PID - ethisches Problem oder Hilfe für die Eltern?

Der Bundestag entscheidet über die Zulassung der umstrittenen Gentests an Embryonen aus kuenstlicher Befruchtung. (Foto: dapd)
Der Bundestag entscheidet über die Zulassung der umstrittenen Gentests an Embryonen aus kuenstlicher Befruchtung. (Foto: dapd)
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Was wir bereits wissen
Gentests an Embryonen können nicht sicherstellen, dass Eltern ein gesundes Kind bekommen, sagt Katrin Göring-Eckardt. Ex-CDU-Generalsekretär Peter Hintze will Müttern die Qual einer Totgeburt ersparen. Beide Politiker im Interview mit DerWesten.

Berlin.. Gentests an künstlich befruchteten Embryonen können nicht sicherstellen, dass Eltern ein gesundes Kind bekommen, sagt Katrin Göring-Eckardt (Grüne). Die Vizepräsidentin im Bundestag ist gegen die PID. Bei einer Zulassung befürchtet sie, dass der Mensch entscheidet, welches Leben gelebt werden darf.

Ex-CDU-Generalsekretär Peter Hintze will Müttern die Qual einer Totgeburt ersparen. Deshalb befürwortet der Theologe die PID. Er sieht den Rechtsfrieden in Deutschland gestört, wenn sich heute im Bundestag die Gegner von Gentests an künstlich befruchteten Embryonen durchsetzen.

Warum ist es ethisch nicht vertretbar, die PID zuzulassen?

Katrin Göring-Eckardt: Aus zwei Gründen. So sehr man die einzelnen Paare verstehen kann, so wenig kann man ihnen konkret versprechen, dass sie durch die PID ein gesundes Kind bekommen. Nur vier Prozent der Behinderungen sind schon vor der Geburt ablesbar. Zudem würden mit der PID-Zulassung Embryonen nicht nur auf lebensbedrohende Beeinträchtigungen getestet, sondern auch auf Krankheiten, die erst später im Leben auftauchen könnten. Etwa Krebs, der längst behandelbar ist. Dies führt zu weit.

Warum ist es ethisch vertretbar, die PID begrenzt zuzulassen?

Peter Hintze: Die PID ermöglicht Eltern mit verhängnisvollen erblichen Vorbelastungen „ja“ zum Kind zu sagen. Sie vermeidet einen schweren Schwangerschaftskonflikt, der im schlimmsten Fall in eine Abtreibung führt. Deshalb halte ich es für ethisch geboten, die PID zuzulassen.

Darf der Staat den Eltern verbieten, einen Gentest machen zu lassen?

Göring-Eckardt: Der Staat hat nicht nur eine Fürsorgepflicht gegenüber den Eltern, sondern auch gegenüber behinderten Menschen. Wir würden ihnen mit einer PID-Erlaubnis signalisieren, dass wir sie aussortieren.

Darf sich der Staat in die Entscheidung der Eltern einmischen, einen Gentest machen zu lassen?

Hintze: Der Staat sollte sich in diesem sensiblen Bereich äußerst zurückhalten. Es geht hier wesentlich um eine Gewissensentscheidung der Eltern auf der Grundlage einer umfassenden Beratung.

Handeln die PID-Befürworter „unethisch“, indem sie eine Erlaubnis von Gentests fordern?

Göring-Eckardt: Die Kategorisierung ethisch und unethisch führt uns nicht weiter. Wir können nur im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen abzuwägen, welche ethischen Entscheidungen wir treffen. Auch die Befürworter sind in einen ethischen Kontext eingebunden, wenn auch in einen anderen.

Handeln die PID-Gegner „unethisch“, indem sie ein Verbot von Gentests fordern?

Hintze: Ich habe große Schwierigkeiten zu verstehen, warum unsere Rechtsordnung den Schwangerschaftsabbruch straflos lässt, aber die Vermeidung des Schwangerschaftsabbruchs verboten werden soll. Das wäre ein schwerer Wertungswiderspruch.

Welche Folgen hätte es, wenn sich die Befürworter im Bundestag durchsetzen sollten?

Göring-Eckardt: Dann würden wir Embryonen aussortieren und entscheiden, welches Leben gelebt werden darf. Außerdem muss man für die PID acht Embryonen pro Zyklus herstellen und verstößt damit gegen das Embryonenschutzgesetz. Denn erlaubt sind nur drei. Und wir würden ein Heilsversprechen – nämlich ein gesundes Kind zu bekommen – geben, das die Medizin nicht einlösen kann.

Welche Folgen hätte es, wenn sich die Gegner im Bundestag durchsetzen sollten?

Hintze: Ich fürchte, damit würde der Rechtsfrieden gestört. Dann würde diese wichtige medizinische Hilfe, die Müttern die Qual einer Totgeburt ersparen kann, verweigert werden. Die Bürger wünschen sich eine stimmige Rechtsordnung und würden es ablehnen, wenn der Staat in einer so existienziellen Frage Ärzte und Mütter in einen Zwang zum Unwissen bannen würde.

Ist eine befruchtete Eizelle in einer Petrischale schon ein Mensch?

Göring-Eckardt: In dem Embryo ist alles angelegt, was ihn zum Menschen machen wird. Das ist für mich entscheidend.

Hintze: Ich mache einen deutlichen Unterschied zwischen einer befruchteten Eizelle in einer Petrischale, in der das genetische Programm enthalten ist, das sich zu einem oder mehreren Individuen entwickeln kann, und einem Menschen wie du und ich. Aus einer befruchteten Eizelle kann nur ein Mensch werden, wenn die Einnistung im Mutterleib stattfindet.

Interview: Daniel Freudenreich