Welt umzugehen, ist so absolut frei zu werden, dass die eigene bloße Existenz ein Akt der Rebellion ist.“