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Interview

Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs

04.01.2010 | 17:10 Uhr
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs

Düsseldorf. Die Städte an Rhein und Ruhr haben ihr Sparpotenzial nicht ausgeschöpft, meint Jürgen Büssow. Der Düsseldorfer Regierungspräsident schlägt Theaterschließungen vor - und könnte sich auch vorstellen, ganze Städte zusammen zu legen. "Für die Städte wird es ein harter Weg", gibt er zu.

In Ihrem Regierungsbezirk haben nur Düsseldorf, Krefeld und derzeit noch Mülheim einen ausgeglichenen Haushalt. Sieben der zehn Großstädte, nämlich Oberhausen, Duisburg, Essen, Mönchengladbach, Wuppertal, Solingen und Remscheid sind pleite oder auf dem Weg dorthin. Was hat man dort falsch gemacht?

Jürgen Büssow: Natürlich muss man jede Stadt differenziert betrachten. Wir sind auch nicht die kalte Behörde, als die man uns darstellt. Die Probleme der Städte gehen uns nicht an den Ohren vorbei. Wir berichten ständig an die Ministerien, sagen, wo gespart wird. Es bleibt aber die Erkenntnis, dass manche in schlechten Verhältnissen über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Nennen Sie bitte Beispiele.

Jürgen Büssow notiert sich etwas auf dem Parteitag der SPD Düsseldorf am 7. November 2009 im Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasium, Benrath.

Büssow: Nehmen wir mal die Theater. In Oberhausen wurde 2007 jede Theaterkarte mit 146 Euro bezuschusst, in Essen mit 93 Euro, was besonders günstig ist. Die Bürger, die nur 15 oder 20 Euro zahlen wissen das nicht, haben deshalb keinerlei Kostenbewusstsein. Man sollte sie mit Tafeln im Foyer darauf hinweisen. Warum gibt es keine nach Einkommen gestaffelten Eintrittspreise? Und warum können die Oberhausener nicht ins Grillo-Theater nach Essen fahren? Oder ins Theater an der Ruhr nach Mülheim? Schon durch Kooperationen ließe sich viel sparen.

Oberhausen erhält von Fachwelt und Besuchern beste Bewertungen.

Büssow: Das ist keine Kritik am neuen Intendanten Peter Carp. Er leistet hervorragende Arbeit. Wenn die Kosten aber mit Kindertagesstätten und Schulen konkurrieren, ist die Politik gefragt. Hier muss ich den Mut der Wuppertaler betonen, ihr Schauspielhaus zu schließen. Die von Krefeld und Mönchengladbach getragenen Niederrheinischen Sinfoniker, die den gesamten Niederrhein bespielen, sind das günstigste Ensemble dieser Art.

Mit der Schließung eines Theaters saniert eine Stadt nicht ihren Etat.

Büssow: Richtig. Es gibt aber noch viele andere Felder. Wir sehen in den inneren Verwaltungen Personalüberhang. Jede Stadt sollte feststellen, wo sie überdimensioniert ist, zum Beispiel im Bäderbereich. Schwimmen ist auch mit weniger Einrichtungen möglich. Pflichtaufgaben wie die Allgemeinen Sozialen Dienste, zum Beispiel die Pflege, ließen sich auch in ambulanten Strukturen organisieren. Eine Ruhrgebietskommune macht das bereits vor.

Da drängt sich die Frage nach der Bürgernähe auf.

Büssow: Es stellt sich aber auch die Frage, ob wir uns bei den relativ seltenen Behördenkontakten, die jeder Bürger hat, Bezirksverwaltungen noch erlauben können. Bürgerbüros als Anlaufstellen reichen, vieles kann zentral erledigt werden. Auch die interkommunale Zusammenarbeit ist längst nicht optimiert. Sie ist ohne Leistungseinbußen für die Bürger möglich. Die Städte müssen hier mehr Mut aufbringen.

Das müssen Sie erklären.

Büssow: Zum Beispiel bei den Standesämtern, bei denen die meiste Arbeit hinter den Kulissen geleistet wird. Ein Standesamt für mehrere Städte würde reichen, wobei die Trauungen natürlich vor Ort stattfinden würden. Auch gemeinsame Rechtsämter, Lebensmittel- und Veterinärämter, Volkshochschulen oder Marketinggesellschaften wären möglich. Kein Problem im Internet-Zeitalter.

Da können Sie gleich ganze Städte zusammenlegen.

Büssow: Warum nicht, obwohl wir wissen, dass der Widerstand der heutigen Amts- und Mandatsinhaber riesengroß wäre. Wir wollen auch keinem Bürger seine Identität nehmen. Wenn aber zum Beispiel Wuppertal, Solingen und Remscheid fusionieren würden, wäre dies die drittgrößte Stadt in NRW mit einer kostengünstigen Verwaltung. Fest steht: Man muss sich stärker verflechten. Kosten sparen ließe sich auch durch ein Personaleinsatzmanagement, eine Art Task Force, die dort eingreift, wo Not am Mann ist.

Sollten Städte auch gemeinsam investieren?

Die 2. Mannschaft von Rot Weiss Essen, RWE, spielt am 6.9.2009 gegen Germania Windeck im Georg Melches Stadion und gewinnt 2:1.

Büssow: Wie ich höre, wird über ein gemeinsames Stadion an der Stadtgrenze Oberhausen/Essen nachgedacht, in dem RWO und RWE spielen könnten. Es läge auf Oberhausener Gebiet. Ob das realistisch ist, wird sich zeigen.

Sie erwecken den Eindruck, das Problem läge allein auf der Ausgabenseite. Tatsächlich brechen den Kommunen doch die Steuereinnahmen weg. Gleichzeitig steigen die Sozialkosten – auch dadurch, dass Bund und Land ihnen ständig neue Aufgabe zuweisen, ohne für die Finanzierung zu sorgen.

Büssow: Bund und Land haben ähnliche Probleme wie die Kommunen, nur größere gesetzliche Spielräume. Natürlich sehen wir, dass das Konnexitätsprinzip verletzt wurde und mancherorts die Einnahmen nicht einmal für die Erfüllung der Pflichtaufgaben reichen. Es darf auch nicht sein, dass arme West-Städte weiterhin den Solidarbeitrag für den Osten zahlen müssen. Trotzdem führt kein Weg an einem harten Sparkurs vorbei.

Es ist doch ein Witz, dass armen Kommunen verweigert wird, den Eigenanteil für Projekte – zum Beispiel zum Energiesparen – durch Kredite zu finanzieren und sie dadurch auf hohen Heizkosten sitzen bleiben.

Büssow: Wenn uns die Nothaushalts-Kommunen vorrechnen, dass es dadurch billiger wird, werden wir die Kreditaufnahme genehmigen.

Das größte Problem sind doch die Altschulden. Die Kommunen werden dadurch förmlich stranguliert. So entfallen von knapp 140 Mio Euro Defizit im Oberhausener Haushalt fast 90 Millionen auf den Kapitaldienst.

Büssow: Inzwischen gibt es ein Bewusstsein dafür. Die Landesregierung und besonders Finanzminister Helmut Linssen denken darüber nach. Aber ich versichere Ihnen: Für die Städte wird es ein harter Weg.

Rolf Kiesendahl

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Kommentare
06.01.2011
18:14
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von nixxnuzz | #77

Früher machte das Volk eine Revolution,
wenn es mit seiner Regierung nicht zufrieden waren, und verjagte die.

Heute wechselt die Regierung das Volk, wenn sie mit den Menschen nicht mehr klaar kommt.

21.02.2010
10:34
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Der_Horsthausener | #76

Im Ruhrgebiet sollten wir langsam mal die SPD und die Ausgaben für das Filzgeflecht einsparen.

Pöstchenschieberei, unglaublich hohe Ausgaben von denen der Bürger selbst kaum etwas hat und viele nicht einmal anfassen/berühren kann weil verpufft für Selbstbeweihräucherung.

Kommunaler Betriebswahnsinn mit Betriebsausschüssen und Beiräten ohne Ende.

Bei der SPD gibt man sich ja sozial, da bekommt jedes Mitglied etwas vom Kuchen ab.

und ist der Kuchen mal zu klein, müssen die Abgaben erhöht werden.

Sparen? Klar, am besten nach dem Vorbild in Herne - mit über 5.000 Mitarbeitern in Stadtverwaltung und Gesellschaften?

20.01.2010
11:37
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Dr.Dr. | #75

Mir scheint, unser Regierungspräsident läuft Amok!

15.01.2010
15:02
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Stefan112 | #74

Tja, Herr Büssow, acht Jahre Baumschule und dann nur die Lehre als Hackstock reichen nicht, um betriebswirtschaftlich denken zu können...

09.01.2010
12:30
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Maisenkaiser | #73

So lange Städte wie Dortmund sich noch 80000 EUR für einen Fahrradständer an einer Schule leisten kann es denen noch gar nicht schlecht genug gehen.

05.01.2010
19:45
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von naja | #72

Damit unsere Stadtspitze, nicht noch mehr Steuergeld in den maroden Verein pumpt, ist es am Besten den Laden dicht zumachen.
Die Stadt sollte lieber mehr KITA-Plätze schaffen.

05.01.2010
17:48
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Karl Marks | #71

Vielen Dank Herr Büssow, schaffen sie doch schonmal die Bezirksregierung in Düsseldorf ab und fusionieren mit Köln, damit spart der Staat ganz gewaltig.

05.01.2010
11:51
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von der.wanner | #70

Einen Vorschlag man schaft die Regierungsbezirke einfach ab sind schon mal einige Millionen Einsparung.

05.01.2010
09:42
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von brandubh | #69

Heiner Flassbeck schreibt im Rheinischen Merkur im Januar 2009:
Stellen Sie sich vor, Sie haben in Ihrem monatlichen Budget einen Überschuss der Einnahmen über die Ausgaben. Sie sparen, und das wollen sie vermutlich auch, weil Sie Sorge um die Zukunft haben. Sie wollen Ihr „überschüssiges Einkommen“ erst zukünftig für Konsum verwenden.
Also vertrauen Sie es jemandem an (einer Bank, die es weiter verleiht, oder direkt
einem Kreditsuchenden), von dem Sie glauben, dass er Ihnen pünktlich Zinsen zahlt und am
Ende der Laufzeit des Kredits die ganze geborgte Summe zurückgibt. Für Sie sieht es so aus,
als könnten Sie auf diese Weise für Ihre Zukunft vorsorgen. Das aber ist der zentrale Irrtum.
Die Güter nämlich, die Sie spiegelbildlich zu Ihrem erarbeiteten Geldeinkommen produziert
aber - spiegelbildlich zu Ihrer Geldersparnis - nicht verbraucht haben, sind nämlich von Ihrem
Schuldner verwendet worden, und zwar zu Konsum- oder Investitionszwecken. Die Idee, man
könne mit Sparen einen Teil des Einkommens in Geldform einfrieren, um damit in Zukunft
quasi eingefrorene Güter zu kaufen, ist vollkommen falsch. Ersparnisse sind lediglich verbriefte Anrechte auf zukünftige, noch gar nicht existierende
Güter. Diese Güter müssen erst von den Schuldnern in Zukunft erarbeitet werden. Von den
heute produzierten Gütern steht nichts mehr irgendwo gespart, unbenutzt herum. Dieser
logische Zusammenhang lässt sich auf die Kurzformel bringen: Die Summe des Geldvermögens
in der Welt ist immer Null. Denn jeder Ersparnis in Geldform steht eine Schuld in Geldform
gegenüber.

Bis man diese Zusammenhänge, wie sie Herrr Flassbeck beschreibt, wirklich verstanden hat, können unter Umständen Jahre ins Land ziehen oder man verteht es eben nie im Leben.

Dass man nur sparen kann, wenn sich andere verschulden, ist nur schwer verdaulich.

Wenn also die Städte sparen sollen, müssen andere also ihre Ausgaben erhöhen.
Das ist nur betriebswirtschafltich denkenden Menschen schwer vermittelbar. Bis es bei denen Klick macht, ist schnell ein ganzes Menschenleben vorbei.

05.01.2010
07:18
Regierungspräsident Büssow fordert harten Sparkurs
von Lennefuchs | #68

Da schickt die Landesregierung ihre Wadenbeisser Büssow und Diegel vor, um vom Sachverhalt der ungenügenden Finanzausstattung der Kommunen abzulenken. Abschaffung der Mittelbehörden wäre eine echte Sparmaßnahme. Bringt leider nur etwas, wenn die Maßnahme mit betriebsbedingten Kündigungen einhergehen würde. Aber welcher gewinnorientierter Betrieb würde Büssow oder Diegel schon einstellen?

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