Preis soll den Konsum steuern

Berlin/Hagen..  Lässt sich Alkoholmissbrauch durch höhere Preise bekämpfen? Ein neuer Anlauf aus Brüssel befeuert die alte Debatte um die Suchtpolitik: Die EU-Gesundheitspolitiker fordern höhere Steuern auf alkoholische Getränke und verpflichtende Warnhinweise für Schwangere. Suchtexperten begrüßen das – sehen aber große Widerstände in Deutschland.


Trinken die Leute weniger, wenn die Preise steigen?
„Wo der Preis steigt, sinkt der Konsum“, sagt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) mit Sitz in Hamm. Der Zusammenhang zwischen Preiserhöhungen und Konsumentenverhalten sei durch internationale Studien von WHO und OECD belegt. „Wir kämpfen deswegen schon seit Jahren für eine höhere Alkoholsteuer“, so Bartsch. „Das hat mehr Breitenwirkung als jede Verhaltensprävention.“ Vorsorge durch Aufklärung sei zwar ebenfalls nicht falsch - die Wirkung aber oft zweifelhaft: „Von einem einzelnen Kurs lernt ein Jugendlicher nicht viel.“ Die Aussicht auf Umsetzung der EU-Idee in deutsches Recht hält Bartsch jedoch für unwahrscheinlich: „Die Hersteller werden sich erfolgreich dagegen wehren.“


Wie ist die Lage in Deutschland?
Die Deutschen trinken weniger Bier als noch vor 15 Jahren – dafür aber etwas mehr Wein. Insgesamt ist der Alkoholkonsum leicht zurückgegangen, doch noch immer trinken fast zehn Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich gefährlicher Menge – am riskantesten verhalten sich junge Männer. Rund 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, rund 74 000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Fachleute fordern deswegen seit langem ein Werbeverbot - zuletzt hatte der Deutsche Ärztetag die Bundesregierung zu einer Regelung wie bei der Tabakwerbung gedrängt. In der Türkei gilt seit letztem Sommer ein weitreichendes Verbot für Alkoholwerbung.


Gibt es in Deutschland Erfahrungen mit Preispolitik als Mittel gegen Alkohol-Karrieren?
Mit der „Alkopop-Steuer“ reagierte die rot-grüne Bundesregierung vor gut zehn Jahren auf den massiven Missbrauch von alkoholischen Mixgetränken unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Der Effekt: Konsum und Produktion von „Alkopops“ gingen zurück – doch viele junge Trinker, so die Erfahrung der Suchtberater, mixten sich ihre Getränke einfach selbst oder wichen auf Mischgetränke aus, die nicht unter die Steuer fielen. Auch der „Apfelsaft-Paragraph“ soll mittels Preispolitik junge Kneipengänger und Biergartengäste vor einer Alkoholkarriere schützen: Seit 2001 ist im deutschen Gaststättengesetz geregelt, dass das billigste alkoholfreie Getränk nicht teurer sein darf als das billigste alkoholhaltige. Doch längst nicht alle Wirte halten sich daran.


Klebt künftig auf jeder Bierflasche ein Warnhinweis für Schwangere?
Die Bundesregierung hält wenig davon. Zwar kommen nach Expertenschätzungen in Deutschland jährlich etwa 10 000 Babys mit alkoholbedingten Schädigungen auf die Welt – Entwicklungsstörungen durch Alkoholmissbrauch zählen zu den häufigsten bereits bei der Geburt vorliegenden Behinderungen. Verpflichtende Warnhinweise für Schwangere, wie es sie in Frankreich gibt, will die Bundesregierung aber dennoch nicht einführen. In ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion heißt es: Wirkungsvoller als eine „Warnpflicht“ seien gezielte Aufklärungskampagnen für Schwangerschaft und Stillzeit. Die Suchtexperten der DHS dagegen begrüßen die EU-Idee – auch, damit Frauen früh genug sensibilisiert würden: „Wer schwanger werden will, sollte ab sofort aufhören, Alkohol zu trinken“, so Bartsch.


Was sagt die Suchthilfeorganisation Blaues Kreuz?
„Dass man sich nun auf europäischer Ebene auch der Problematik des Alkoholkonsums annimmt, ist ein längst überfälliger Schritt“, sagt Sekretär Jürgen Naundorf. Es sei ein ganzes Bündel von Maßnahmen erforderlich. Naundorf ist überzeugt davon, dass entsprechende Hinweise durchaus helfen könnten, den Alkoholkonsum einzugrenzen. „Es ist eben nicht nur ein Genussmittel, sondern auch eine Substanz mit hoher Suchtwirkung“.