Ruhrbischof Overbeck besucht Soldaten am Hindukusch

Der Ruhrbischof in Afghanistan: Franz-Josef Overbeck sucht den Kontakt zur Truppe. Foto: Angelika Wölk
Der Ruhrbischof in Afghanistan: Franz-Josef Overbeck sucht den Kontakt zur Truppe. Foto: Angelika Wölk
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Franz-Josef Overbeck ist als Gast zu den deutschen Soldaten am Hindukusch gereist. Der Militärbischof aus Essen fühlt sich für das ethische Gewissen der Bundeswehrsoldaten verantwortlich. Ihn beeindruckt die Solidarität der Truppe.

Masar-i-Scharif.. Wenn Politiker über Afghanistan reden, dann geht es um die Sicherheitslage und um Abzugspläne für die internationalen Truppen. Wenn Bischof Franz-Josef Overbeck von Afghanistan redet, dann geht es um die Soldatinnen und Soldaten, dann geht es um die Menschen. Overbeck ist seit einem Jahr Militärbischof. Er ist nach Afghanistan gekommen, um sich ein Bild von den Lebensbedingungen der Bundeswehr-Angehörigen am Hindukusch zu machen. Er ist gekommen, um zuzuhören.

Und er ist zu erst einmal beeindruckt von der starken Solidarität untereinander. „Die Soldatinnen und Soldaten sind ganz anders aufeinander angewiesen“, sagt er im Gespräch mit der WAZ, „weil sie hier immer beieinander sind.“ Ein Leben unter Dauerbeobachtung. Die Soldaten sind bei ihrer Arbeit im Bundeswehr-Lager, im Gefecht, beim Essen, während der Nachtruhe in den Container-Stuben, beim Skypen mit den Angehörigen daheim im Internet-Cafe, ununterbrochen in dem jeweils vier Monate langen Einsatz zusammen.

Ein Zeichen der Solidarität

Aber er ist auch gekommen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, um mit eigenen Augen zu sehen, unter welchen Lebensbedingungen die Soldaten hier ihren Dienst machen. Und die sind selbst für harte Männer hart. Im Sommer steigt die Temperatur auf 50, manchmal auf 52 Grad im Schatten, es regnet so gut wie nicht, durch alle Ritzen dringt der feine weiße Staub, er überzieht auch den Körper wie eine zweite Haut. Das Leben am Hindukusch ist ein Leben immer am körperlichen Limit.

Es ist aber auch ein Leben unter extremen psychischen Belastungen. Kaum einer weiß es besser als der katholische Militärseelsorger Andreas Vogelmeier. Er kennt die Sorgen und Nöte, er kann die innere Anspannung der Menschen in Uniform in Afghanistan noch am ehesten erahnen. „Das größte Problem ist das Heimweh“, sagt er. Oder Beziehungsprobleme. Hinzu kämen die Anpassungsprobleme, eine 100-Stunden-Woche. „Die Angst in den Gefechten und dann die ständige Bedrohung durch Sprengstoff-Anschläge.“

Ein wenig Trost in schweren Stunden eines schweren Lebens

„Und stellen Sie sich vor, zu Hause stirbt ein Angehöriger, und Sie können nicht Abschied nehmen.“ Die Bundeswehr ermögliche den Soldaten zwar oft, dann kurzzeitig nach Hause zu fahren. Aber das gelinge längst nicht immer. „Dann machen wir hier eine kleine Andacht.“ Ein wenig Trost in schweren Stunden eines schweren Lebens.

Der Geistliche weiß aber auch um eine ganz andere Dimension von Belastung der meist jungen Soldatinnen und Soldaten. Das ist der Umgang mit Schuld. Soldaten töten. „Es ist etwas, das sie tun müssen. Das muss jedem klar sein, der nach Afghanistan kommt. Wenn er nicht schießt, können unter Umständen viele, sehr viele andere sterben.“ Die Männer und Frauen hier kämen aber aus einer Gesellschaft, die Gewalt als Lösung ablehne. „Keiner hier schießt gern.“ Dennoch zu wissen, dass es Situationen gebe, in denen es unausweichlich sei, belaste viele. „Das verändert die Menschen hier.“

Er als Mann der Kirche könne das alles jedoch mittragen. „Ich stehe dazu, warum die Bundeswehr hier ist. Ich traue dem politischen Mandat, ich vertraue den Kontrollmechanismen.“ Gestützt fühlt er sich auch durch ein Schreiben des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung). Es besagt, dass ein Soldat, der seine Aufgabe auf dem Boden des Grundgesetzes erfüllt, dem Frieden diene.

Gewalt als letztes Mittel

Auch Militärbischof Franz-Josef Overbeck kann Kirche und Gewalt am Hindukusch miteinander in Einklang bringen. Die katholische Kirche rede nicht mehr, wie es noch Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274) tat, von einem „gerechten Krieg“. „Wir reden von einem gerechten Frieden.“ Gewalt könne nur die Ultima Ratio, das allerletzte Mittel sein. „Gewalt darf nur angewendet werden, wenn es das eigene Leben oder das Leben anderer schützt.“ Er verstehe daher seine Aufgabe als Militärbischof auch als Aufgabe, für eine ethische Gewissensbildung der Soldaten sorgen.

Und die spürt Militärpfarrer Vogelmeier bei Soldaten, die am Hindukusch ihren Dienst tun. Für sie, weiß er aus den vielen Gesprächen, „ist das Töten ein grausamer Akt. Sie sind froh, wenn sie es nicht müssen.“