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Quereinsteiger schaffen's ohne Abitur zum Doktortitel

21.01.2013 | 17:43 Uhr
Quereinsteiger schaffen's ohne Abitur zum Doktortitel
Zwei, die es ohne Abi an die Uni geschafft haben: Dr. Fred Luks und Tina Siebert. Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Das Studium ohne Abitur oder Fachhochschulreife erlebt einen Boom. Immer mehr Berufstätige suchen den Quereinstieg zum Studium. NRW führt bundesweit den Trend an. Das liegt auch an der Anziehungskraft der Fern-Universität Hagen.

Mit 15 hatte er die Nase voll von der Schule: „Ich wollte nie wieder eine Bildungseinrichtung von innen sehen“, erinnert sich Fred Luks. Es war der pure Schulfrust, „ich war ein saumäßiger Schüler“. Er absolvierte eine Ausbildung als Verwaltungsangestellter, fand eine Stelle und richtete sich ein mit Wohnung, Auto und Einkommen. „Das hätte bis zur Rente so weiter gehen können“, sagt er.

Doch dann engagierte er sich in der Politik und merkte: „Dafür muss ich mehr wissen, da geht noch was.“ Für ihn war es ein Sprung ins kalte Wasser: Die Sicherheit des Jobs aufgeben, vom Dorf in die Großstadt Hamburg ziehen, und die Frage: Kann ich das? Dann ging es ruckzuck: Er studierte Ökonomie, „baute“ seinen Doktor, leitete Forschungsprojekte an der Uni und wurde schließlich Nachhaltigkeitsmanager bei der Bank Austria. „Mein Lebensweg hat sich durch die Bildungsmöglichkeit dramatisch verändert“, sagt er heute.

Studium ohne Abi erlebt einen Boom

Wie ihm geht es immer mehr Berufstätigen. „Das Studium ohne Abitur oder Fachhochschulreife erlebt einen Boom“, sagt Sigrun Nickel vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) bei einer Tagung in Essen. „Viele merken irgendwann nach dem Berufseinstieg, dass sie noch einmal durchstarten wollen“, so Nickel, dass sie wie Fred Luks eine Bildungschance verpasst haben – und suchen den Weg an eine Hochschule. Andere bemerken, dass sie auf der beruflichen Karriereleiter ohne ein Studium nicht mehr weiter kommen und verbessern durch ein Studium ihre Aufstiegschancen.

Meldung vom 9.11.2012
Fernstudium ist kein Monopol der Hagener Hochschule mehr

Das Fernstudium der Hochschule Hagen als Alleinstellungsmerkmal bröckelt immer stärker. Auch Präsenzuniversitäten bieten die Ausbildungsvariante etwa durch Online-Kurse an. Beim "Dies Academicus" diskutierten Hochschulexperten neue Trends.

NRW führt bundesweit den Trend an. „Der Anteil beruflich qualifizierter Studienanfänger ist im Bundesvergleich einsame Spitze“, ermittelte das CHE. Die Zugangsbedingungen sind hier vergleichsweise offen gestaltet: So kann ein Meister an einer Hochschule seiner Wahl ein Studium aufnehmen. Er besitzt wie ein Abiturient die „Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung“. Wer eine zweijährige Berufsausbildung abgeschlossen hat und mindestens drei Jahre in seinem Job gearbeitet hat, darf ein verwandtes Fach studieren („fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung“). Eine gesonderte Eignungsprüfung ist nur dann nötig, wenn der Bewerber ein nicht verwandtes Studienfach wählen will.

Verschlungene Bildungswege

Dass NRW auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle besitzt, liegt auch an der Anziehungskraft der Fern-Universität Hagen. Hier haben fast 39 Prozent aller Studienanfänger weder Abitur noch Fachhochschulreife – ein einsamer Spitzenwert, liegt der Schnitt an Unis doch bei nur knapp zwei Prozent. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und die Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen, die berufsbegleitende Studiengänge anbietet.

Meldung vom 15.7.2012
Fernuni Hagen hat die meisten Erstsemester ohne Abitur

Immer mehr Studienanfänger ohne Abitur schreiben sich an Hochschulen ein. Allein an der Fernuni Hagen starten 2502 Erstsemester ihr Studium ohne allgemeine Hochschulreife: Die Fernuniversität ist damit bundesweit Spitzenreiter und bringt NRW im Ranking der Bundesländer nun auf Platz 1.

„Das Abitur ist zwar immer noch der Königsweg zum Studium“, sagt Sigrun Nickel, aber es gebe ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Bildungsbiografien nicht immer gradlinig verlaufen. Die Hochschulen seien gefordert, mit Angeboten und Brückenkursen darauf zu reagieren. Ähnlich sieht es NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD): „Ein Studium ohne Abitur muss selbstverständlich werden. Das müssen wir zusammen mit den Hochschulen schaffen“, sagte sie auf der Tagung.

Gezielte Angebote

Entscheidend für eine bessere Durchlässigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sind flexible Studienzeitmodelle, Online-Seminare sowie Einstiegs- und Brückenkurse. In den Dschungel von Regelungen wollen CHE und Stifterverband mit dem neuen Internet-Portal „www.studieren-ohne-abitur.de“ eine Schneise schlagen. Und: „Die Professoren müssen sich künftig auf andere, untypische Studenten stärker einstellen“, fordert Nickel.

So wie Tina Siebert. „Ich bin vermutlich die einzige Jurastudentin an der FU Berlin ohne Abi“, meint sie. „Die Professoren wissen gar nicht, dass es meinen Fall gibt.“ Und auch viele ihrer Mitstudenten seien überrascht, dass dies geht: ein Jurastudium ohne Abitur. Der Weg dorthin war für die 27-Jährige nicht einfach. Ihr Ziel war immer der Hörsaal, doch nach der Realschule merkte sie, wie groß ihre Lücken waren. Dennoch schaffte sie es mit Ausdauer und Hartnäckigkeit, absolvierte die Ausbildung zur Justizfachwirtin, arbeitete in ihrem Beruf, polierte nebenher ihre Englischkenntnisse auf. Dann war der Weg an die Uni frei. „Wenn alles klappt, will ich Richterin werden.“

Christopher Onkelbach


Kommentare
21.01.2013
19:22
Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von berni44 | #3

Wenn die geistigen Fähigkeiten vorhanden sind, sollte so etwas möglich sein.
Wer prüft diese Fähigkeiten? Wahrscheinlich keiner, so etwas ist ja gegen die Menschenwürde, Antidiskriminierungsgesetz.
Es werden Studienplätze belegt, das Ergebnis ist mangelhaft.
Bisher konnten sich die Unternehmen auf ein abgeschlossenes Studium und gegebenenfalls auf promovierte Menschen verlassen.
Sie konnten fast immer eingestellt werden. Wenn diese akademischen Grade zum blosen Stück Papier verkommen, ist keinem gedient.
Firmen, die diese Leute einstellen, werden eigene Eignungsprüfungen abhalten.

Einen Trost sollte die Wirtschaft haben. Fächer der Technik werden so wie so nicht studiert, da zu schwer, hier müssen Aufgaben gerechnet werden, die man nachrechnen kann.

Studiert werden Geistesfächer, die Absolventen werden von der öffentlichen Hand eingestellt.
Anschliessend kann man dann die geistigen Ergüsse in Gesetzen und Statistiken mit
eingenartigen Interpretationen erleben.

2 Antworten
Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von Catman55 | #3-1

Nöö.

Man reicht eine Dissertation mit dem Thema "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden" ein - wovon kein Schwein was versteht, also nicht gross überprüft werden kann - und wird Politiker... ;-D

Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von ttturf | #3-2

von berni44 | #3 schrieb
Studiert werden Geistesfächer, die Absolventen werden von der öffentlichen Hand eingestellt.
und dann auf unseren Kindern losgelassen.
Deutschland schafft sich ab.

21.01.2013
18:39
Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von ruhrgebieti | #2

Ich finde es in Ordnung, Leute zum Studium zuzulassen, die dafür geeignet sind.

Es sollte aber am Ende nicht so laufen, daß man sich anhören muß, ein Trottel gewesen zu sein, weil man seine Lebenszeit mit Abitur verschwendet hat.

Und was das geht: "NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD): „Ein Studium ohne Abitur muss selbstverständlich werden. Das müssen wir zusammen mit den Hochschulen schaffen“". Es gibt haufenweise Leute, die jetzt schon Jahre auf einen Studienplatz warten müssen. Das sollte man mal zuerst lösen, ehe man den Mund so voll nimmt.

21.01.2013
18:11
Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von wohlzufrieden | #1

Das schaffen Politiker von CDU/FDP auch, sogar völlig Leistungslos...

1 Antwort
Quereinsteiger schaffens ohne Abitur zum Doktortitel
von Catman55 | #1-1

Wobei sie dann auch diesen Politikern keine Schuld zu weisen können, wenn sie denn endlich beim Plagiatieren erwischt wurden. Die Schuld trifft lediglich den Ghostwriter. Schavans Unfähigkeit wurde da richtig erkannt von der Uni Düsseldorf.

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