Politiker-Bühne beim Kirchentag eröffnet

Singen, feiern und streiten: Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart hat am Donnerstag kontroverse Diskussionen über gerechtes Wirtschaften und die Griechenland-Krise aufgenommen. Die Theologin Margot Käßmann, Bundespräsident Joachim Gauck und Spitzenpolitiker lösten einen Besucherandrang aus. Die Kirchentagshallen waren mit tausenden Besuchern rappelvoll, das heiße Wetter machte vielen zu schaffen.

Stuttgart.. Am Vorabend war das Christentreffen mit mehreren Open-Air-Gottesdiensten und 250 000 Menschen bei einem bunten Straßenfest eröffnet worden. Bis zum Sonntag feiern rund 100 000 Dauerbesucher das Glaubensfest.

Ein Sprengstoffalarm am Hauptbahnhof in Stuttgart mit Absperrungen stellte sich als harmlos heraus. Es ging um ein ungefährliches Gepäckstück.

Bei den Diskussionsforen kritisierte die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Käßmann, die Profitgier in der Wirtschaft und rief zu Protest dagegen auf. Bundespräsident Joachim Gauck betonte, die seit Jahren auf Kirchentagen erhobene Kritik an einer Politik des wirtschaftlichen Wachstums als in Teilen einseitig. Wachstum und Wettbewerb hätten auch zu einem Zuwachs an Freiräumen und Lebensmöglichkeiten geführt.

Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi forderte, nicht nur Unternehmen, auch die Verbraucher müssten sich darum kümmern, ob ihre Kleidung durch Kinderarbeit entstanden sei. Der Inder kämpft seit langem für andere Produktionsbedingungen. Millionen Kinder arbeiten laut Satyarthi weltweit, viele davon in der Textilindustrie in Südostasien.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach sich gegen einen Schuldenerlass für des Euro-Krisenland Griechenland aus. Schuldenschnitte bedeuteten auch eine Enteignung der Sparer, sagte der CDU-Politiker, der wie die meisten Besucher den roten Kirchentagsschal umlegte. Denn "mit dem Schuldenerlass sind die Forderungen auch weg. Das eine geht mit dem anderen zusammen". Käßmann, nach wie vor ein Publikumsmagnet, bewertete den Schuldenstreit mit Athen anders: Einen Erlass von Schulden solle es auch für Staaten geben. "Das wäre mal eine Vision für Griechenland".

Bundespräsident Gauck appellierte zudem an die Bevölkerung, mehr Verständnis für die Arbeit von Politikern aufzubringen. "Wir brauchen Respekt vor dem mühsamen Gestalten des nächsten Schrittes in der Politik", sagte Gauck vor rund 10 000 Zuhörern. Auch Fehler müssten Politikern zugestanden werden. Gauck warnte davor, die Politik für das persönliche Glück in die Pflicht zu nehmen.

Am Freitag wird Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erwartet. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will mit den Besuchern über Flüchtlingspolitik und Kirchenasyl debattieren. Während des Glaubensfestes gibt es neben den Diskussionsforen auch ein buntes Programm mit Musik, Kabarett und Kunstaktionen.