Rekord-Kletterer am El Capitan in Kalifornien sind am Ziel

Klettern im 90-Grad-Winkel: Sportler bezwingen eine Steilwand in Kalifornien.
Klettern im 90-Grad-Winkel: Sportler bezwingen eine Steilwand in Kalifornien.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Nur mit ihren Händen und Füßen kletterten zwei Amerikaner im berühmten Yosemite-Tal eine steile Felswand hoch - und stellten einen Rekord auf.

Washington.. Nach 19 Tagen nonstop in der Vertikalen wollten Tommy Caldwell (36) und Kevin Jorgeson (30) nur noch eins: in die Waagerechte. Die amerikanischen Extrem-Sportler haben am späten Mittwochnachmittag (Ortszeit) in Kalifornien erfolgreich und gesund beendet, was noch nie zuvor einem Menschen gelungen war: die Besteigung der knapp 1000 Meter hohen, über weite Strecken aalglatten Steilwand „Dawn Wall“ am „El Capitan“ im Yosemite Nationalpark. Und das allein mit Hilfe von Fingerspitzen, Füßen, Körperspannung und einem unbeugsamen Willen.

Als die beiden Freeclimber, die Seile und Gurte allein zur Absicherung vor einem Sturz in den ansonsten sicheren Tod benutzten, den letzten von 31 Kletterabschnitten geschafft hatten, fielen sie sich überglücklich und erschöpft in die Arme. „Auf diesen Augenblick haben wir sechs Jahre lang jeden Tag hingearbeitet“, sagte der aus Colorado stammende Caldwell und verdrückte wie sein Kletter-Partner aus Santa Rosa/Kalifornien Tränen der Freude und Erleichterung.

Anspruchsvoller geht's weltweit nicht

Die Dawn Wall, 1970 zum ersten Mal konventionell mit Haken und Karabinern bezwungen, galt wegen ihrer ebenmäßigen Oberfläche, die kaum Griffpunkte bietet, für Freikletterer bisher als uneinnehmbar. Einige Teilstrecken werden mit dem Schwierigkeitsgrad 5.14d kategorisiert. Heißt: anspruchsvoller geht‘s weltweit nicht. Was Caldwell/Jorgeson geschafft haben, ist eine Jahrhundertleistung, die selbst das Weiße Haus nicht unberührt ließ. „Diese beiden Männer erinnern uns daran, dass alles möglich ist“, ließ Präsident Obama am Abend über Twitter verkünden.

USA Kevin Jorgeson, der „Youngster“ im Kletter-Duo, rechnete Routinier Caldwell haushoch an, dass der im Berg stundenlang auf ihn gewartet hatte. Was Hundertausende Alpinisten über soziale Netzwerke und Internet-Portale seit drei Wochen hautnah mitverfolgen konnten. Am berüchtigten 15. „pitch“, einem Sektor, der nach Betrachtung der durch National Geographic-Fotografen dort entstandenen Bilder wahlweise Sprachlosigkeit oder Übelkeit auslöst, hatte Jorgeson über sieben Tage zehnmal hintereinander gepatzt; was nach den Regeln das komplette Neudurchsteigen des Abschnitts erforderte. Und unmenschlich viel Kraft kostete. Aber: „Ich gebe nicht auf. Ich werde es noch einmal versuchen. Ich werde es schaffen“, postete Jorgeson noch vor zwei Tagen aus seinem in der Felswand befestigten Spezialzelt über Facebook an Fans in der ganzen Welt.

"Jeder Mensch hat seine eigene 'Dawn Wall' im Leben"

Um in den winzigen, rasiermesserscharfen Ritzen des Granit-Monolithen „El Capitan“ Haltepunkte zu finden, musste er Hautfetzen und Pflaster an seinen Fingerspitzen mit einem extra starken Sekundenkleber zusammenhalten. Mit einer letzten Kraftanstrengung gelang ihm im Laufe des Dienstags der entscheidende Griff. Danach schloss er zu Caldwell auf, der in seinem High-Tech-Steilwandzelt ausgeharrt und bei Dosenfrüchten und Käse-Bagels Kraft getankt hatte. Mit wenigen Sekunden Abstand, gelangten die beiden Männer tags darauf in klarer Luft und schönster Frühabendsonne gemeinsam auf den Gipfel.

Ihren Triumph genossen die Rekord-Kraxler mit Ehefrauen, Freundinnen, weiteren Familienmitgliedern und befreundeten Kletterern bei Champagner und heißem Tee. Die 200-köpfige Gratulantenschar war in Erwartung des Rekordes am Mittwoch Stunden vorher über kommode Wander-und Kletter-Routen auf den "El Capitan" gekommen. Dutzende andere Zuschauer mit Teleskopen und TV-Crews mit Kameras verfolgten das Geschehen vom sicheren Boden im Tal aus. Sie konnten nicht hören, was Kevin Jorgeson in lichter Höhe zu sagen hatte: „Ich denke, jeder Mensch hat seine eigene 'Dawn Wall' im Leben, die er eines Tages bewzingen möchte. Ich hoffe, dass wir ihnen als Inspiration dienen können.“