Pokern, bluffen, zocken

Moskau/Washington/Berlin..  Russlands Präsident Wladimir Putin ist nicht für diplomatische Süßholzraspeleien bekannt. Kürzlich wurde er gefragt, ob Moskau seine Beschränkungen für Nahrungsmittelimporte aus der EU nicht lockern könne. Jene wirtschaftlichen Strafmaßnahmen, die Moskau als Reaktion auf die westlichen Sanktionen aufgelegt hatte. „Fig im!“, antwortete Putin mit leichtem Grinsen. „Fig im“ ist kein salonfähiger Zweisilber. Vorsichtig könnte man ihn „Die können uns mal“ übersetzen.

Die Formulierung ist nicht die einzige Grobheit, die Russlands starker Mann in jüngster Zeit auf den Westen gemünzt hat. Daher ist die Vorfreude beim heutigen Vierer-Gipfel in Berlin gedämpft. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Präsident François Hollande und dessen ukrainischer Amtskollege Petro Poroschenko erwarten Putin zu Gesprächen. Es geht darum, den festgefahrenen Friedensprozess in der Ukraine wieder anzukurbeln. Aber auch die dramatische Lage in Syrien steht auf der Tagesordnung.

Bei den vorangegangenen Vierer-Treffen hatte Putin stets gepokert, gedroht und geblufft. Wenn es sein musste, nächtelang. Ein ausgebuffter Machtpolitiker, der den Eindruck verströmte, als könnte ihn keine Sanktion bremsen.

Nichts liebt der Kremlchef mehr als Muskelspiele. Als er vor Kurzem die Frage, ob er die Förderbeschränkung des Ölkartells Opec unterstützen werde, mit Ja beantwortete, stieg der Preis pro Fass innerhalb weniger Stunden um drei Prozent. Macht und kleine Triumpherlebnisse kostet er aus.

Der 63-Jährige kündigte das Abkommen mit Amerika über die Vernichtung des waffenfähigen Atombombenstoffs Plutonium. Nach US-Angaben reicht dies für 17 000 Nuklearsprengköpfe. Putin kehrt zu den Zeiten zurück, als „atomare Abschreckung“ zum politischen Alltagsvokabular gehörte.

Putins persönliche Existenzangst

Die größte Phobie des Kremlchefs gilt dem Westen. Laut Putin „legten unsere geopolitischen Gegner mit Hand an“ beim Zusammenbruch der Sowjetunion. Sie hätten die Schwäche ausgenutzt, um prowestliche Regime und Antiraketensysteme an der russischen Grenze zu installieren. Der Präsident bemüht gern das Klischee vom russischen Bären. Den wolle der Westen erst an die Kette legen, um ihm danach Krallen und Zähne – also sein Atomwaffenarsenal – zu ziehen. „Danach stopft man ihn als Trophäe aus“, ist er sich sicher.

So kühl sich Putin gern gibt, seine innersten Motive sind emotional. Hinter der Attitüde der Entschlossenheit gegenüber dem Westen steckt auch persönliche Existenzangst. Putin glaubt, die USA steckten hinter den Rebellen in Tschetschenien, hinter der Maidan-Revolution in der Ukraine. Wie sollte der Westen vor diesem Hintergrund mit Putin umgehen?

Christopher Preble, Auslandschef der liberalen Denkfabrik Cato in Washington, kommt zu folgendem Schluss: Putin wolle innenpolitisch den starken Führer „vortäuschen“ und auf der Weltbühne als „großer Stratege“ wirken. Mit dieser Konstellation müsse sich die voraussichtlich künftige US-Präsidentin Hillary Clinton ab Januar 2017 beschäftigen. Clinton werde „wahrscheinlich konfrontativer“ mit Putin umgehen. Preble sieht, dass Putin versuche, die Nato zu schwächen und nach dem Brexit einen Keil in die EU zu treiben.

Der Journalist und Buchautor Boris Reitschuster aus Berlin beschreibt Putins Kurs so: „Mit den Muskelspielen gibt er den starken Mann, das kommt im Inland an und lenkt die Menschen von ihren leeren Kühlschränken ab. Zum anderen schüchtert er viele im Westen ein.“ Gegenüber dem Westen setze der Kremlchef auf „knallharte Konfrontation“. „Er versucht, sie einzuschüchtern, einzulullen und einzukaufen“, so Reitschuster.

Als Rezept für den Umgang mit Moskau empfiehlt der Journalist: „Adenauer und Schmidt, Reagan und Thatcher haben es vorgemacht: Konsequent, geradlinig, mit Stärke. Deutlichkeit und Klartext statt Anbiederung und Kumpanei.“