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Plötzlich wollen alle reden

12.09.2007 | 13:03 Uhr

Nach fast eineinhalb Jahren brutalem und blutigem Konflikt am Hindukusch scheint die Dialogbereitschaft zu wachsen. Taliban sagt ja zu Verhandlungsangebot von Karzai. CIA redet mit Quetta-Shura in Pakistan

Kabul. In Afghanistan bewegen sich die Fronten zwischen der Regierung von Präsident Hamid Karzai, seinen westlichen Verbündeten und den radikalislamischen Talibanmilizen. Die Gotteskrieger erklärten sich nach einem erneuten Gesprächsangebot des afghanischen Regierungschefs grundsätzlich zu Verhandlungen bereit. "Wir haben nur einige Bedingungen", erklärte ein Sprecher der Aufständischen.

Laut Informationen dieser Zeitung gab es im vergangenen Monat sogar direkte Kontakte zwischen den USA und den Talibanmilizen. Vertreter des nordamerikanischen Geheimdienstes CIA trafen laut diplomatischen Kreisen in der pakistanischen Stadt Quetta in der zweiten Augusthälfte mit Repräsentanten der sogenannten "Quetta-Shura", der Talibanführung um Mullah Omar. Thema der Sondierungsgespräche: Washington beharrt nach wie vor auf der Trennung der Talibanmilizen von Osama bin Ladens Al Kaida und anderen radikalen Gruppen wie der "Islamischen Bewegung Usbekistan" (IBU) unter Führung von Tahir Yoldashev. Im Gegenzug offerierte die CIA-Delegation eine Regierungsbeteiligung.

Ob Mullah Omar bereit ist, dieses Tauschgeschäft zu diskutieren, bleibt abzuwarten. Im Jahr 2001 weigerte sich der Talibanführer sehr zum Unmut vieler Gefolgsleute, Osama Bin Laden und seine Leute aufzugeben. Die Talibanmilizen verloren die Kontrolle über Kabul.

Doch nun scheinen Washington, die NATO, die Regierung in Kabul und die Talibanführung bereit zu sein, friedliche Auswege aus dem Afghanistan-Konflikt auszuloten. Es gelang der internationalen Schutztruppe ISAF und der Anti-Terror-Operation "Operation Enduring Freedom" (OEF) in den Monaten April bis Juni zwar, gezielt wichtige Kommandeure der Talibanmilizen zu töten und das Kommunikationsnetzwerk der Regierungsgegner empfindlich zu stören. "Aber wie bei einer Hydra sind die relativ schnell gleich durch mehrere neue Kommandeure ersetzt worden", beschreibt ein Diplomat die Schattenseite der Strategie. "So gab es plötzlich mehr Gruppen als zuvor."

Den Talibanmilizen gelang es gleichzeitig, ihren Aktionsradius auszudehnen und zu drei Vierteln einen engen Gürtel um die Hauptstadt Kabul zu legen. Die schwarz-weiße Fahne der Gotteskrieger weht inzwischen landesweit über rund einem Dutzend Distrikten. Die Talibanmilizen haben außerdem trotz hoher Verluste keine Probleme, neue Kämpfer zu rekrutieren - und ihnen ein ordentliches Salär zu zahlen. "Die Brüder und Onkel der gefallenen Talibankämpfer sind bereit, sich dem Kampf anzuschließen", sagt der Experte einer Hilfsorganisation. Bis heute hat die NATO keine genaue Vorstellung von der tatsächlichen Stärke der Talibanmilizen.

Aber die Steigerungsrate bei der Zahl der Selbstmordattentate, die sich seit dem Jahr 2005 versiebenfachte, flachte während der vergangenen Monate etwas ab. "Es sieht so aus, als ob beide Seiten bei ihren Kämpfen ein Plateau erreicht hätten", glaubt ein Beobachter in Kabul. So liegt die Vermutung nahe, dass Karzai und seine Verbündeten ebenso wie die Talibanmilizen langsam einsehen: Solange die internationale Schutztruppe ISAF in Afghanistan stationiert ist, wird keine der beiden Seiten gewinnen können.

Von Willi Germund

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