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Rostige Republik

22.03.2010 | 15:32 Uhr
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Essen. Der stählerne Gigant, der die Wupper überspannt, war der Star der Heimat­kunde-Bücher. Ein Jahrhundert alt und 107 Meter hoch. Die Müngstener Brücke ist die höchste Eisenbahnüber­querung in NRW und ein Denkmal. Zu Kaisers Zeiten trug sie Wilhelms Namen.

Jetzt geht es um ihre Existenz. Zwischen Solingen und Remscheid dürfen keine schweren Güterzüge mehr ­rollen. „Grund sind Schäden an den Lagern der Brücke“, sagt die Bahn AG, die gleichzeitig versichert: „Die Stand­sicherheit der Brücke ist unverändert gegeben.“

Wenn der letzte Satz nicht nur ein oberflächlicher Trost war, geht es dem Bahn-Koloss im Vergleich noch Gold. Zwar schätzt der Staatskonzern auch die Sanierungskosten der Müngstener auf eine zweistellige Millionensumme. Aber in den Etat der Stadt Duisburg, die vom Verkehr über ihre Brücken lebt, werden Reparatur und Neubau mehrerer der stählernen und jetzt maroden Lebensadern noch größere Löcher reißen.

50 Millionen Euro würde es kosten, den Karl-Lehr­Brückenzug über Ruhr und Häfen komplett neu zu bauen. Die fünfteilige Überquerung gilt als einsturzgefährdet. Doch weil Geld fehlt, „wurschtelt“ man derzeit an Notlösungen, um billiger davon zu kommen, wie Duisburgs Stadtplaner Jürgen Dressler einräumt. Zwei Kilometer nördlich war das Rathaus schon zur Radikalmaßnahme gezwungen. Weil es lebensgefährlich ist, im Stadtteil Ruhrort die Brücke des Eisenbahnbassins zu befahren, gilt für Autos längst ein totales Verbot.

Sind Remscheid und Duisburg nur die Vorzeichen einer bundesweiten Entwicklung? Verfallen die großen öffent­liche Bauwerke und Einrichtungen?

Deutschlands Infrastruktur ist perfekt. Eigentlich. Wo sonst sind, zum Beispiel, mehr als 90 Prozent der Bevölkerung an Abwasserkanäle angeschlossen, fragt Jens Lübbe vom Institut für Urbanistik (difu). Doch die Substanz der vom Ausland bewunderten dichten Dienstleistung bröckelt. Quer durch die Republik werden Defizite in immer kürzeren Abständen gemeldet.

Manchmal stinkt es

In den Kindergärten des Ruhrgebiets kommt der Putz von der Wand. In Dortmund stinkt es den Schülern der ­Holte-Grundschule so gewaltig, dass sie die Toiletten nicht mehr nutzen. In Wiesbaden ist die Fahrbahn der A 3 im Februar auf 100 Metern eingebrochen. 2009 geriet zum großen Pannenjahr der Bahn mit Achs- und Bremsschäden.

Kein Wunder: Der deutsche Staat verschläft den schleichenden Verfall. In die öffentliche Bautätigkeit steckt er immer weniger Geld. Nach dem jüngsten EU-Vergleich gab er Mitte des Jahrzehnts und pro Kopf gerade 300 bis 400 Euro aus. Großbritannien und Belgien lagen über 500 Euro. In den Niederlanden war der Betrag doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik, in Finnland sogar um das Dreifache. Und investierten die Kommunen im Jahr 2000 noch 5,8 Milliarden Euro, liegt dieser Betrag inzwischen bei abgemagerten 3,9 Milliarden.

Jetzt staut sich bei Bund, Ländern und Gemeinden ein immenser Nachholbedarf. Nach difu-Rechnungen haben es die Gemeinden in den letzten Jahren versäumt, 30 Milliarden Euro für dringende Investitionen in den kommunalen Straßenbau auszugeben. Selbst bei der 100-prozentigen Bundestochter Bahn AG hat der Bundesrechnungshof eine jährliche Investitions­lücke von 1,2 Milliarden Euro aufgedeckt. Vor dem Solinger Planungsausschuss musste ein DB-Ingenieur gerade einräumen, für die angeschlagene Müngstener Brücke sei – bei einem jährlichen Unterhalts-Budget von 400 000 Euro – ein neuer Rostschutzanstrich einfach nicht mehr drin.

Für die Zukunft macht das Institut für Urbanistik eine beeindruckende Rechnung auf: Danach müssen die Kommunen bis 2020 nicht nur 161 Milliarden Euro in ihre Straßen stecken, um das Netz auf akzeptablem Standard zu halten. 58 Milliarden Euro werden in die Kanalisation fließen müssen. Weitere 73 Milliarden sind für Schulen fällig – bei Brandschutz, Schadstoffbeseitigung und Barrierefreiheit hat difu-Mann Stefan Schneider die Mängel entdeckt. Aber so hohe Summen stehen in keiner Finanzplanung.

Risiko Kanalisation

Dabei ist die nächste Mega-Baustelle noch gar nicht abgesteckt. Milliardenwerte liegen in den Tiefen der Ruhrgebietsgroßstädte – mit Millionenrisiken: Die Kanalisation ist für eine wachsende Bevölkerung ausgelegt. Doch die wächst nicht mehr, sondern nimmt ab.

Damit der Abwassertransport auch bei weniger Aufkommen im Jahr 2020 technisch noch funktioniert, müssen die Rohrquerschnitte dringend verkleinert werden. Passiert das wegen Geldmangels nicht, wird die Kundschaft der Einkaufszonen des Reviers bald so die Nase rümpfen wie die Holt-Schüler in Dortmund es heute schon tun. Denn dann wird der Fäulnisgeruch aus den Gullideckeln hochsteigen. Die City beginnt zu stinken.

Dietmar SeherWilli Mohrs

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