Pendler sauer auf Bahn - „Im Viehtransport ist mehr Platz"

Mit dem Zug von Hagen nach Bochum. Frühmorgens ist das Gedränge besonders groß.
Mit dem Zug von Hagen nach Bochum. Frühmorgens ist das Gedränge besonders groß.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Seit Beginn des Wintersemesters sind Bahnhöfe, Regionalzüge und U-Bahnen in Richtung Universität besonders stark bevölkert. Wer frühmorgens unterwegs ist, muss sich auf Körperkontakte einstellen. Findige Pendler wissen: Wer erstmal zwei Stationen in die Gegenrichtung fährt, findet auch in der Bochumer U35 einen gemütlichen Fensterplatz.

Hagen/Essen.. Ab Witten wird es voll. Sehr voll. Längst ist keiner der rot-schwarz-grauen Sitze mehr frei. Und so stehen Anzugträger neben Studenten in Lederjacke, Rollkragen-Pullover neben Hemd und Jackett. Dazwischen zwei Kinder, die sich an den Sitzen festkrallen. Viele hören Musik, die meisten starren mit leerem Blick nach draußen. Pia Leither beschreibt es folgender­maßen: „Jeder Viehtransporter hat mehr Platz pro Schwein.“

Unterwegs mit der 24-jährigen Studentin zur Ruhr-Uni. Start: 7:17 Uhr am Hagener Hauptbahnhof, Gleis 14. Mit der Abellio-Bahn geht es zum Bochumer Hauptbahnhof, von dort mit der U35 zur Uni. Dazwischen volle Gänge, beschla­gene Scheiben und Körperkontakt.

In Dortmund geht es richtig los

Gleiches Bild, anderer Zug: Der RE1 fährt von Hamm quer durchs Ruhrgebiet: Dortmund, Bochum, Wattenscheid, Essen, Duisburg. Seit zehn Jahren fährt die 26-jäh­rige Karin Kersting morgens von Hamm nach Dortmund. „Oft ist es voll. Es nervt, wenn man stehen muss“, sagt sie: „Ich finde, dass es schlimmer geworden ist.“

Dabei geht es erst richtig los, als die Krankenkassen-Angestellte den Regionalexpress fünf Minuten später als geplant um 7:48 Uhr ­verlässt. Die Türen der Bahn saugen die zahlreichen Wartenden auf Gleis 11 förmlich auf. Die Ersten verteilen sich zügig auf die wenigen freien Sitzplätze, der Rest sucht sich einen Stehplatz im Gang oder hockt sich auf die Treppen. Dann ist es ruhig. Müde Gesichter ­schauen aufs Smartphone oder aus dem Fenster der Sonne zu, wie sie sich durch die Wolken kämpft. Im Hintergrund brummt der Zug.

"Der doppelte Abiturjahrgang macht sich bemerkbar"

Pia Leithe ist mittlerweile fast am Bochumer Hauptbahnhof. Sie ­studiert Englisch und Literatur­wissenschaften, zusätzlich arbeitet sie im Studentenservice. Fünfmal die Woche geht es deswegen von Hagen nach Bochum und zurück. Das schlägt sich im Humor nieder: „Voll ist, wenn keiner mehr rein passt.“

Und sie erzählt von ihren Tricks: Einen Zug eher zu nehmen oder mit der U35 zwei Stationen in die entgegengesetzte Richtung zu fahren, um dann in eine leere Bahn zu steigen. „Schlimm ist es, wenn man müde ist und dann schon ­morgens so viele Menschen um einen herumstehen“, sagt Leithe: „Dann denkt man: ,Ich möchte nicht mehr’.“ Doch ein Auto kann sie sich nicht leisten, sie ist auf die Bahnen angewiesen.

Als es ihr zu bunt wurde, ist sie mit ihrem Freund nach Bochum gezogen. Dieser hat aber mittlerweile sein Studium abgebrochen, deswegen ging es zurück nach ­Hagen: „Ich habe seitdem das ­Gefühl, die Bahnen sind noch ­voller. Der doppelte Abiturjahrgang macht sich bemerkbar.“

Im Schneckentempo durch den Hauptbahnhof

Der Abellio kommt in Bochum um 7:41 Uhr an. Planmäßig. Gemächlich kämpft sich ein Großteil der Menschenmasse von Gleis 3 zur U35. „Das Schneckentempo ist ­besonders nervig“, bemerkt Pia Leithe, die in kleinen Schritten der neunminütigen Fahrt in Richtung Ruhr-Uni näher kommt.

Verkehr „Kuschelbahn“ nennen die ­Studenten die Linie, die von ­„Herne Schloss Strünkende“ bis „Hustadt“ fährt und vor allem auf den sieben Haltestellen von „Bochum Hbf“ bis „Ruhr-Universität“ ihre volle Wirkung entfaltet. Dicht an dicht drängeln sich die Studenten, zu denen sich in der ferienfreien Zeit noch Schüler gesellen. Ohne Kuscheln geht es nicht.

Pia Leithe steht an der Tür und wird an der Ruhr-Uni mit der ­Menschenmasse ausgespuckt. Ein letztes Mal Schneckentempo die Treppe zur Uni hoch, dann verteilt sich die Menge und jeder geht wieder seine eigene Geschwindigkeit. „Das Gute ist, dass das Studententicket günstig ist“, sagt Leithe: „Wenn ich den normalen Fahrpreis bezahlen würde, wie viele Arbeiter, wäre ich wirklich sauer.“