Plädoyer für neue Verkehrswege

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Minister Michael Groschek und der Chef des Duisburger Hafens, Erich Staake, äußern sich im NRZ-Interview: Die Logistik ist Zugpferd der nordrhein-westfälischen Wirtschaft und eine riesige Entwicklungschance für die Region, so ihre Überzeugung.

An Rhein und Ruhr..  An der A40 gibt es eine neue Abfahrt, die eigens für die weitere Erschließung des Duisburger Hafens gebaut wurde. Das Geschäft mit der Logistik brummt, neue Arbeitsplätze entstehen. Gleichzeitig ärgern sich viele Menschen über den wachsenden Verkehr. Die NRZ sprach darüber mit NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) und Hafen-Chef Erich Staake.

Viele Menschen denken bei Logistik gleich an Lkw-Verkehr. Falsch?

Staake: Logistik ist viel mehr als nur der Transport von Gütern. Es ist Denken und Handeln in Wertschöpfungsketten. Güter werden nicht mehr nur im LKW über die Straße transportiert. Intermodalität heißt das Zauberwort, also der Transport über Straße, Schiene und Wasserstraße. Hier ist NRW, und vor allem das Ruhrgebiet, sehr gut aufgestellt. Aktuell werden allein in Duisburg über 120 Millionen Tonnen Güter über diese drei Verkehrsträger transportiert – rund zwei Drittel entfallen auf Binnenschiff und Bahn. 20 000 Schiffe und 20 000 Züge bewegen jährlich ihre Güter über uns. Wir sprechen von 360 wöchentlichen Güterzugverbindungen quer durch das Ruhrgebiet und bis nach Ostwestfalen ebenso wie zu den europäischen Westhäfen, nach Nord-, Süd- und Osteuropa sowie nach Asien. Logistik ist entscheidend für den industriellen Erfolg von NRW.

Trotzdem: Transport belastet die Straßen, Lärm und Staus nerven...

Groschek: Auf der Straße treffen Personen- und Güterverkehr ständig direkt aufeinander. Auch die intelligenteste Steuerung von Material-, Waren- und Informationsströmen braucht am Ende eines: intakte Verkehrswege. Weil diese nicht beliebig vermehrbar sind, müssen wir auf dem Weg von den Rohstoffen über die Fertigung zum Verbraucher und weiter zum Recycling der Verpackungen alle Transportvarianten intelligent, ressourcenschonend und wirtschaftlich miteinander verknüpfen: Von der Pipeline bis zum Lastenrad, auf Luft-, Wasser-, Schienenwegen und natürlich auf der Straße. Deutschland hat in den letzten Jahren seine Verkehrswege massiv verkommen lassen. Da haben wir gewaltig aufzuarbeiten. Ich verspreche niemandem, dass wir Staus und Lärm wirklich vermeiden können. Aber wir tun viel für intelligentes Verkehrs- und Baustellenmanagement und für Lärmschutz.

Staake: Modernisierung bedeutet auch Entlastung. Daher ist es wichtig, unsere Straßeninfrastruktur zügig zu verbessern und auszubauen. Instandhaltung, Sanierung und Ausbau der Straßen sind entscheidend für den Standortvorteil NRW. Ein hervorragendes Schienennetz und ausreichend tiefe Wasserwege sind genauso wichtig wie Straßen ohne Schlaglöcher.

Das kostet eine Menge Geld. Wer soll das bezahlen?

Groschek: Es fehlen für die nachhaltige Sanierung der Straßen, Schienen und Wasserstraßen in Bund, Ländern und Gemeinden jährlich 7,2 Milliarden Euro. Alle Verkehrsminister haben das bestätigt und sich dem Vorschlag der Bodewig-Kommission angeschlossen: Danach soll der Bund 2,7 Milliarden Euro mehr aus den Steuereinnahmen für Infrastrukturmaßnahmen bereit stellen; er soll durch die Ausweitung der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen 2,3 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaften; er soll weitere Mittel durch die Ausweitung der Maut auf alle Straßen und auf Lkw ab 7,5 Tonnen herein holen und die Mittel in zweckgebundenen Fonds und Sondervermögen für mehrere Jahre zur Verfügung stellen. Priorität muss die Erhaltung vor dem Neubau haben.

Staake: Unsere Region ist das industrielle Herz Deutschlands. Bund und Land müssen das sehen. Wir müssen ansässigen wie neuen Unternehmen eine Zukunftsperspektive geben. Durch eine koordinierte Erschließung von Flächenpotenzialen für Industrie und Logistik sowie die Einbindung in das regionale Netzwerk können wir einen Beitrag zur Stärkung der gesamten Region leisten.

Die aktuelle Erfolgsgeschichte aus dem Hafen ist die Ansiedlung von Audi und VW. Warum hat sich der große Autokonzern für Duisburg entschieden?

Staake: Weil hier Know-how und Infrastruktur passen. Wir haben ein speziell auf die Bedürfnisse von Audi passendes Lösungspaket entwickelt, inklusive einem Logistik- und Transportkonzept sowie einer maßgeschneiderten Immobilie. Auf Logport II werden heute jährlich 800 000 Kubikmeter Audi-Fahrzeugkomponenten von Zulieferern aus ganz Europa verpackt, die per Container zu den Übersee-Standorten in China, Indien und künftig auch Mexiko verschickt werden. Der Versand zu den Westhäfen erfolgt ausschließlich per Schiff und Bahn. Somit entfallen jährlich etwa 13 000 Lkw-Fahrten - das alles hat Audi überzeugt.

Was kommt als Nächstes?

Staake: Das Revier muss Vorreiter der Industrie 4.0 werden. IT-Lösungen werden Einzug in die industriellen Prozesse erhalten, die Digitalisierung der Logistik schreitet unaufhaltsam voran. Bei Indus-trie 4.0 werden intelligente Maschinen und Produkte, Lagersysteme und Betriebsmittel konsequent per Informations- und Kommunikationstechnologien verzahnt – entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Hier können wir die Ersten sein und das Ruhrgebiet zum internationalen Hotspot für Industrie- und Logistiklösungen entwickeln! Dazu brauchen wir einen konzeptionellen Ansatz – das ist der Ruhrplan. Diese Gesamtstrategie des Initiativkreises Ruhr ist das zentrale, gemeinsame Projekt mit Landesregierung und Bund. Dieses Projekt gilt es konsequent weiterzuentwickeln.

Wie begleitet die Landesregierung das Thema Logistik?

Groschek:Wir sind da nicht ausein ander. Mein Ministerium arbeitet derzeit an einem Hafenkonzept für NRW. Bei uns sind fast 28 000 Firmen im Logistikbereich tätig. Die Branche hat für NRW einen hohen Stellenwert. Dies muss auch für die Regionen gelten. Wir brauchen zusätzliche Logistikstandorte.

Erst kürzlich hat der Initiativkreis Ruhrgebiet mehr Engagement und Geld vom Staat gefordert für die Entwicklung des Ruhrgebiets. Was hält der Minister davon?

Groschek: Die Ruhrgebietsstädte haben Recht, wenn Sie darauf verweisen, dass dort der Strukturwandel noch längst nicht bewältigt ist. Aber ich sehe auch große Chancen für das Ruhrgebiet. Wir haben alle Voraussetzungen für einen attraktiven und leistungsfähigen Logistikstandort, der uns insgesamt - wie den Duisburger Hafen schon heute - an die Spitze der Champions League führt.

Wie wollen Sie die Bürger überzeugen, dass Industrie und Logistik der richtige Weg für NRW ist?

Groschek: Wir sind in einem tiefgreifenden Wandel. Ich bin sicher, die Menschen wollen ihre Zukunft selbst und nicht vom Weltmarkt gestalten lassen. Der eigene Vorgarten darf nicht zur letzten Instanz von Pro und Contra Infrastruktur werden. Nur für Gartenzwerge ist Stillstand genug Tempo. Ich bin sehr für frühe Bürgerbeteiligung und offene Debatte. Aber es gibt Punkte, an denen müssen wir uns entscheiden: Wollen wir weiter eine prosperierende, nachhaltige Wirtschaftsnation sein oder eine Idylle ohne Verkehr, ohne Lärm, ohne Staus und praktisch ohne Arbeitsplätze? Ich bin für ersteres und dafür brauchen wir eine mobile Gesellschaft, zu Fuß, mit (E-)Rad, Car-Sharing, ÖPNV, Bahn, Flieger – für Menschen und Güter. Für die kommende Generation wird dabei das Smartphone zum Zündschlüssel der Zukunft, das ist keine schlechte Entwicklung.


Michael Groschek (58) ist NRW-Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr. Der Sozialdemokrat wohnt in Oberhausen, wirkte dort auch lange im Rat der Stadt.

Erich Staake (61) führt seit 15 Jahren die Duisburger Hafen AG, davor war er u.a. bei Bertelsmann. Die Umwandlung des Krupp-Geländes in Rheinhausen geschah unter seiner Regie.