Ruhrbischof Overbeck glaubt nicht an große Kirchen-Reform

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck glaubt nicht an große Reformen in der Katholischen Kirche: „Warum soll ich mich festkämpfen an Punkten, die auf absehbare Zeit nicht zu ändern sind?“
Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck glaubt nicht an große Reformen in der Katholischen Kirche: „Warum soll ich mich festkämpfen an Punkten, die auf absehbare Zeit nicht zu ändern sind?“
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Frauenpriestertum, Pille, Zölibat – die starre Haltung des Vatikan gegen Reformen lässt viele Katholiken verzweifeln. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck rechnet kaum mit Veränderungen. Er fragt im Interview: „Warum soll ich mich festkämpfen an Punkten, die auf absehbare Zeit nicht zu ändern sind?“

Essen.. Er wurde in Marl geboren, studierte in Rom Theologie und Philosophie und wurde 1989 von Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst, zum Priester geweiht. Franz-Josef Overbeck (48) ist seit fast auf den Tag drei Jahren Bischof von Essen. Walter Bau sprach mit dem Ruhrbischof über die wachsende Kluft zwischen Amtskirche und Gläubigen – und wie er diese Entfremdung stoppen will.

Herr Overbeck, braucht die Katholische Kirche 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen neuen Reformschub, so wie 1962?

Franz-Josef Overbeck: Einspruch! Das II. Vaticanum war kein einfaches Reformkonzil, sondern ein Konzil, das die Lebenskraft der Kirche mit Blick auf das Heute stärken und entfalten wollte.

Aber es hat doch einschneidende Veränderungen gebracht, etwa die Reform des Gottesdienstes.

Overbeck: Veränderungen und Neuerungen, ja. Aber keine Reform im Sinne, dass einfach alles ganz anders wurde. Es wurden damals keine Dogmen festgeschrieben, wie etwa bei dem Konzil 1870/71. 1962 hat sich die Kirche der Moderne gestellt. Nicht mehr und nicht weniger. Das Etikett "Reformen" im umgangssprachlichen Sinn erhielt das Konzil erst nachträglich durch die Zeiten der so genannten 68er-Bewegung.

Das müssen Sie erklären.

Overbeck: Das Zweite Vatikanische Konzil dauerte bis Ende 1965. Die allmähliche Umsetzung der Veränderungen fiel dann genau in die Zeit der 68er-Bewegung. Eine neue Bewertung der Sexualität, die Gleichstellung der Frau und einiges mehr – all diese Forderungen der 68er wurden plötzlich auch auf die Kirche bezogen. Das alles hatte aber mit dem, was zuvor auf dem Konzil beraten und beschlossen worden war, nicht viel zu tun.

Die Kirche war damit überfordert?

Overbeck: Die Kirche verändert sich Schritt für Schritt, nicht in großen Sprüngen, von einem Tag auf den anderen.

Vielen Gläubigen sind die Schritte zu klein. Sie fordern, dass sich die Kirche mehr an der Lebenswirklichkeit orientiert. Ein Beispiel: Geschiedene Wiederverheiratete sind von der Heiligen Kommunion ausgeschlossen, was viele Betroffene sehr belastet.

Overbeck: Es gibt Bewegung, etwa beim geltenden Dienst- und Arbeitsrecht...

Wonach katholische Einrichtungen wiederverheirateten Geschiedenen das Arbeitsverhältnis kündigen können.

Overbeck: Ja. Hier wird nun geprüft, ob und wo Veränderungen möglich sind.

Und die Frage der Teilnahme an der Kommunion?

Overbeck: Da ist unsere Haltung eindeutig. Dass dies auch künftig nicht möglich sein wird, hat der neue Präfekt der Glaubenskongregation in Rom kürzlich noch einmal bestätigt. Das hohe Gut der Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht verhandelbar.

Wie sieht es aus beim Thema Frauen? Ist die Katholische Kirche nicht zu männlich?

Overbeck: Ich stimme zu, dass wir der Kirche ein weiblicheres Angesicht geben müssen. Die Berufsgruppe der Gemeindereferenten und Gemeindereferentinnen ist zu 90 Prozent weiblich. In Pfarreien und Verbänden wird das Leben der Kirche zu großen Teilen von Frauen getragen.

In den kirchlichen Leitungsfunktionen aber sieht es anders aus. Im Ruhrbistum etwa sind diese Stellen zu 25 Prozent mit Frauen besetzt. Ich würde es sehr begrüßen, wenn sich der Anteil erhöhen würde.

Wollen Sie das Priesteramt für Frauen öffnen?

Overbeck: Papst Johannes Paul II. hat erklärt, die Kirche habe kein Recht, Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Dem ist hier nichts hinzuzufügen. Aber unabhängig davon können und werden Frauen zunehmend in der Kirche Verantwortung übernehmen.

Overbeck: Gläubige beschäftigen mehr Themen als nur die Sexualmoral

Auch die Sexualmoral der Katholischen Kirche wird oft als verstaubt und gestrig kritisiert. In Sachen Ablehnung von Antibaby-Pille und Kondomen könnte die Kirche sich doch bewegen.

Overbeck: Unsere Haltung ist da eindeutig. Papst Benedikt XVI. hat sich dazu mehrfach klar geäußert, wie wir alle wissen.

Mit Ihrer starren Haltung in für viele Gläubige wichtigen Punkten werden Sie kaum dafür sorgen, dass sich die Menschen wieder in Scharen der Kirche zuwenden.

Overbeck: Warum soll ich mich festkämpfen an Punkten, die auf absehbare Zeit nicht zu ändern sind? Darin sehe ich keinen Sinn, denn mir geht es um einen lebendigen Glauben, wie wir ihn jetzt leben können. Aber ich räume ein: Die katholische Kirche zahlt für ihre Haltung einen hohen Preis.

Viele Menschen wenden sich von uns ab, leben ihren Glauben abseits der Amtskirche oder suchen Orientierung an anderen Orten. Aber glauben Sie nur nicht, die seelischen Nöte vieler Gläubigen, etwa bei den Geschiedenen, würde uns Geistliche nicht belasten. Diese belasten uns sogar enorm.

Trotzdem: Die Kluft zwischen Kirche und Volk wird sich noch vergrößern, wenn die Kirche sich nicht bewegt.

Overbeck: Da bin ich optimistischer. Ich sehe bei vielen Menschen Anzeichen für eine Neupositionierung. Da dreht sich etwas. Viele Katholiken haben tiefer greifende Fragen als die nach dem Zölibat oder dem Frauenpriestertum. Ihnen ist wichtig, ihren Glauben an Gott zu leben und – salopp gesagt – nicht andauernd über Sexualmoral zu diskutieren. Sie suchen Besinnung, Orientierung und lassen sich ihre Entscheidungen, wie sie leben, nicht mehr abnehmen. Ich bin zuversichtlich, dass diese Entwicklung die Gläubigen auf Dauer neu zu Gott und auch wieder in die Kirche führen wird.