„Reformmüdigkeit“ in der Evangelischen Kirche beklagt
06.11.2011 | 17:55 Uhr 2011-11-06T17:55:00+0100
Magdeburg. Zum Auftakt der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Magdeburg hat der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider von einer „Reformmüdigkeit“ innerhalb der evangelischen Kirche gesprochen. Noch bis Mittwoch beraten 126 Delegierte der EKD in Magdeburg über zahlreiche Kirchengesetze.
Zum Auftakt der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Magdeburg hat der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider von einer „Reformmüdigkeit“ innerhalb der evangelischen Kirche gesprochen. Es gebe „eine prinzipielle Zurückhaltung gegenüber notwendigen Veränderungen“, sagte der Präses der rheinischen Kirche am Sonntag in seinem Bericht vor dem Kirchenparlament. Angesichts etwa der demografischen Entwicklung oder einer abnehmenden Kirchenbindung bleibe jedoch eine „wachsende Reformnotwendigkeit“, betonte Schneider und sprach von einer „Spannung, die wir mit Glaubenszuversicht produktiv annehmen können“.
Noch bis Mittwoch beraten 126 Delegierte der EKD in Magdeburg über zahlreiche Kirchengesetze. Unter anderem stehen Diskussionen über den Dritten Weg an, das spezielle – und umstrittene – Arbeitsrecht für Kirche und Diakonie, in dem Löhne nicht durch Streik erstritten, sondern in paritätisch mit Arbeitnehmern und Arbeitgebern besetzten Gremien ausgehandelt werden. Vor allem soll es unter dem Leitthema „Missionarische Impulse“ auf der Tagung aber um die Frage gehen, wie die christliche Botschaft wieder mehr Menschen nahegebracht werden kann.
kirchliche Botschaft neu nahebringen
Dabei sollten die Kirchen den Blick nicht nur nach Außen richten, empfahl Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU): „Muss Mission angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen nicht damit anfangen, die eigenen Mitglieder zu erreichen?“ fragte er in seinem Grußwort an die Delegierten. Alleinstellungsmerkmal des Christentums könne es nicht sein, nur Lebensanleitung zu geben oder Moralanstalt zu sein. Dies böten auch andere Religionen und Weltanschauungen, sagte der evangelische Politiker. „Kern des christlichen Glaubens ist es, die unbedingte Liebe Gottes zu allen Menschen zu verkünden“, so Friedrich. Mission „nach Innen oder Außen sei keine Alternative“, sagte Präses Schneider später vor Journalisten. Auch Getauften, die der Kirche fern stehen oder bereits ausgetreten sind, müsste die kirchliche Botschaft neu nahe gebracht werden. Inhaltlich wird sich die EKD-Synode am Montag mit dem Thema „Mission“ befassen.
Als Beispiel für ein erfolgreiches „Aufeinander-Zu“ in der Ökumene nannte Präses Schneider die Beziehung zur anglikanischen Church of England.
Trotz unterschiedlicher Ansichten in Fragen des kirchlichen Amtes und der Bedeutung des Abendmahls habe man Mitte Oktober in der Dresdner Frauenkirche einen gemeinsamen Abendmahlsgottesdienst gefeiert. 20 Jahre gemeinsamer Gespräche habe man bis zu dieser gemeinsamen Feier gebraucht, sagte Schneider.
„Geht doch“, ergänzte er mit einem Schmunzeln, das ohne Frage in Richtung katholische Kirche gemeint war.
Ausführlich ging Präses Schneider in seinem Ratsbericht auf das Thema Ökumene ein, vor allem auf den Papstbesuch. „Der Papst hat einen ganz starken ökumenischen Akzent gesetzt“, so Schneider. 500 Jahre nach Luthers Rom-Besuch habe der Papst gewissermaßen „einen Gegenbesuch“ abgestattet. Dieser Besuch sei einerseits von einem „geschwisterlichen Geist“ beim nichtöffentlichen Treffen mit Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster geprägt gewesen. Der Papst habe von „Kirchen“ gesprochen und die „ökumenische Gemeinsamkeit in der Ausrichtung auf Christus“ betonte Schneider. Andererseits seien beim öffentlichen Gottesdienst „brennende Fragen des ökumenischen Dialogs“ gar nicht oder „nur missverstehend und missverständlich angesprochen“ worden, sagte Schneider. Später ergänzte er: „man darf nicht schön reden, was nicht schön war“. Dazu gehörten laut Schneider vor allem die Äußerungen des Papstes in Erfurt, er habe kein „ökumenische Gastgeschenk“ mitgebracht und es sei „ein politisches Missverständnis“, wenn man meine, Fortschritte in der Ökumene aushandeln zu können. Beides sei „völlig unangemessen“ gewesen, kritisierte Schneider. „Wenn wir ökumenische Gespräche führen, führen wir keine politischen Verhandlungen, sondern suchen gemeinsam nach der Wahrheit“, sagte der Präses.
Einladung an Katholische Kirche
Die aus evangelischer Sicht enttäuschende Papstpredigt solle aber nicht das Bild der ökumenischen Begegnung in Erfurt insgesamt prägen. Der Aufforderung des Papstes, Gott zu suchen und auch in der modernen Welt nicht zu vergessen, könnten schließlich auch evangelische Christen zustimmen. Zudem sei man sich mit der katholischen deutschen Bischofskonferenz einig, dass Katholiken und Protestanten in Deutschland vor allem selbst sehen müssten, wie sie die Ökumene vorantreiben.
Zu Stärkung dieses ökumenischen Miteinanders regte Schneider eine gemeinsame „Heilung der Erinnerung“ an. Schließlich sei man nach rund 450 Jahren des Gegeneinanders der Konfessionen erst eine relativ kurze Zeit miteinander befreundet. Zudem sollte die von seinem Vorgänger im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden, Wolfgang Huber, formulierte „Ökumene der Profile“ zu einer „Ökumene der Gaben“ weiterentwickelt und die Profile der einzelnen Konfessionen als Ergänzungen und nicht als „Abgrenzung oder Identitätsstärkung zu Lasten des anderen“ gesehen werden. Ausdrücklich lud er „die römisch-katholischen Geschwister herzlich ein, das Reformationsjubiläum 2017 mitzufeiern“. Der überlieferte Thesenanschlag Luthers an der Wittenberger Schlosskirche 1517 gilt als Geburtsmoment der Reformation.
Atomausstieg begrüßt
Mit Blick auf die aktuelle Politik lobte Schneider „die Einsicht, den Mut und die Konsequenz der Politiker und Politikerinnen“, die den deutschen Atomausstieg durchgesetzt hätten. Dringend brauche es nun die Klärung der Endlagerfrage. Schneider sprach von einer „Ewigkeitslast“, die jedoch eine „ganz andere ethische Dimension“ habe, als das Abpumpen des Grubenwassers im Ruhrgebiet, wo er diesen Begriff kennen gelernt habe, so der gebürtige Duisburger.
Angesichts der Eurokrise appellierte Schneider: „Beten wir für die, die da jetzt verhandeln und sozusagen im Sichtflug versuchen, Katastrophen zu verhindern.“ Europa sei „ein Friedensprojekt und muss ein Friedensprojekt bleiben“, so Schneider. Die aktuelle Krise biete die Chance gerade zu Veränderungen auf demokratischer Ebene, so dass am Ende ein Europa stehen könne, dass „auch von der Bevölkerung stärker getragen wird“.
Kirchliches Arbeitsrecht in der Kritik
Schneider begrüßte, dass „das Thema Mindestlohn wieder auf die politische Tagesordnung“ gekommen ist. „Eine volle Berufsfähigkeit soll so entlohnt werden, dass ein eigenverantwortliches Leben möglich ist“, betonte er unter dem Applaus der Delegierten. Das Thema gerechte Entlohnung dürfte indes auch mit Blick auf die eigenen Beschäftigten eines der spannendste Themen der EKD-Synode werden. Unter anderem nach Debatten über Lohndumping, etwa im Pflege-Bereich der Diakonie, ist das spezielle kirchliche Arbeitsrecht, das weder Streik noch Aussperrung kennt, in die Kritik geraten. Vor diesem Hintergrund plädierte Schneider für deutliche Reformen, aber für die grundsätzliche Beibehaltung des „Dritten Weges“. Die Kirche bräuchte „bessere Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen durch Dienstgebende“. Ausdrücklich wies er aber die Kritik von Gewerkschaften zurück, der Dritte Weg führe zu einem niedrigeren Lohnniveau als bei den zwischen Gewerkschaften und
Arbeitgebern ausgehandelten Tarifverträgen. Das Gegenteil sei der Fall, so Schneider: „Die Abkehr vom Dritten Weg führte zu einer größeren Zersplitterung – und Verschlechterung – der Tarife in der Diakonie“. Das Thema Dritter Weg steht am Montagnachmittag auf der Tagesordnung der Magdeburger Synode.

03:27
Damit die evangelische Kirche nicht immer mehr an Bedeutung verliert, benötigt sie dringend eine neue Reformation: Sie muss endlich gemäß der christlichen Nächstenliebe auf sämtliche menschenrechtswidrigen Bevorzugungen zutiefst reumütig verzichten und sie aktiv bekämpfen, z.B. Gottesbezug im Grundgesetz (diskriminiert Nicht-Gottesgläubige), Religionsunterricht an öffentlichen Schulen (diskriminiert Nicht-Religiöse), Kirchensteuer (diskriminiert Nicht-Kirchenmitglieder) und vor allem die vielen staatlichen christlichen Feiertage (diskriminieren Nicht-Christen; stattdessen nur weltanschauungsneutrale Feiertage!).
Nur dann hat es die evangelische Kirche wirklich verdient, dass sie wieder mehr Mitglieder bekommt!
Außerdem kann sie so ein sehr gutes Vorbild für die katholische Kirche sein, welche sich noch viel mehr von der christlichen Nächstenliebe entfernt hat.
11:22
Wasser predigen und Wein trinken....
Ich kann mich den Vorkommentatoren nur anschließen. Auch in meiner Familie gibt es kirchliche Mitarbeiter/innen - auf Grund von Arbeitsplatzmangel. Die Ausbeutung ist wirklich weit vorgeschritten.
Dabei gibt es ja kirchenintern sogar Richtlinien, dass kein Arbeiter/Angestellter schlechter bezahlt werden soll als der, der die gleiche Arbeit tut. Trotzdem Outsourcing von z.B. kirchlichen Krankenhauswäschereien...
Dann ist ja bekannt, dass das Mobbing in der Kirche praktisch erfunden wurde (von wegen Nächstenliebe!).
Und ansonsten kann es kaum deutlicher zutage treten, dass die Kirche heuchelt, als bei der Ausbeutung von Langzeitarbeitlosen, die ja den Arbeitgebern, besonders der Diakonie ihre Arbeitskraft _und_ noch eine staatliche Pauschale als Gewinn einbringen - ohne Rechte zu haben. Ist auch ein prima Druckmittel gegen die Stammbelegschaft...
Ne, raus aus dem Verein, denn nur, wenn das Geld nicht mehr fließt, wird sich was ändern. Dann können die Christen sich gerne wieder in Höhlen treffen, weil die staatliche Subventionierung ihrer "Jugendtreffs" nur noch tatsächlich staatlich geführten Trägern zusteht - ohne konfessionelle Bevormundung und Missionsbestreben.
Andere Religionnen finanzieren sich auch über Spenden. Wer will, soll das tun.
Was aber die Hartz IV - Sklaven angeht als Verteidigungstipp:
Es kann seit Neuestem auf Lohnausgleich geklagt werden, mindestens bis zu den üblichen Tarifen, den die Arbeit bei regulärer Einstellung einbringen würde. Also ruhig den Job annehmen und dann vor Gericht ziehen - das freut die Diakonie und Caristas Rechtsabteilung!
10:06
Meine Kirche ist derzeit besonders gut darin, von der Kanzlel zu predigen, wie schlecht doch Erfolg und Geld sind, während im Gottesdienst der Klingelbeutel zweimal herum geht. Man macht sich mit den Gewerkschaften gemein und gegen die Arbeitgeber mobil, ist aber zugleich darauf bedacht, dass die Gewerkschaften keinen Fuß in die eigene Tür bekommen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es vordringlichste Aufgabe der evangelischen Kirche sein muss, über den Atomausstieg und/oder den Mindestlohn zu sinnieren. Eine Kirche braucht und darf nicht gänzlich unpolitisch sein, aber spätestens seit ein früherer EKD-Ratsvorsitzender als SPD-Parteigänger für den Bundestag kandidieren wollte, ist eine Grenze überschritten. Die ganzen Politiker rechter und linker Couleur sollten sich aus dem Kirchenbetrieb raushalten oder wenigstens in die zweite oder dritte Reihe zurücktreten - das täte der protstantsichen Kirche in Deutschland wirklich gut!
07:51
auch ich bin Angehöriger eines Betroffenen. AUch ich weiß von nicht bezahlten Überstunden, die nichteinmal abgefeiert werden können. Auch ich weiß von Pastören, die nicht hinter ihrem Personal stehen, sondern den leichten leisen Weg gehen. Die sich vor der Öffentlichkeit ducken und kriechen, statt sich vor seine Leute zu stellen und sie vor ungerechtfertigten Angriffen zu schützen. Nichts dergleichen. Auch ich weiß von Konfirmanden, die gerne einmal ihren Glauben kontrovers diskutieren wollen, aber mit inhaltslosem ****engelaber abgespeist werden. Die Jugendarbeit krankt insgesamt sehr stark, da den Jugendlichen keine Antworten auf ihre Fragen geboten werden. Wohl aber irgendwelche Phrasen und Bibelzitate die umso mehr Fragen aufwerfen. Ich werde NICHT austreten, ich werde zum Trotze bleiben und immer weiter Fragen stellen und den Kirchenoberen auf den "heiligen" Geist fallen.
Ich finde Ihre Einstellung total o.k., denn nur wenn man bleibt, kann man etwas verändern. Auch wenn man dicke Bretter bohren muss. Wenn ich gehe, beraube ich mich der Einflussnahme.
Alle, die ihren Glauben leben wollen, brauchen eine Gemeinschaft. Und der Standpunkt, dass man auch ohne Gemeinschaft glauben kann, ist m.E. eine faule Ausrede, um den Austritt aus einer Glaubensgemeinschaft sich selbst schön zu reden. Wenn man keine Gemeinschaft pflegt, kann man sich auch nicht in seinem Glauben weiter entwickeln.
06:09
Als Familienangehöriger kann ich nur eines sagen: Die evangelische Kirche ist als Arbeitgeber der größte Familienfeind in Deutschland. Die Ausbeutung der Arbeitskräfte (insbesondere der Pflegekräfte) und auch deren seelischen Missbrauch bei den sozialen Einrichtungen der Diakonie sind durch an durch nichts zu überbieten. Die Weigerung des Arbeitgebers meine Frau, nach schwerer Erkrankung, versuchsweise in den Arbeitsprozess wieder einzugliedern war der Gipfel von seelischen Entgleisungen eines diakonischen Arbeitgebers. Auch die Bereicherung des Arbeitgebers an nicht gezahlten Überstunden und Urlaubsansprüchen sind nichts anderes als eine Ablassabgabe an die evangelische Kirche. Ich bin aus der evangelischen Kirche daraufhin ausgetreten. Habe die Gründe der Kirche mitgeteilt. Warte seit mehr als fünf Jahren auf Antwort. Um die Kirchensteuer zu sparen brauchte ich trotzdem nicht aus der Kirche auszutreten. Als Bezieherin einer sehr kleinen Erwerbsunfähigkeitsrente wären wir sowieso nicht mehr Kirchensteuerpflichtig gewesen. Die EKD hat viele Kirchenaustritte durch nicht gelebte Gottesliebe und Ausbeutung der Seelen als Arbeitgeber selber zu verantworten. Gelebte Kirche sieht anders aus!