PCB-Alarm - Envio droht das Aus auch in Korea
15.06.2011 | 13:50 Uhr 2011-06-15T13:50:00+0200
Dortmund/Seoul. Das zweite Standbein der Dortmunder PCB-Skandalfirma Envio wackelt. Die koreanischen Behörden wollen das Werk in Südkorea schließen.
Ein Jahr nach dem Aus für den Dortmunder PCB-Entsorger Envio wackelt auch das zweite Standbein des Konzerns in Südkorea. Weil ein offenbar PCB-verseuchter Transformator im Freien zerlegt wurde, wollen die Behörden das Envio-Werk in der Region Jeonju schließen. Es wäre ein schwerer Schlag für die börsennotierte Aktiengesellschaft. Die Giftfirma klagt dagegen. Unterdessen ist der Vize-Präsident von Envio Korea, Baek Gil-Haeng, bereits vergiftet. Die PCB-Menge in seinem Blut liegt fünffach über dem Grenzwert.
„More than the best, better than the most“ – mehr als das Beste, besser als die meisten. Mit diesem Slogan und vermeintlich lukrativen Großaufträgen wirbt die Envio Recycling GmbH im Internet für ihre koreanische Tochtergesellschaft. Doch die Wirklichkeit im fernen Südostasien sieht anders aus. Nach Recherchen der WAZ steht es schlecht um Envio Korea.
Augenzeuge zeigte Envio an
Am 26. März klingelte bei der Bezirksregierung Jeonju das Telefon. Der Anrufer erstattete Anzeige. Er hatte beobachtet, wie auf dem Envio-Gelände ein Großtransformator zerlegt wurde – unter freiem Himmel, im Dunkeln, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Er habe gesehen, wie das Isolieröl ausgelaufen sei, sagte der Augenzeuge. Solche Isolieröle von Transformatoren enthalten das krebserregende Gift PCB.
Das regionale Umweltamt reagierte sofort und ordnete eine dreimonatige Betriebsstilllegung an. Zudem verhängte die Behörde eine Geldstrafe von umgerechnet rund 10 000 Euro. Envio legte Widerspruch ein. Der Prozess läuft noch.
Masken wie aus dem Baumarkt
Bilder, die der WAZ vorliegen, belegen: 8500 Kilometer südöstlich der Ruhr bearbeitet Envio PCB-haltiges Material ähnlich wie über Jahre in Dortmund – ähnlich unsachgemäß. Zum Leidwesen der Beschäftigten. Statt der vorgeschriebenen Gasmasken tragen die Arbeiter im Werk Jeonju einfache Staubmasken, wie sie in jedem Baumarkt zu haben sind. „Die nützen vielleicht bei Asbest und anderen Staubpartikeln“, sagt Michael Müller, PCB-Berater der Vereinten Nationen. „Doch bei PCB sind sie wirkungslos und deshalb für die Arbeiter höchst gefährlich.“
Auch die bei der PCB-Entsorgung obligaten Ganzkörperschutzanzüge gehören bei Envio Korea nicht zur Grundausstattung. Während des Gifteinsatzes tragen die Beschäftigten in Jeonju leichte Overalls. Halb heruntergezogene Reißverschlüsse geben den Blick auf Oberkörper frei, die nur von T-Shirts bedeckt sind. Auf vergleichbare Arbeitsbedingungen werden europaweit beispiellose Vergiftungen zurückgeführt: In Dortmund lagen die PCB-Werte im Blut von Envio-Arbeitern in der Spitze um mehr als das 25 000-fache über dem Durchschnitt.
„Besserer Schutz würde viel Geld kosten“
Schlips und Kragen trägt Baek Gil-Haeng. Der Vize-Präsident von Envio Korea sitzt eben meist im Büro. Dass er dennoch fünffach mit PCB verseucht ist, verdeutlicht die Risiken in dem Betrieb. „Wir könnten natürlich bessere Masken und bessere Klimaanlagen benutzen oder in etwas besser isolierten Räumen arbeiten und mehr Schutzkleidung tragen“, sagt Na Yoon-Tae, Präsident von Envio Korea. „Das würde aber viel Geld kosten.“
Trügen seine Leute eine bessere Schutzausrüstung, dann hätte dies einen weiteren Nachteil: „Dann können wir nicht lange arbeiten.“ Schon unter der Staubmaske sei es „sehr stickig“. Mit effizienterem Schutz „müssten die Arbeiter jede Stunde rotieren, sonst könnten sie nicht arbeiten“, sagt Na Yoon-Tae. Seine Leute seien „flexibel“, denn: „Bei nicht so kritischen Orten verzichten sie auch mal auf die Masken.“
Envio-Chef auf Tauchstation
Von der Envio AG gab es gestern keine Stellungnahme zur Situation in Korea. Vorstandschef Dr. Dirk Neupert war nicht zu erreichen.

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