Poroschenkos Hiobsbotschaft

Debalzewo..  Zwischen den Bauernhäusern am Südrand von Luganskoje liegen die Kämpfer des ­Freiwilligenbataillons Donbass in ­Bereitschaft. Ihre Panzerfahrzeuge wirken mager, auf einigen türmen sich Rucksäcke und Isomatten. Stämmige Männer in Khaki und Grün, einige auch in weißen ­Winteranzügen, stehen mürrisch herum. Reden will keiner.

Die ukrainischen Krieger haben ­allen Grund zu schlechter Laune. Der Feind ist dabei, das strategisch wichtige Debalzewo zu erobern, seit Tagen toben Straßenkämpfe in der Stadt; Rebellenführer Alexander Sachar­tschenko, der dort am Dienstag ­russischen Kriegsre­portern ein spektakuläres Frontinterview ­geben wollte, wurde am Bein verletzt. Aber seine Soldaten rückten gestern weiter vor, massiv unterstützt von russischen Berufs­militärs.

Wie die Kiewer Zeitung Westi ­berichtet, sind sie inzwischen von zwei Seiten ins Stadtzentrum eingedrungen. „Vor 15 Minuten haben die Krieger der russischen Welt mit ,Allach Akbar‘-Rufen die Polizeistation gestürmt“, meldet ein ­ukrainischer Frontkorrespondent sarkastisch auf Facebook. Die ­Rebellen berichten triumphierend, ukrainische Soldaten würden sich zu Hunderten ergeben. Der russische Präsident Putin vergoss ­bereits am Dienstag in Budapest Siegerhäme: „Niederlagen sind ­immer bitter. Besonders, wenn du früheren Bergarbeitern und frü­heren Traktoristen unterliegst.“

Gestern wählte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine dramatische Kulisse für seine Hiobsbotschaft vom Verlust der strategisch wichtigen Stadt Debalzewo. „Heute Morgen haben Streitkräfte und Nationalgarde mit dem organisierten Abzug aus ­Debalzewo begonnen“, sagt der Staatschef mit Grabesstimme in einer Ansprache. Eiskalt ist es auf dem Rollfeld eines Flughafens in Kiew, im Hintergrund heulen die Motoren seiner Regierungsmaschine. Kurz darauf hebt die Antonow An-74 in Richtung Donbass ab. Es ist für den Staatschef ein bitterer Truppenbesuch im Krisengebiet.

Die prorussischen Aufständischen sehen dagegen ein wichtiges Ziel erreicht. Demonstrativ hissen sie ihre Fahne über Debalzewo. Das russische Staatsfernsehen zeigt, wie Aufständische Dutzende ukrainische Soldaten abführen. Ohne Waffen stapfen die Regierungs­einheiten durch den schmutzigen Schnee, vorbei an zerschossenen Panzern und Bergen von Geschosshülsen. 5000 bis 8000 ukrainische Soldaten sollen sich in der Stadt aufhalten. Einige Einheiten haben sich in kleinen Kampf­gruppen zu Fuß zurückgezogen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Unian erreichten gestern 100 bis 150 von 2000 Soldaten der 128. Brigade die eigenen Linien. In der Leichenhalle von Artjomowsk trafen über 20 Särge mit bei Debalzewo gefallenen Ukrainern ein. Semen Semjontschenko, Kommandeur des Donbass-Bataillons und Parlamentsabgeordneter, gestand gestern ein, eine ukrainische Kolonne, die sich ohne Panzerbedeckung auf dem letzten freien Feldweg zurückzog, sei von feindlichen Panzern zusammengeschossen worden.

Die Ukrainer bauen derweil eine neue Verteidigungslinie auf. Seit Tagen wird hinter den Teichen und Seen bei Swetlodarsk rechts und links der Trasse von Debalzewo nach Artjomowsk geschanzt, Panzer und Geschütze graben sich in die Felder ein, davor stehen jetzt lange Reihen weißer Stahlkegel, um angreifende Kettenfahrzeuge aufzuhalten.

Die Schlacht um Debalzewo ist verloren, aber der Krieg ist noch längst nicht vorbei.