Rentner verzichten aus Scham und Angst auf Geld
11.09.2012 | 17:26 Uhr 2012-09-11T17:26:00+0200
Dortmund. Viele arme Senioren verzichten auf die Grundsicherung. Entweder meiden sie aus Scham oder Angst den Gang zum Amt oder sie sind über ihre Ansprüche auf Grundsicherung nicht informiert. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Manche Senioren fürchten aber offenbar auch, dass ihre Kinder Unterhalt bezahlen müssen.
Viele arme Senioren nehmen die staatliche Grundsicherung im Alter aus Scham oder Unwissenheit nicht in Anspruch. „Verdeckte Armut ist unter Menschen mit geringer Rente erschreckend weit verbreitet “, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Irene Becker, die für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zur Grundsicherung erstellt hat, zur WR.
Demnach beziehen deutlich weniger als die Hälfte der Anspruchsberechtigten über 65 Jahre auch tatsächlich Leistungen der Grundsicherung. Viele Senioren leben laut Becker nach dem Motto: „Lieber eisern sparen als zum Sozialamt gehen.“
Ende 2011 erhielten in Nordrhein-Westfalen von gut 1,06 Million Menschen über 65 Jahre immerhin 117.502 Leistungen der Grundsicherung im Alter. Frauen sind mit 77.636 überproportional vertreten, errechnete das Statistische Landesamt. Der durchschnittliche Nettobedarf pro Person lag bei 447 Euro pro Monat.
Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte in NRW arbeitet im Niedriglohnsektor. Die Zahl der Menschen, die im Monat weniger als 833 Euro zur Verfügung haben, schnellt in die Höhe. Die Ergebnisse des Sozialberichts alarmieren Arbeitsminister Schneider: "Die soziale Schere geht immer weiter auseinander".
Bereits seit den 1990er Jahren sei aufgrund verschiedener Erhebungen klar, dass auf jeden Sozialhilfeempfänger ein Sozialhilfeberechtigter kommt, der seine Ansprüche auf staatliche Unterstützung nicht einlöst, sagt Becker. Unter Älteren sei die verdeckte Armut besonders verbreitet. Entweder mieden sie aus Scham oder Angst den Gang zum Amt oder sie seien über ihre Ansprüche auf Grundsicherung nicht informiert.
Die Rente reicht oft nicht aus
Bedürftigkeit im Alter sei meist keine Folge gänzlich fehlender Rentenansprüche, sagt Irene Becker. Die Rente reiche aber oft nicht aus. Sie appelliert an die Gesetzgeber, das 2003 in Kraft getretene Gesetz zur Grundsicherung im Alter zu überarbeiten. Zudem regt sie eine bessere Betreuung durch die Rentenversicherung an.
Die winkt ab: „Die Deutsche Rentenversicherung erfüllt ihre Pflicht“, sagt Sprecher Dirk von der Heide. „Jeder, dem Grundsicherungsleistungen zustehen, wird von uns schriftlich darauf hingewiesen.“
Dass bedürftige alte Menschen aus Scham lieber jeden Cent dreimal umdrehen, statt um Hilfe vom Staat zu bitten, ist für einen fortschrittlichen Staat wie Deutschland äußerst beschämend. Es sind eben diese Menschen, die sich einen würdevollen und sorglosen Lebensabend redlich verdient haben. Es handelt sich hierbei eben nicht um Allmosen, sondern um Geld, welches den Betroffenen aufgrund des im Leben geleisteten zusteht.
Es liegt in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft, die Bedürftigen vor Stigmatisierungen und von nicht angebrachten Schuldgefühlen zu befreien. Nur so kann es gelingen, mehr Menschen für ihren Rechtsanspruch auf Grundsicherung zu gewinnen und sie so aus der Altersarmut zu befreien.
Besonders die Politik ist gefordert – bislang erreicht sie viele Menschen offensichtlich nicht. Sie muss Sorge dafür tragen, dass den Betroffenen nicht nur ein Bescheid zugestellt, sondern persönlich geholfen wird.
Doch auch die Diakonie fordert eine bessere Informationspolitik: „Viele Senioren sind über ihr Recht auf Grundsicherung nur schlecht informiert. Aus Scham wagen viele nicht, zum Amt zu gehen. Auch treibt viele aufgrund falscher Informationen die Sorge um, dann könnten ihre Kinder für sie unterhaltspflichtig werden und müssten die Grundsicherung zurück erstatten“, so Sprecherin Ute Burbach-Tasso zur WR.

19:28
@von 1932 | #38.....".Und wo werden die Leute ausdrücklich drauf hingewiesen"
Haben Sie den Beitrag oben nicht gelesen, oder nicht verstanden?
Jeder der Rente unterhalb der Grundsicherungsleistung erhält wird "ausdrücklich" auf den Anspruch auf Grundsicherung hingewiesen.
Dies per Brief!
Wer verfügt hier also über "gefährliches Halbwissen"?
Wer im Glashaus sitzt sollte solche dummen Äußerungen schlicht unterlassen.
Sorry die Aussage "... Jeder der Rente unterhalb der Grundsicherungsleistung erhält wird "ausdrücklich" auf den Anspruch auf Grundsicherung hingewiesen..." stimmt so nicht. Da die Rentenversicherung nicht wissen kann, ob man Anspruch auf Grundsicherung hat. Sie versendet nach meinen persönlichen Erfahrung und Wissen, mit dem Rentenbescheid "immer" einen Antrag auf Grundsicherung. Selbst an EU-Rentner, die eine unbefristete Erwerbsunfähigkeitsrente erhalten.
Was mich allgemein einfach nervt, das viele einfach keine Lust haben, sich zu informieren und dann jammern. Selbst wenn man sie darauf aufmerksam macht. Dann wird oft nur einfach abgewunken.
17:34
von dschidschi5 | #41
mir fallen auch ein paar Gedanken dazu ein:
Erstens: mein Mann und ich haben unseren Sohn in die Welt gesetzt und uns somit verpflichtet ihn großzuziehen, für ihn zu sorgen, ihm also ein schönes Zuhause zu schenken. Dafür können wir als Eltern keine Dankbarkeit verlangen, da es eine Selbstverständlichkeit ist. und schon erst recht nicht, daß unser Kind für uns sorgen müsste, wenn wir mal arm und alt wären.
Zweitens: man kann nicht davon ausgehen, daß alle alten Menschen Eltern sind, und kinderlose Senioren wird es in Zukunft immer häufiger geben.
Drittens: nicht alle Nachkömmlinge haben heutzutage ein ausreichendes Einkommen, um ihre Eltern finanziell zu unterstützen. Auch diese Situation wird sich in der Zukunft noch verschlimmern.
16:49
Zwei Gedanken kommen mir dazu:
Erstens: Scham ist in diesem Fall mit Dummheit gleichzusetzen, wenn man dann wirklich hungern müsste.
Zweitens: Warum sollten die Kinder nicht herangezogen werden? Als die Eltern noch konnten, haben sie für die Familie gesorgt, jetzt könnten die Kinder eben für die Eltern sorgen - wenn sie denn wollten......
16:17
Jeder, der Anspruch auf Grundsicherung hat, sollte selbstbewusst zum Amt gehen und seine Anträge stellen. Man sollte sich immer vor Augen halten, daß der Beamte oder Angestellte der dort sitzt, und vielleicht versucht, einem den Stolz und die Würde durch sein unverschämtes Verhalten zu nehmen, daß genau dieser von der Allgemeinheit, also mit Steuergeldern am Monatsende gut entlohnt wird. Von der Pension, die immer schon höher ausgefallen ist, als die Rente, ganz zu schweigen. Zum Glück gibt es aber auch viele freundliche Mitarbeiter auf diesen Ämtern. Schämen würde ich mich, alte versiffte Pfandflaschen zu sammeln, oder mich bei der Tafel anzustellen, wo aus teils unansehnlichen Lebensmitteln noch was Essbares aussortiert wurde. Das ist für mich entwürdigend und Stolzverletzend. Aber nicht, wenn man das beansprucht, was einem gesetzlich zusteht. Das ist falsche Scham.
12:20
Wie weit weg Medien und Politik von der Wirklichkeit entfernt sind, sieht man an der Aussage in dem Artikel, "dieser Zeitung" :
Viele Senioren leben laut Becker nach dem Motto: „Lieber eisern sparen als zum Sozialamt gehen.“
Es muß aber heissen: "Lieber verhungern als zum Sozialamt gehen."
Denn eisern sparen muß ein Rentner immer, wenn er zu SA geht, ja er muß sich völlig entkleiden und um jeden Cent in ehrentwürdigender Weise betteln.
Angesichts solcher Behandlung, auch des Gesetzgebers, kann man verstehen das Rentner die ihr Lebenlang, für sich selber gesorgt haben, zu Hungerlöhne gearbeitet und dardurch Andere reich gemacht haben, sich schämen.
Hier muß eine Grundrente vom heute minimal 1300 € durchgesetzt werden und eine Deckelung nach oben, von heute 2200 €. erfolgen, wer mehr Rente benötigt kann dann ja privat vorsorgen.
Jedenfalls schafft, wie von der SPD gefordert, 850 € Grundrente,
wenig Abhilfe, eine Nebelkerze und nicht mehr.
12:07
von Starhemberg | #37
Ich habe 51 Jahre gearbeitet und in meiner Zeit gab es noch keine Absicherung,da hatte man genug mit sich selbst zu tun,später gab es irgendwelche dubiosen Lebensversicherungen und als ich mit 66 in die Rente ging,musste ich feststellen;
die Rente wird vorne und hinten nicht reichen,meine Frau bekommt 410€ hat 2 Kinder großgezogen und wir müssen in der Mitte des Monats gucken,wo man sparen kann.Und wo werden die Leute ausdrücklich drauf hingewiesen
Das schlimme an einem bestimmten Menschenschlag ist,wenn sie ihr gefährliches Halbwissen preisgegeben wollen,manchmal wäre es sinnvoller die Klappe zu halten.
von ambros41 | #28
Mir kommen echt die Tränen,ein Bekannter Pensionär bekommt fast das doppelte was ich an Rente bekomme als Pension und gehen sie mal in den Betrieben,denn in den wenigsten gibt es eine Betriebsrente.Ich gönne jedem alles,aber Zahlen
so zu verdrehen,dass man Tränen in den Augen bekommt für die ach so armen Bamten,nur aus Wut.
11:01
34 Kommentare...........
Wofür? Die Leute werden schriftlich "ausdrücklich" darauf aufmerksam gemacht, das diese die Grundsicherung in Anspruch nehmen können.
Wer sich darum nicht kümmert, dem ist eh nicht mehr zu helfen.
Eine "Skandalisierung" wirkt hier eher lächerlich.
Da wirkt ihr Beitrag eher lächerlich !
10:57
Die Rentner, die an der Armutsgrenze leben sollten sich einmal ein Beispiel an der Ex-Präsidentenfamilie nehmen.
Und was haben sie davon. Nichts!!!
10:53
... als würden sich die Angestellten seit der Krise besonders in den eigenen Hintern beißen, warum sie die freie Wirtschaft gewählt haben, anstatt Beamter zu werden.
Ok, damals war das uncool, schon klar. Der Job in der Wirtschaft brachte deutlich mehr Geld, man musste sich nicht nach der Ausbildung für einige Jahre an die ausbildende Stadt oder Kommune binden, und die Aufstiegschancen sahen in der freien Wirtschaft auch besser aus.
Dann kommt die Krise, die Renten für Versicherte aus der freien Wirtschaft werden immer mehr zusammengestutzt. Der tolle Job in der hippen Firma ist auch nicht mehr fürs Leben wie noch bei Pappi. Opel macht Werke mit den früher beneideten 35h-Jobs zu, und die "5.000 x 5.000" Jobs bei VW sind ebenfalls längst Geschichte.
Plötzlich ärgert man sich, nicht doch den piefigen Beamtenjob angenommen zu haben, gelle?
Aber man hat ja immer noch die Möglichkeit, jetzt gefrustet auf die Beamten und ihre Sozialleistungen einzudreschen ...
Soll auch Leute geben, die vor der Krise ein gespaltenes Verhältnis zum Beamtensystem hatten.
Ich glaube nicht, es liegt nur an den letzten Jahren......................
09:44
Was diese Rentner an Schamgefühl zu viel haben, das haben gewisse Politiker zu wenig oder gar nicht.