„Rollende Lawine der Altersarmut“

An Rhein und Ruhr..  Trotz guter Konjunktur und Rekordbeschäftigung hat die Armut in Deutschland deutlich zugenommen. Statistisch galten im Jahr 2013 bereits 12,5 Millionen Menschen als arm, das sind 15,5 Prozent aller Bundesbürger – so viele wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Der Anstieg um 0,5 Prozentpunkte binnen eines Jahres sei alarmierend, der Trend ungebrochen, beklagte der Paritätische Wohlfahrtsverband in einem gestern vorgelegten Report.

Brisant bleibt demnach die Lage in Nordrhein-Westfalen, wo die Armutsquote von 16,3 auf 17,1 Prozent stieg und weiter deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Das Ruhrgebiet gilt mit einer von 18,6 auf 19,7 Prozent erhöhten Armutsquote als „besondere Problemregion“; sogar den Menschen in ostdeutschen Bundesländern wie Brandenburg, Thüringen oder Sachsen gehe es deutlich besser, so der Bericht. Zwar stehen Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern noch schlechter da als NRW, Sorgen macht den Experten aber vor allem der lang anhaltende Trend im Westen: Seit 2006 ist die Zahl der armen Menschen in NRW um ein Fünftel gestiegen, doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt. Das Problem breitet sich nicht nur im Ruhrgebiet aus, eine deutliche Verschärfung registriert der Verband inzwischen auch in Regionen wie Aachen, Bielefeld, Köln oder sogar in den relativ wohlhabenden Städten Münster und Bonn.

Zudem falle der Großraum Köln/Düsseldorf beunruhigend auf, weil die Armut hier innerhalb von sieben Jahren um ein Drittel zugenommen habe – der Großraum könne neben dem Ruhrgebiet die „neue Problemregion“ werden. Die wenigsten armen Menschen leben demnach in der Region Arnsberg (12,8 Prozent), die meisten in Dortmund (25 Prozent), allerdings ist in Dortmund die Quote gegen den Trend leicht gefallen.

Alle Angaben beziehen sich auf das Jahr 2013, neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Als arm gilt, wer von weniger als 60 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens leben muss – die Statistik zeichnet also vor allem nach, wie sich die Schere zwischen Arm und Reich öffnet. Wächst das Durchschnittseinkommen deutlich, erhöht sich automatisch die Armutsgrenze. Für einen Single liegt sie jetzt bei einem Monatseinkommen von 892 Euro, für ein Ehepaar mit zwei Kindern bei 1873 Euro. Besonders betroffen sind Alleinerziehende und Arbeitslose, zunehmend aber auch Rentner, was die Experten für besonders alarmierend halten.

Allerdings zeigt der Bericht drastische Unterschiede zwischen den Regionen Deutschlands, die Rede ist von einer „zerklüfteten Republik“: Bayern und Baden-Württemberg geht es mit Armutsquoten von 11,3 und 11,4 Prozent vergleichsweise am besten, Bremen ist mit 24,6 Prozent das Schlusslicht vor Berlin und Mecklenburg. „Am Bodensee muss jeder 13. Bürger zu den Armen gerechnet werden – in Bremerhaven jeder dritte“, heißt es in dem Report.

Höhere Hartz-IV-Sätzegefordert

Verbands-Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider sagte: „Nicht nur, dass die Armut so hoch ist wie noch nie – auch die regionale Zerrissenheit war noch nie so tief wie heute.“ Regierungsberichte, nach denen die Armut stagniere und die Einkommensschere sich wieder schließe, seien damit widerlegt. Der Verband forderte als Konsequenz eine deutliche Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um fast 90 Euro monatlich, Beschäftigungsangebote für Langzeitarbeitslose, eine Erhöhung der Sozialhilfeleistungen für Rentner sowie mehr Unterstützung für Familien. Die Politik müsse auch die „rollende Lawine der Altersarmut“ aufhalten, erklärte Schneider. Notwendig sei zudem eine Finanz-Umverteilung zwischen armen und reichen Ländern: „Regionen wie das Ruhrgebiet sind nicht in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Schuldensumpf zu ziehen.“