Sabine Bode zeigte auf, wie der Krieg bis heute wirkt

Essen, Viehofer Platz: Am 5. März 1943 war  nicht nur die Essener Innenstadt ein Trümmerfeld. Víele Kinder von damals werden heute von Erinnerungen gequält.
Essen, Viehofer Platz: Am 5. März 1943 war nicht nur die Essener Innenstadt ein Trümmerfeld. Víele Kinder von damals werden heute von Erinnerungen gequält.
Foto: Alexandra Roth
Was wir bereits wissen
Seit fast 20 Jahren protokolliert Sabine Bode die Erinnerungen der Betroffenen: Ihre Bücher über „Kriegskinder“ oder „Kriegsenkel“ sind Bestseller.

Essen.. Es waren die Fernsehbilder über das Leid der Kinder im Bosnienkrieg, die Sabine Bode Mitte der 90er Jahre fragen ließen: Welche Folgen hatte eigentlich der Zweite Weltkrieg für die Kinder, die zwischen 1930 bis 1945 in Deutschland zur Welt kamen?

Wie haben die jungen Flakhelfer von damals, die Schulkinder oder die Babys aus jenen Jahren die Panik der Mütter, Freunde und Nachbarn erlebt? Welche Erinnerungen sind ihnen geblieben aus den Bombennächte im Bunker, von Hunger, Gewalt, Flucht oder Tod der Väter oder Brüder? Wie haben sie das Grauen von damals verarbeitet?

Seit fast 20 Jahren erforscht die Journalistin aus Köln – selbst 1947 geboren – die Spuren des Krieges im Leben und in den Seelen dieser Kriegskinder – und ihrer ­Nachkommen. Sie studierte lange Briefe, in denen ihr Männer und Frauen die Scheckenserlebnisse von damals schilderten.

Nach dem Kriegsende kam die Lebensangst

Sie führte über die Jahre ungezählte Gespräche, fragte nach, wie es war für die Kriegskinder, als der Krieg auf einmal zuende war. Erfuhr, dass für manche da die „Lebensangst“ begann, die über viele Jahre blieb. Sie hörte von der Not und Wut der Heimkehrer, die das Familienleben in den Aufbaujahren des Wirtschaftswunders und danach bestimmte. Oder sie protokollierte das Grauen, das Kinder auf der Flucht erlebt hatten und was sie in der neuen Heimat vorfanden.

2004 erschien ihr erstes Buch: „Die vergessene Generation“. Darin kamen Männer und Frauen über 60 zu Wort, die über Jahrzehnte die Traumata der Kindheit im Krieg verharmlost, vergessen oder verdrängt hatten. Unter den Folgen der erlebten Grausamkeiten, des Hungers, der Verlassenheit, sagt die Autorin, leiden viele alte Frauen und Männer bis heute.

Im Alter kehren die verdrängten Erinnerungen zurück

Acht bis zehn Prozent der Kinder, die damals Krieg und Vertreibung erlebten, seien heute psychisch krank, weiß Bode aus der Forschung. „Im Rentenalter werden Traumata nicht mehr durch Beruf und Arbeit überdeckt, zugleich tritt das Langzeitgedächtnis in den Vordergrund.“ Lange verdrängte Erinnerungen kommen in Albträumen, Flashbacks und zunehmender Trauer unausweichlich wieder hoch. Zugleich hätten viele ihr Gespräch eingeleitet mit dem Satz: „Wir haben in dieser Zeit viel Schönes erlebt.“

Das Material geht ihr seitdem nicht mehr aus. Auch die folgenden Bücher über die „Kriegs­enkel“ oder die „Nachkriegskinder“ finden seit Jahren viele Leserinnen und Leser – Tendenz seit 2013 stark steigend. Allein von den ersten beiden Titeln hat ihr Verlag Klett-Cotta mehr als 500.000 gedruckte Bücher verkauft.

Auch Bodes Lesungen sind seit Jahren ständig ausgebucht, 80 bis 180 Leute im Alter zwischen 45 und 85 Jahren sitzen dann im Saal und hören ihr zu, wenn sie schildert, welche Wirkung der Krieg über Generationen hat.