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Elektromobilität

Revierstädte wollen keine Privilegien für Elektroautos

05.12.2014 | 13:44 Uhr

Essen.   Der Bund will den Kauf von Elektroautos ankurbeln und plant Privilegien wie Gratis-Parken. Die Revierstädte sind nicht begeistert. Brauchen wir nicht, heißt es.

Das erklärte Ziel ist praktisch unerreichbar: Bis 2020 sollen in Deutschland eine Million elektrisch betriebene Autos zugelassen sein, sagt die Bundesregierung. Bisher liegt der Anteil der „Elektrischen“ an den Zulassungen bei mageren 0,05 Prozent. Das sind rund 25.000 Autos. Jetzt aber legt die Berliner Koalition einen Gesetzentwurf vor, der den Kauf von E-Autos ankurbeln soll: „Wir haben uns entschieden, die Nutzung von elektrisch betriebenen Fahrzeugen durch mögliche Privilegierungen im Straßenverkehr interessanter zu gestalten“, schreiben die Verfasser.

Konkret: Die Regierung will es den Städten ermöglichen, zum Beispiel Parkplätze an Ladesäulen für die Nutzung von Elektrofahrzeugen zu reservieren, E-Autos von Durchfahrtsbeschränkungen zu befreien, Busspuren für E-Autos zu öffnen und kostenlose Parkplätze anzubieten.

Aber wollen die Städte das überhaupt? Eine Umfrage dieser Redaktion zeigt: eindeutig nein. Die meisten Städte an Rhein und Ruhr wehren sich gegen Pläne der Bundesregierung, Besitzern von Elektroautos Sonderrechte beim Fahren und Parken einzuräumen. Weder die Freigabe von Busspuren für die Öko-Fahrzeuge noch Gratis-Parken auf öffentlichen Stellplätzen, wie es das neue Elektromobilitätsgesetz vorsieht, sind derzeit in den Kommunen ein Thema.

„Wir haben gar keine Sonder-Fahrspuren“

Das liegt zum einen daran, dass viele Städte wie zum Beispiel Oberhausen „gar keine Sonder-Fahrspuren haben, die freigegeben werden könnten“. Zum anderen fürchten Metropolen wie Düsseldorf und Köln schädliche Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr, wenn eine zunehmende Zahl von E-Autos die Spuren nutzt.

„Mit einer Öffnung würde man diese Fahrzeugen den Bussen, also dem ÖPNV, faktisch gleichstellen. Die Kölner Busspuren dienen aber gerade dazu, die Busse zu beschleunigen und die Zuverlässigkeit bei der Fahrplaneinhaltung zu erhöhen. Diese Ziele wären mit einer Öffnung für weitere Fahrzeuge gefährdet“, erklärte die Stadt Köln auf Nachfrage. Auch Düsseldorf hält die Freigabe von Busspuren für „keine geeignete Maßnahme.“

Zwar sind Autos mit Elektro-Antrieb nach wie vor „Exoten“ auf den NRW-Straßen, ihre Zahl steigt aber mancherorts deutlich. In Köln verdoppelte sich die Zahl der zugelassenen E-Autos in einem Jahr auf annähernd 800. Vergleichbare Steigerungen bei den Zulassungen gab es auch in Dortmund (von 70 auf 140) und in Hagen (von 37 auf 62). In Düsseldorf sind es aktuell 215 Fahrzeuge (im Vorjahr nur 73).

Dortmund fährt bei der E-Mobilität weit nach vorn

Nach wie vor gibt es nur wenige Ladesäulen für E-Autos auf öffentlichen Parkplätzen in den Städten. Große Ausnahme ist Dortmund. Hier gibt es sogar mehr Ladesäulen (170) als E-Autos. Überhaupt ist Dortmund bei der E-Mobilität erheblich experimentierfreundlicher als seine Nachbarstädte und sogar weiter als Düsseldorf und Köln. Die Dortmunder Stadtverwaltung nutzt derzeit zehn eigene E-Autos, außerdem rollen dort elektrische Lastwagen im kommerziellen Einsatz. Fernziel: das geräuscharme Liefern von Waren auch in der Nacht.

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Deutschland verschläft die Elektromobilität, heißt es oft. Es gibt keine finanzielle Hilfe des Staates für Käufer der (teuren) E-Autos, es gibt nur wenige öffentliche Ladesäulen und bisher noch keine Privilegien für E-Auto-Fahrer wie zum Beispiel kostenlose Parkplätze und freie Fahrt auf Busspuren. Doch trotz dieser Hindernisse und der riesigen Dominanz der Verbrennungsmotoren entwickelt sich im Ruhrgebiet und im Rheinland langsam die E-Mobilität. Das holt diese Autos zwar noch lange nicht aus der Nische heraus, aber sie werden sichtbarer im Straßenverkehr.

Die Idee: geräuscharme Zulieferung von Waren auch in der Nacht

Zu den bundesweiten Vorreitern bei der E-Mobilität gehört ausgerechet eine Stadt, die mit den Nachwehen ihrer Industrie-Vergangenheit kämpft: Dortmund. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele öffentliche Ladesäulen für Elektroautos. Während zum Beispiel in Witten derzeit nur eine und in Duisburg sechs Säulen zur Verfügung stehen, sind es in Dortmund 170 – im Schnitt zwei pro Stadtteil. „Wir profitieren von Förder-Projekten der Bundesregierung“, erklärt Michaela Bonan, Expertin für E-Mobilität bei der Stadt Dortmund. Das Projekt „MetropolE“ beschert der Dortmunder Stadtverwaltung zurzeit zehn (bald: 16) elektrische Dienstfahrzeuge. Im Rahmen des Programms „Elmo“ werden zusammen mit Fraunhofer zehn elektrische Nutzfahrzeuge in Dortmund getestet. Fernziel: geräuscharme Zulieferung von Waren auch in der Nacht.

Bochum kündigt an, ab 2015 sechs Elektro-Fahrzeuge im städtischen Betrieb zu erproben. Dabei hilft die Ruhr-Uni Bochum.

In Hagen gibt es derzeit 62 Elektroautos. Im Rahmen des Projektes ecodrive-nrw.de, das lokale Unternehmen vorantreiben, soll die Zahl bis Anfang 2015 auf 111 Autos ausgebaut werden.

In Gelsenkirchen denkt man immerhin über Privilegien für E-Autos nach

Die Stadtverwaltung Oberhausen nutzt das Carsharing-Angebot von „RuhrautoE“ für Dienstfahrten. Die Idee, kostenlose Parkplätze für E-Autos und Hybrid-Fahrzeuge anzubieten, wird in Oberhausen „im Rahmen der Höchstparkdauer mit Parkscheibe geprüft“. In Gelsenkirchen gibt es „Überlegungen auf Arbeitsebene“, E-Autos auf Sonderspuren und Parkplätzen zu privilegieren.

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Im Kreis Wesel gibt es 74 zugelassene Elektroautos (Vorjahr: 49). Die Stadt Dinslaken setzt ein Hybridfahrzeug und ein E-Auto ein. Sie können außerhalb der Stadt-Arbeitszeiten auch von Bürgern genutzt werden. In der Stadt Wesel gibt es zwei öffentliche Ladesäulen. Der lokale Energieversorger „Enni“ fördert unter anderem den Kauf von Elektro-Fahrrädern und -rollern mit 100 bzw. 300 Euro.

In Köln wird eine vergleichsweise breite Lade-Infrastruktur aufgebaut. 84 Säulen sind es derzeit, bis zum Frühjahr 2015 sollen es 100 sein. Dort ist die Zahl der E-Autos (792) landesweit am höchsten. Allerdings muss man sich die Relationen vor Augen halten. 800 „Stromer“ sind immer noch verschwindend wenige bei einer Gesamt-Zahl von 430.000 angemeldeten Fahrzeugen in der Rheinmetropole.

Die Stadt Düsseldorf setzt in ihrem Projekt „E-Carflex-Business“ derzeit zehn E-Fahrzeuge ein. RWE stellt in Essen 22 Ladestationen für aktuell 147 Autos zur Verfügung.

Matthias Korfmann

Kommentare
08.12.2014
16:26
Revierstädte wollen keine Privilegien für Elektroautos
von juergen2504 | #11

Deutschand verschläft gerade die Elektromobilität für Autos. In USA bekommt jeder der ein solches Auto kauft 15000 Dollar von Staat. Hat eigene Spuren...
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1 Antwort
Revierstädte wollen keine Privilegien für Elektroautos
von prorevier | #11-1

Übrigens war Deutschland (Porsche) Vorreiter in Sachen Elektroautos, hat diesen Unfug aber sinnvoller Weise vor 100 Jahren gestoppt, da es unüberwindbare Probleme gab. Die Probleme sind heute auch nicht gelöst, aber heute fangen wir Dinge trotzdem an und staunen dann über das von Anfang an vorhersehbare Scheitern.

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Revierstädte wollen keine Privilegien für Elektroautos
Revierstädte wollen keine Privilegien für Elektroautos
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2014-12-05 13:44
Oberhausen, Elektroautos, Essen, Kreis Wesel, Duisburg, Ruhr-Uni Bochum
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