Rätselhaftes Zeugensterben

Berlin..  Der wohl letzte Mordfall des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) fiel aus der Reihe. Denn die Polizistin Michèle Kiesewetter war anders als die anderen Opfer keine Migrantin. Das Motiv für die Tat in Heilbronn liegt im Dunkeln. Offiziell gilt sie als Zufallsopfer. Florian Heilig, ein 21-jähriger Aussteiger aus der Neonazi-Szene, soll etwas über den Mord gewusst haben. Der Zeuge wurde im September 2013 in Stuttgart verbrannt in einem Auto gefunden. Offiziell: Selbstmord. Am letzten Samstag starb auch seine Freundin, laut Obduktion an einer Lungenembolie und als Spätfolge eines leichten Motorradunfalls. Vor dem Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag gab die Frau zu Protokoll, dass sie sich bedroht fühle. Heiligs Eltern behaupten, auch ihr Sohn sei unter Druck gesetzt worden.

Deckname „Corelli“

Der Fall Kiesewetter gehört zu den rätselhaftesten der NSU-Mordserie. Wann immer die Hoffnung auf eine Erklärung aufkam, starb jemand.

Aufschluss hatte man sich auch von Thomas Richter erhofft, V-Mann des Bundesamts für Verfassungsschutz. Deckname: „Corelli“. Er starb an den Folgen einer unerkannten Diabetes. Er zählt zu den Mitbegründern eines Ku-Klux-Klan-Ablegers, zu dem auch Ex-Kollegen Kiesewetters gehörten. Ein Sonderermittler des Bundestags geht dem Fall „Corelli“ nach.

Schon bevor der NSU aufflog, hatte Heilig gegenüber Mitschülern erklärt, dass Neonazis 2007 auf Kiesewetter geschossen hätten. Man hat es ihm nicht geglaubt und auch später noch für Prahlerei gehalten, als er von einem gewissen „Matze“ und einer „Neoschutzstaffel“ (NSS) sprach, die den Mord an Kiesewetter unterstützt habe. Plausibel wäre es. Schon immer hat man sich gefragt, wie der NSU auf seine Opfer gekommen war, wer sie ausgespäht habe; und ob er wohl Unterstützer hatte. Führt eine Spur nach Baden-Württemberg?

Weil man anfing, Heilig zu glauben, sollte er am 16. September 2013 von einem Beamten vernommen werden. Am Vorabend erhält Heilig einen Anruf, der ihn „total verstört“ habe, wie sich die Eltern erinnerten. Am nächsten Tag findet man seine Leiche in einem ausgebrannten Auto in Stuttgart. Er ist lebendig verbrannt. In seinem Magen finden die Ärzte einen Cocktail verschiedenster Medikamente. Innerhalb eines Tages kamen die Ermittler zum Ergebnis: Selbstmord. Motiv: Liebeskummer. Der Fall wurde zu den Akten gelegt.

Als der Untersuchungsausschuss sich fast zwei Jahre später, im März 2015, mit dem Fall befasste, regt sich alsbald Kritik an den Ermittlungen. Die Abgeordneten hörten Heiligs Eltern an und begannen, Fragen zu stellen. Wie viel Zeit ihm geblieben war, um nach dem Medikamenten-Cocktail noch das Auto anzuzünden? Und warum weder sein Handy noch sein Notebook untersucht worden seien? Oder: Warum keiner nach dem Wagenschlüssel gefragt habe? Im ausgebrannten Wrack wird im Nachhinein sogar noch eine Waffe gefunden. „Wir können uns keinen Reim darauf machen, warum die Polizei diese Gegenstände nicht gefunden hat“, wunderte sich der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD). Offenbar sei die Polizei nur Belegen für einen Suizid nachgegangen.

Noch viele offene Fragen

Nachdem die Parlamentarier auf den Busch klopfen, findet die Polizei die Identität von „Matze“ heraus, einem Soldaten der Bundeswehr. Auch die „NSS“ wird plötzlich bestätigt. Das schlägt – bis nach Berlin – Wellen. Clemens Binninger, gelernter Polizist und ehemals CDU-Obmann im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, ist wie elektrisiert. Der Fall Kiesewetter lässt ihn seit Jahren nicht ruhen. „Es gibt noch viele offene Fragen“, erklärte er uns.

Die Abgeordneten in Stuttgart hatten inzwischen auch Kontakt zu Heiligs Ex-Freundin aufgenommen und die 20-Jährige angehört. Zur Aufklärung konnte sie offenbar wenig beitragen, fühlte sich aber bedroht. Befürchtete die rechtsextreme Szene, dass Heilig sich der Freundin anvertraut hätte? Wenn, dann hat sie das Geheimnis mit ins Gab genommen. Am letzten Dienstag hat sie sich dann bei einem leichten Unfall das Knie geprellt. Das Hämatom soll eine Thrombose verursacht haben, die wiederum zur Embolie führte. Die Frau starb am Samstag nach einem Krampfanfall.