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Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?

09.10.2012 | 19:21 Uhr
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Klaus Hammer (2. v. r.), hier bei einem Stammtisch der Piratenpartei in Gelsenkirchen.Foto: WAZ Foto-Pool, Thomas Schmidtke

Gelsenkirchen.  Der Rücktritt von Landesgeschäftsführer Klaus Hammer hat ein Schlaglicht auf den Zustand der Piraten-Basis geworfen. In Hammers Heimat Gelsenkirchen geht es um Mobbing, Rufmord und Denunziation – und um die Frage, ob die Partei von Rechten unterwandert wird.

Die Piraten sind in schwere See geraten . In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben sie mit Affären zu kämpfen. Nur vier Prozent der Wahlberechtigten möchten aktuell der neuen Partei bei der Bundestagswahl 2013 die Stimme geben. Zu wenig. Und jetzt auch noch das: Gelsenkirchen. „Hammer-Gate“.

Die Stadt hat 260 000 Einwohner. 87 von ihnen sind Mitglieder der Piratenpartei. Vielleicht 20 sind aktiv. In E-Mails beschimpfen sie sich mal als „Spinner“, mal als „Rassist“. „Wir stehen dem ratlos gegenüber“, sagt der nordrhein-westfälische Piraten-Chef Sven Sladek. Er bedauert, „dass unsere Streitkultur noch nicht so entwickelt ist“. Denn die 20 an der Emscher bekämpfen, beleidigen und verklagen sich schon seit vier Monaten – und bringen die gesamte Landespartei in Verruf .

Es geht um „Mobbing“, „Rufmord“, „Denunziation“ und eine mögliche Verirrung nach Rechtsaußen. Landes- und Bundesvorstand sind eingeschaltet. Anwälte und Staatsanwälte auch.

Von Rechtsextremen unterwandert?

Der Landesgeschäftsführer der Partei, der 45-jährige IT-Berater Klaus Hammer, hat in der letzten Woche über diesen lokalen Kleinkrieg den Parteijob verloren . Er soll vertrauliche E-Mail-Ausdrucke in der Mülltonne vor der Haustür deponiert haben. Morgens war die Tonne leer. Auch Hammer ist ein Pirat aus Gelsenkirchen. „Habe ich Fehler gemacht? Ja, bestimmt“, räumt Hammer im Internet ein. Aber er könne ein Buch darüber schreiben, was hier mitten im Revier passiert sei.

Piraten im Landtag NRW

Was passiert ist, ist ein eher verwirrender Plot. Er reicht zurück in den Juli. Es ist die Zeit, in der die Piraten Rückenwind haben. Sie sitzen im Landtag. Im Ruhrgebiet wollen sie Arbeitskreise für Kommunalpolitik gründen, aber in Gelsenkirchen könnten es gleich zwei werden. Denn hier ist man spinnefeind miteinander. Der Bauunternehmer H. ist die treibende Kraft der einen Seite. Auf der anderen mischt ein Kriminalbeamter a.D. mit. Man schickt sich böse E-Mails.

Dann kommt Hitler ins Spiel

Im August kommt Adolf Hitler ins Spiel. In DIN A 4-Größe hänge dessen Foto bei dem Unternehmer an der Wand, meldet ein Pirat. Abgelichtet hat er das Beweisstück nicht. Kameraklicks hätten ihn verraten.

Ob Rechtsextreme die Gelsenkirchener Piraten infiltrieren, rätseln jetzt die Leute um den Ex-Kriminalbeamten. Sie fahnden weiter - und finden das Bekenntnis des B. Der ist enger Freund des Unternehmers – und stuft sich im Internet als konservativ und national ein.

Politik
Piraten suchen ihren lokalen Kurs

Die Piraten-Partei baut in Gelsenkirchen ihre Organisationsstrukturen auf. Derweil leisten sich einige Mitglieder heftige Flügelkämpfe.

Das Hitler-Bild hier, das rechte Profil dort – zusammen ist dies der Anlass, der drei Leute von der misstrauischen Fraktion mit ihren Ahnungen zu Klaus Hammer ziehen lässt. Sie sagen heute: Mit der vertraulichen Bitte an den Geschäftsführer, mögliche Rechtstendenzen zu prüfen, um die Partei zu schützen – und mit dem Vorsatz, nichts Unbewiesenes zu behaupten.

Wie die E-Mails in die Tonne kamen

Vielleicht hat Hammer in diesem Gespräch das „vertraulich“ überhört. Vielleicht gab es die konkrete Unterstellung einer Rechtstendenz am Ende gar nicht, die Hammer herausgehört haben will. Heute steht aber Aussage gegen Aussage. Denn Stunden nach dem Treffen, am 23. August, hat der Geschäftsführer das Erlebte zusammengefasst. Er hat Namen genannt und alles dem Landesvorstand gemailt. Durch den „umfangreichen Mailverkehr“ im NRW-Verband hat dann auch der Unternehmer H. von dem Verdacht erfahren. Er bestreitet jeden Extremismus, wandte sich an die Staatsanwaltschaft. Das hat bei Hammer Panik ausgelöst. Er wollte nur noch „meine Familie schützen“. Dem Staatsanwalt, sagt er, bot er an, die Mails „im Altpapier“ zu entsorgen. Der habe Ja gesagt.

Piraten
Bei den Piraten eskaliert der Streit

Der Geschäftsführer der NRW-Piraten, Klaus Hammer, ist vom Landesvorstand gefeuert worden. Dabei ist er offenbar nur zufällig zwischen die Fronten...

Für die Partei ist alleine die Mülltonnen-Ablage ein Tabubruch. Ein Pirat, der den Datenschutz verletzt? Hammer haben sie deshalb mit zweijährigem Funktionsverbot belegt.

Ist Gelsenkirchen überall?

Wie viel Einzelfall steckt in der Geschichte? Steht das Gelsenkirchener Chaos für den Zustand der ganzen Partei? Sven Sladek, der Landeschef, will „nirgendwo etwas Ähnliches in der Härte erlebt“ haben. „Unglücklich“ sei die Sache gelaufen. Rechte Tendenzen? Die sieht er nicht. Heute ist in Düsseldorf Vorstandssitzung. Auf der Tagesordnung steht „Hammer-Gate“.

Dietmar Seher

Kommentare
10.10.2012
16:40
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Name von Moderation entfernt | #28

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10.10.2012
16:03
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Name von Moderation entfernt | #27

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

10.10.2012
14:56
@lide | #21
von vaikl2 | #26

Transparenz der Piraten?? Ammenmärchen...

Lesen Sie doch bitte die Presseerklärung des Landesvorstands nochmal genau durch. Die gegenseitigen Vorwürfe sollten und wurden vom Vorstand schön unter der Decke gehalten, solange bis das Verhalten Hammers und die Einschaltung der Staatsanwaltschaft dem Vorstand keine andere Möglichkeit mehr ließ, als ihn vor die Tür zu setzen.

Und solch ein Rauswurf eines Vorstands ist in *jeder* Partei Anlass genug, die Presse zumindest kurz zu informieren. Dass diese dann kräftig nachhakt, ist kein Zeichen von piratischer "Transparenz".

10.10.2012
14:24
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von Joe_Bar | #25

Herr Thies,
das würden die CDUler auch schaffen, wenn sie irgendwann herausfinden was sich hinter dem Wörtchen Blog verbirgt.
:oD

10.10.2012
14:21
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von r.neuert | #24

Ich dachte immer, die FDP sei in Sachen Kasperltheater nicht zu toppen.
Die Piraten, und nicht nur die in Gelsenkirchen, haben mich zu meinem
Erstaunen vom Gegenteil überzeugt,

10.10.2012
14:13
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von seew1 | #23

Wen interessieren die "Praten" denn noch? Sie haben bewiesen, daß sie politikunfähig sind, das reicht!

1 Antwort
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von ExWalsumer | #23-1

Nicht mehr als die anderen Parteien auch.

10.10.2012
13:46
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von holger_thies | #22

Wieso beschweren sich hier so viele, dass man angeblich nur über die Piraten schlecht schreibt? Sind nun auf einmal die Journalisten schuld an deren Misere? Wohl nicht!
Man braucht doch nur deren Forum zu lesen um zu wissen, dass die in einer Woche mehr Müll fabrizieren als die CDU in der gesamten Geschichte ihres Bestehens.

http://250kb.de/xoE6E9W

2 Antworten
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von wissenhilft | #22-1

Na wenigstens findet man es bei denen im Forum und nicht am Hinterzimmerstammtisch. Ausgegangen von der erheblichen Dunkelziffer bei der CDU dürften sie diese aber dennoch lange nicht eingeholt haben ;-)

Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von ExWalsumer | #22-2

Richtig, die Piraten verbergen nichts und man ist jederzeit informiert. Das bedeutet aber nicht nur weil die anderen Parteien heimlichtuer sind, das dort alles in Butter ist!

10.10.2012
13:19
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von lide | #21

Im Gegensatz zu anderen Parteien sind die Piraten transparent und Vorgänge wie der um Herrn Hammer werden öffentlich gemacht. Und wenn die Piratenpartei trotz massiver negativer Berichterstattung immer noch auf 4% kommen, gibt das Anlaß zur Hoffnung. Sind allem Anschein nach noch nicht alle Wähler komplett verblödet.

Schämen das man die Piraten wählt ? Nö, warum auch.

10.10.2012
13:07
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von Schneewittchen68 | #20

@ExWalsumer und Takato: ich kann Ihnen nur Recht geben. Es ist sehr auffällig, dass nur über die Piraten schlecht geschrieben wird. Als wenn die anderen Parteien nicht solche Probleme hätten. Leider bilden sich viele Wähler in diesem Land ihre Meinung aus der Presse und nehmen alles ohne zu hinterfragen an. Nach den ganzen negativen Berichten über die Piraten ist es ja ganz klar, dass man "diese Partei auf keinen Fall wählen kann". Vielleicht sollte die Presse genauso akribisch die anderen Parteien untersuchen. Wer weiss, was da alles ans Licht käme. Obendrein finde ich persönlich es besser, wenn eine Partei offen mit solchen Problemen umgeht, als wenn alles unter den Tisch gekehrt wird.

@Kantor: "wer nichts weiss, wird alles glauben" trifft doch wohl eher auf die Wähler der etablierten Parteien zu, oder? Und woher wollen Sie wissen, dass die Wähler der Piraten nur über Halbwissen verfügen? Sie disqualifizieren sich mit solchen Äußerungen, ebenso wie mit dem Begriff "Primaten" selbst.

10.10.2012
12:48
Piratenkrieg in Gelsenkirchen - Hitlerbild im Büro?
von ExWalsumer | #19

Erst einmal sollte man darauf hin weisen, das es sich hierbei um eine Ortsgruppe handelt. Es geht hier nicht um die ganze Partei sondern eigentlich nur um die Piraten aus Gelsenkirchen.

Zum anderen zeigen diese streitigkeiten einem deutlich, das die Piraten sich ganz klar vom rechten Gedankengut distanziert. Was doch eigentlich positiv zu sehen ist.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, das ich es schade finde, das hier die Zeitung keine Möglichkeit auslässt um negativ über die Piraten zu berichten.
Entweder will man die Piraten schlecht machen, damit diese demnächst den favorisierten Parteien keine Stimmen mehr "klauen" oder man sieht an den ganzen Kommentaren, das man damit gut bei den Leser ankommt und schreibt einfach nur das, was man dem Bild-Leser-Volk verkaufen kann.

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