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Salafisten werben Nachwuchs

22.01.2015 | 00:12 Uhr

Düsseldorf. Elf Anschlagversuche islamistischer Terroristen haben deutsche Sicherheitsbehörden allein 2014 vereitelt. Nun versetzt die neue Gefahr durch Einzeltäter, Kleinstgruppen und militärisch geschulte Syrien-Rückkehrer den NRW-Verfassungsschutz in erhöhte Alarmbereitschaft. „Es gibt keine konkreten Hinweise auf geplante Anschläge in NRW. Aber es gibt ein Grundrauschen, dass die Szene motiviert ist“, warnte Innenminister Ralf Jäger (SPD) gestern im Landtag.

Nach Kenntnis der Behörden werben derzeit 40 kleine salafistische Netzwerke neue Sympathisanten in NRW an. Meist handelt es sich bei den Kandidaten um junge Männer mit Versagenserlebnissen, die vorher oft gar nicht religiös waren und eine Aufgabe herbeisehnen. Verfassungsschutzchef Burkhard Freier erläuterte, dass zehn Prozent der Islamisten Frauen seien. Bei der Ausreise nach Syrien liegt die Frauenquote sogar bei 17 Prozent, zwölf Prozent der Ausreisenden sind minderjährig.

In diesen Tagen analysiert der Verfassungsschutz, wer von den 300 möglichen Gefährdern in NRW besonders gefährlich ist. Eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung eines Salafisten erfordert 35 bis 40 Beamte. „Das ist technisch und personell nicht machbar“, rechnete Jäger im Parlamentarischen Kontrollgremium des Landtags vor. Die Behörden erwarten eine dauerhaft erhöhte Gefährdungslage – deshalb wird der Verfassungsschutz in NRW 2015 um 29 Beamte aufgestockt.

Offene Unterstützung

Die Zeiten, da sich Salafisten im Internet verstecken, sind offenbar vorbei. Die Extremisten scheuen sich nicht mehr, den Dschihad offen mit dem eigenen Namen im weltweiten Netz zu unterstützen. Kriegsberichte aus Syrien und dem Irak werden über soziale Netze wie WhatsApp verbreitet. „Man erlebt so den Krieg auf dem Sofa“, kritisierte Freier. Viele Rückkehrer würden später als Helden gefeiert und lebten von Spenden aus der Szene.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes findet eine Radikalisierung junger Salafisten außerhalb der Moscheevereine über das Internet statt. „Junge Männer fühlen sich vom Schwarz-Weiß-Denken angesprochen“, weiß Freier. Die zunehmende deutschsprachige Propaganda wirke.

Theo Kruse, CDU-Innenexperte im Landtag, findet es besonders beunruhigend, dass Syrien-Rückkehrer NRW häufig als Ruhe- und Rückzugsraum nutzen und nach einer gewissen Zeit wieder in die syrischen Dschihad-Gebiete aufbrechen. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass NRW zur Drehscheibe islamistischer Gotteskrieger wird“, warnte Kruse. Die Verfassungsschützer plagt aber die Sorge, dass sie meist nicht wissen, welche Rückkehrer aus Syrien mit dem Auftrag im Gepäck heimkehren, hier einen Anschlag zu verüben.

Mehrheit der Ausreisenden hat deutschen Pass

75 Prozent der ausreisenden Islamisten aus Nordrhein-Westfalen sind deutsche Staatsbürger. Minister Jäger begrüßte deshalb die Entscheidung des Bundes, möglichen Gefährdern vor einer Ausreise über die Türkei nach Syrien den Personalausweis zu entziehen.

Zwar streben längst nicht alle Ausreisewilligen den Märtyrertod an. Viele militärisch ausgebildete Salafisten reagieren aber nach Kenntnis der Sicherheitsbehörden später unter den Kriegseindrücken unberechenbar. Deshalb kann aus Sicht von Innenminister Jäger niemand garantieren, dass auch künftig jeder Anschlagsversuch verhindert werden kann.

Wilfried Goebels

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Salafisten werben Nachwuchs
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2015-01-22 00:12
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