Putins fliegende Museen steigen zu Machtdemonstrationen auf

Besuch eines "fliegenden Museums": Ein F16-Abfangjäger der norwegischen Luftwaffe verfolgt über dem Nordatlantik einen russischen Bomber vom Typ Tupolew Tu-95.
Besuch eines "fliegenden Museums": Ein F16-Abfangjäger der norwegischen Luftwaffe verfolgt über dem Nordatlantik einen russischen Bomber vom Typ Tupolew Tu-95.
Foto: EPA/Norwegian Air Force/Handout/dpa
Was wir bereits wissen
Die Nato ist beunruhigt über außergewöhnlich umfangreiche Manöver der russischen Luftwaffe über den europäischen Meeren. Seit Dienstagnachmittag seien mehrere Langstreckenbomber und andere Militärflugzeuge an den Nato-Grenzen identifiziert worden. Auch deutsche Kampfjets stiegen deshalb auf.

Berlin.. Die russische Luftwaffe testet derzeit die Nato. Ihre Piloten fliegen unangemeldet über Europa, meiden Funkkontakt, senden keine Signale. Das ist legal, so lange sie sich im internationalen Raum bewegen, aber irritierend, nicht nur politisch, sondern auch für die zivile Flugsicherung.

Jedes Mal steigen Nato-Abfangjäger auf, um die Jets zu identifizieren und zu eskortieren, an die 100 Einsätze schon - drei Mal so oft wie 2013. Die Luftraumüberwachung über dem Baltikum war zuletzt verstärkt worden, unter anderem mit sechs Eurofightern der Bundeswehr. Die Alarmrotte wird auf die Probe gestellt.

26 russische Flugzeuge

Üblich ist, Flüge anzumelden und den Transponder einzuschalten. Der sendet Signale aus. Ohne sie ist die zivile Flugsicherung nämlich blind. Dem militärischen Radarschirm bleiben die russischen Flugzeuge indes nicht verborgen. Dann steigen zwei Jets auf, einer nähert sich bis auf eine Meile der unangemeldeten Maschine, der zweite sichert ab.

Die zivile Flugsicherung ist dann auch im Bilde, denn bei den Nato-Maschinen ist der Transponder eingeschaltet. Wenn sogar der Nato-Luftraum verletzt wird – drei Mal in diesem Jahr –, dann versucht man mit den russischen Piloten in Kontakt zu treten, über Notfallfrequenzen oder mit visuellen Zeichen. Oft haben sich Piloten lediglich verirrt. Und sie verhalten sich dann kooperativ und folgen den Abfangjägern in den internationalen Luftraum. Es kam schon früher vor, dass die Russen entweder Flüge nicht ankündigten oder mehr Jets einsetzten als offiziell angemeldet.

Auffällig viele Formationen

Am Dienstag und Mittwoch kamen zwei Aspekte zusammen: Auf der russischen Seite waren auffällig viele Formationen beteiligt, darunter auch Langstreckenbomber, mindestens 26 Flugzeuge, nicht über der Ostsee, wo der Luftraum eng ist, sondern überall in Europa: Über Nordsee, Atlantik und Schwarzem Meer. Die Nato war auf breiter Front gefordert, britische, türkische, portugiesische Maschinen waren im Einsatz. Sogar Abfangjäger aus Finnland und Schweden – keine Nato-Länder – waren dabei.

U-Boot Auf der anderen Seite ist das Bündnis im Zuge der Ukraine-Krise alarmiert und hoch sensibilisiert: Es hängt Vorgänge an die große Glocke, wovon vor ein paar Jahren nur die Experten Wind bekommen hätten. So wurden bei einem russischen Manöver namens „ZAPAD“ ("Westen") 2013 sogar Radargeräte der Nato gestört, was als aggressiver Akt gilt. Damals wurde es fast nur in militärischen Fachkreisen notiert.

Atomrakete getestet

Seither hat die Nato ihre Präsenz im Ostsee-Raum, vor allem im Baltikum, erhöht. Die Bundeswehr operiert in Estland, die Kanadier sind mit ihren F-18-Maschinen über Litauen aktiv, die Holländer in Polen. Die Führung hat Portugal. Die so genannte „Lead Nation“ ist mit F-16-Jets im Baltikum.

Von einer Gefahr kann man noch nicht reden. Die Langstreckenbomber vom Typ Tupolew Tu-95 etwa werden von Militärs als „fliegende Museen“ bespöttelt. Nicht die reale Bedrohung ist gestiegen, aber das Bedrohungsgefühl. Denn zu den massierten Flugbewegungen kommt, dass Moskau gestern zugleich eine mit Atomsprengköpfen bestückte Interkontinentalrakete getestet hat. Und das alles vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise.

Demonstration der Stärke

Es gibt eine große Verunsicherung in der Beurteilung, und es fehlt eine einheitliche Analyse des russischen Verhaltens. Wer gestern in Berlin nach Erklärungen suchte, bekam in Militärkreisen die unterschiedlichsten Antworten. Manche hielten die Flüge für ein Manöver. Andere betrachteten sie als Vorbereitung auf eine erst bevorstehende Großraumübung und erklären sich die Zahl der Bewegungen mit dem Trainingsrückstand der russischen Piloten. Wieder andere meinen, es sei üblich, dass die russische Luftwaffe vor dem Winter Aktivitäten vom Osten nach Westen verlagere.

Einig sind sich alle, dass Russland die Reaktionsfähigkeit der Nato testet und Stärke demonstriert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte: „Ich bin jetzt akut nicht besorgt.“ In Osteuropa ist man schon alarmierter. Der slowenische Ministerpräsident Miro Cerar, der sie gestern besuchte, sprach von einer „Art der Krisenkommunikation“ zur Ukraine. „Gewisse Botschaften“ müsse man sehr genau verfolgen.