Risiko Arztbesuch

Dortmund..  Die 55-Jahre alte Herz­patientin muss ein schweres Los erdulden. Nach einer Herzkatheter-Untersuchung ist sie halbseitig gelähmt. Weil Luft im Katheter war, erlitt sie eine Embolie und einen Herzstillstand. Die Frau konnte reanimiert werden, erlitt aber einen Hirninfarkt. Die Folge waren die Lähmungen. Bald kam der Verdacht auf einen Behandlungsfehler auf.

Mit Hilfe des spezialisierten Kompetenzzentrums der AOK-Nordwest, in dem Mediziner und Juristen zusammenarbeiten, erstritt sie Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Das 2001 entwickelte Behandlungsfehlermanagement der AOK ist bundesweit einmalig. Bereits 7300 Versicherte in Westfalen-Lippe nutzten dieses Serviceangebot. 1500 vermutete Behandlungsfehler wurden vom zehnköpfigen Team im Kompetenzcenter Medizin um Dr. Holger Thomsen bestätigt und weiterverfolgt. „Dabei haben wir gerichtlich oder im Vergleich mit Haftpflichtversicherern bisher insgesamt 11,9 Millionen Euro erfolgreich durchgesetzt“, so Thomsen.

Ein steiniger Weg

Bei 80 Prozent der vermuteten Behandlungsfehler, so die Experten der AOK, wird kein beweisbarer Medizinschaden festgestellt bzw. Vorwürfe der Patienten sind unberechtigt. In diesen Fällen unterstützt die Krankenkasse nach deren Angaben betroffene Ärzte bei der Aufklärung der Patienten. In den verbleibenden 20 Prozent koordinieren die Fachleute zum Beispiel externe Gutachten und bewerten diese, fertigen selbst welche an und stellen diese den Versicherten kostenlos zur Verfügung.

Fast noch wichtiger als eine Schadenersatz- und Schmerzensgeldzahlung ist für die Patienten, dass ihr Leid als Behandlungsfehler anerkannt wird. Der Weg dorthin ist aber steinig - wie auch die 55-jährige Herzpatientin erfahren musste. Sie schickte ihre Unterlagen an das Kompetenzzentrum Medizin. Die AOK ließ Gutachten erstellen - mit dem Ergebnis, dass ein Behandlungsfehler vorliegt. Die Haftpflichtversicherung der behandelnden Ärzte spielte aber nicht mit. Die Krankenkasse zog deshalb vor Gericht. Zunächst mit wenig Erfolg.

„Dem gerichtlich bestellten Gutachter war ein Fehler bei der Übersetzung englischsprachiger Literatur unterlaufen“, sagt Holger Thomsen. Der Fehler fiel im Prozess auf - und doch hielt die Landgerichtskammer an dem Gutachten fest und wies die Klage ab. „Die Patientin hätte aufgegeben“, so der Leiter des Kompetenzzentrums weiter. Die AOK zog aber vor das Oberlandesgericht und gewann.

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender der AOK-Nordwest, rät Gerichten, künftig Gutachten medizinischer Sachverständiger kritischer und objektiver zu würdigen.

Der Vorwurf eines Behandlungsfehlers wird besonders in operativen medizinischen Fachrichtungen wie Chirurgie, Orthopädie oder Gynäkologie erhoben. Das hat einen Grund: „Hier sind mögliche Fehler für die Versicherten eher ersichtlich, zum Beispiel bei Lähmungen oder Verbrennungen nach Operationen“, weiß AOK-Experte Thomsen.

Mangelhafte Kommunikation

Viele Medizinschäden könnten nach Ansicht von Thomsen vermieden werden. Häufig entstünden sie, weil auf eine ohne Verschulden eingetretene Komplikation nicht richtig oder nicht rechtzeitig reagiert werde - zum Beispiel bei Entzündungen in Gelenken nach Injektionen, bei Venenentzündungen, Thrombosen oder bei Bauchfellentzündungen nach operativen Eingriffen im Bauchraum.

Was die Macher des Kompetenzzentrums anprangern, ist eine häufig ­mangelhafte Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten bei Vorwürfen eines Behandlungsfehlers. Thomsen: „Anstatt konstruktiv mit ihren Patienten zusammenzuarbeiten und mit zur Klärung des Sachverhalts beizutragen, meiden die betroffenen Mediziner häufig den Dialog mit dem Patienten.“